Man spricht Deutsch

VOR-SICHT: „Der Tod kommt nach Venedig“, Krimidrama, Regie: Johannes Grieser, Buch: Stefan Wild, nach einer Vorlage von Till Endemann und Kai-Uwe Hasenheit, Kamera: Enzo Brandner, Produktion: Polyphon Pictures, Epo-Film (ARD/Degeto/ORF, 6.8.22, 20.15-21.45 Uhr)

epd Es mag sich in den vergangenen Jahren manches getan haben bei der lange Zeit vor allem für schlichten Unterhaltungseskapismus berüchtigten Degeto, ganz von ihrem einstigen Wesenskern aber hat sich die ARD-Tochter noch nicht entfernt. Die Dauerbrennerreihe „Donna Leon“ (2000 bis 2019) um den venezianischen Commissario Brunetti lässt jedenfalls grüßen, wenn die neue Degeto-ORF-Koprodukion „Der Tod kommt nach Venedig“ mal wieder zum Krimirätselraten in die Lagunenstadt einlädt. Auch hier ist der Schauplatz der Star und es gilt der Grundsatz: Am Lido sprechen vom Gangster bis zum Kommissar (fast) alle Deutsch. „Signora, ich habe die Ergebnisse der Obduktion erhalten, buona serrata“, so klingt das dann. Wie beim Italiener um die Ecke.

Abgesehen von diesem Zugeständnis an den Mainstream - und abgesehen vom uninspirierten Thomas-Mann-Trittbrettfahrer-Titel - ist es allerdings bemerkenswert, was die Mitwirkenden aus einem Plot machen, der sich nicht unbedingt realitätsnah liest: Die Wiener Physiotherapeutin Anna (Alwara Höfels), vorübergehend alleinerziehende Mutter des elfjährigen autistischen Paul (Filip Wyzinski), erhält telefonisch die Nachricht vom Tod ihres Mannes in Venedig. Der Gemälderestaurator Lukas (Roman Binder) ist, wie der Vorspann bereits enthüllt hat, auf der Flucht vor wem auch immer in einen Kanal gestürzt und wurde von einem Wassertaxi erfasst.

Um Lukas’ letzte Dinge zu regeln, reist Anna mit Paul nach Italien, quartiert sich ein bei Lukas’ bestem Freund - dem Galeristen Rafael (Christopher Schärf) - und merkt wegen einiger Ungereimtheiten schnell, dass es den Beschwichtigungen des lustlosen Kommissars (Rudy Ruggiero) zum Trotz wohl eher kein Unfall war, der ihren Mann das Leben kostete. Wieso weist der Leichnam Verbrennungen auf? Und warum hatte Lukas seine Wohnung gekündigt? Alwara Höfels verkörpert die Protagonistin so gleichermaßen emotional wie handfest, dass ihre Entwicklung zur Ermittlerin in eigener Sache glaubhaft erscheint. Begleitend hat Drehbuchautor Stefan Wild das Täterrätsel mit kuriosen Kunstdetails ausgeschmückt.

So erweist sich Lukas in schwarz-weißen Erinnerungsflashbacks von Anna als genialischer Gaukler, leidenschaftlicher Renaissanceliebhaber und Fälscher mit Herz, der den alten Meistern aus Verehrung nachzueifern versuchte, nicht etwa aus Profitgier. Um ganz nach alter Technik arbeiten zu können, hielt er in seiner Wohnung Hühner, die er carotinfrei ernährte, so dass sie ihm weiße Eidotter zum Tönen der Farbe lieferten. Die Kondome, die Anna in seinen Sachen findet, benötigte er zum Einsumpfen des giftigen Bleiweiß, wofür früher Schweineblasen verwendet wurden.

Von einem Museum war Lukas mit der Restaurierung des Botticelli-Gemäldes „Bildnis einer Dame“ beauftragt worden und hatte das Werk gleich noch kopiert, jedoch mit seiner eigenen Signatur versehen. Nun fehlt dem Museum das Original, die Direktorin (Julia Stemberger) bangt um ihre Karriere und der mutmaßliche Auftraggeber der Fälschung, ein koreanischer Milliardär namens Herr Lee (Hyun Wanner), schäumt, weil er sich um seine Beute gebracht sieht. Das wiederum bekommt die sinistre Kunstagentin Federica (Katia Fellin) zu spüren, die auch mit Lukas in Kontakt stand und der Herr Lee zur Bekundung seines Missfallens brühend heißes Teewasser über die Hand gießt.

Parallel zum sich entfaltenden Old-School-Krimi, in den sich bald ein Polizei-Capitano (Leonardo Nigro) aus der Abteilung Schutz von Kunst- und Kulturgütern einschaltet, muss sich Anna um ihren Sohn mit Spektrum-Störung kümmern, den sie überwiegend Rafael anvertraut. Auch für diesen Erzählstrang gilt: So erkennbar er darauf angelegt ist, dem Geschehen noch was fürs Herz hinzuzufügen, so überzeugend gelingt es Höfels und ihrem jungen Spielpartner Filip Wyzinski, den gegebenen Rahmen mit Leben zu füllen. „Red nicht so geschwollen, du bist elf“, gibt die Mutter schroff zurück, als der Junge ihre Unpünktlichkeit mit den Worten „In meinem Alter brauch ich Verlässlichkeit“ rügt. Paul spürt trotzdem ihre Liebe und dankt es ihr mit der ihm möglichen Kooperation. Anrührend sein Ringen um Struktur („Frühstück ist wichtig“) und „angemessene“ Verhaltensweisen, erfrischend seine Distanz zu den Erziehungsbemühungen von „Onkel“ Rafael.

Um zur Lösung des Falls vorzudringen - sollte Lukas wirklich das Original aus dem Museum geschmuggelt haben und wenn ja, wie und wohin? -, muss Anna schließlich noch die Botschaft eines weiteren Kunstwerks dechiffrieren: Eine Postkarte mit dem „Festmahl der Götter“ von Max Ernst, die ihr Lukas kurz vor seinem Tod nach Wien geschickt hat, enthält entscheidende Hinweise. Unterm Strich bleibt die Scharade Unterhaltungseskapismus nach Degeto-Art - aber zumindest liebevoll ausgestaltet.

Aus epd medien 31/22 vom 5. August 2022

Peter Luley