Man darf lachen

Demo gegen Antisemitismus
Demo gegen Antisemitismus

"Meschugge oder was - Jude werden, Jude sein in Deutschland", Dokumentation, Regie und Buch: Dmitrij Kapitelman, Ralf Dörwang, Kamera: Andrzej Król, Christian Gruber, Bernd Kreidel, Dirk Treske, Produktion: Nordend Film (ZDF, 22.1.19, 0.00-0.45 Uhr)

 

Dmitrij Kapitelman ist Jude, aber nicht so richtig. Da seine Mutter nicht Jüdin ist, ihm also gemäß der Mutterregel die jüdische Identität nicht vererben konnte, gilt der Sohn eines ukrainischen Juden als sogenannter Vaterjude. Er ist, mit eigenen Worten, ein "Mängelexemplar". Ein Zustand, mit dem seine Freundin Anna nicht ganz zufrieden ist. Die Familienplanung steht an, und der jungen Jüdin wäre es recht, wenn das gemeinsame Kind in geordneten Verhältnissen aufwachsen würde. Dmitrij soll konvertieren. Doch dann müsste er das werden, was er eigentlich schon ist. Alles klar?

 

Konvertieren ist gar nicht so einfach. Traditionell wird ein Konvertit vom Rabbi dreimal abgewiesen. Wer sich im vierten Anlauf noch sicher ist, muss 613 Gebote und Verbote lernen: Ein spannendes Thema für eine Fernsehdokumentation. Nach seinem viel beachteten Romandebüt "Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters" bleibt Kapitelman auch in diesem Film, den er gemeinsam mit dem Fernsehautor Ralf Dörwang realisierte, dem Thema der Ergründung jüdischer Identität treu. Konvertieren also: Wie machen das eigentlich andere? Etwa 100 deutsche Christen treten jährlich zum jüdischen Glauben über. Einigen von ihnen schaut Kapitelman dabei über die Schulter.

 

Antonia, eine 29-jährige Theologiestudentin aus Berlin, entschied sich für die orthodoxe, das heißt für die streng konservative Form des Judentums. Nach ihrer Rückkehr von einer Israelreise lebte sie einfach weiter so, "als läge ihr Berlin-Wedding-Apartment in Jerusalem". Das Interesse am Glauben hängt für die introvertierte Malerin nicht von der offiziellen Bestätigung durch den Rabbi ab.

 

Claudia, die sich für die liberale Variante entschied, sieht das anders: "Ich möchte den Stempel drauf haben", erklärt die extrovertierte Berlinerin und meint damit die offizielle Anerkennung durch die Gemeinde. Ob sie die bekommt, ist fraglich, denn sie trägt ein kaum übersehbares Davidstern-Tattoo auf dem Oberkörper, aber Tätowierungen und Piercings sind im Judentum traditionell verboten.

 

Das Bild, das Kapitelman von den Konvertiten zeichnet, ist nicht immer schmeichelhaft. Das gilt auch für Felix, den Sohn von Wolf Biermann, der jetzt Elia heißt und mit seiner Familie in Israel lebt. Die Bedrohung der Juden in Deutschland hielt er für zu gefährlich. In Israel "sind wir alle Ziel". - "Wenn aber", so Kapitelmans Einwand, "alle Zielscheibe sind - ist dann der einzelne weniger gefährdet? Komischer Standortvorteil." Es sind diese trockenen und manchmal unbequemen Einwürfe, die seiner essayistischen Doku die Würze geben. Der Film ist zwar nicht auf Krawall gebürstet, zielt mit seinen reportageartigen Beobachtungen aber auch nicht auf eine politisch korrekte Harmonie.

 

Dabei zeichnet sich jene faszinierende Vielfältigkeit des jüdischen Spektrums ab, die spätestens dann auch sinnlich erfahrbar wird, wenn Kapitelman zur Klärung den Rabbi um Rat fragt. Die Antworten von Walter Rothschild, von 2005 bis 2015 Landesrabbiner in Schleswig-Holstein, sind eindeutig zweideutig: Denn: "Wenn ein Rabbi eine einfache Antwort gibt, ist er kein guter Rabbi." Ist das nun ernst gemeint oder witzig? Einen Hinweis auf das Verhältnis von Witz und Ernsthaftigkeit im Judentum gibt der Film, indem er zeigt, wie der Rabbi im Nebenberuf als spitzzüngiger Kabarettist auftritt und sein Publikum, darunter auch Mädchen mit Kopftuch, nach dem Charakteristikum jüdischen Blutes fragt. Dieses sei "Jesus-negativ".

 

Dieser selbstironische und oft augenzwinkernde Tonfall prägt den unverkrampften Stil der Dokumentation. Um seine paradoxe Situation zu verbildlichen, erklärt Kapitelman, Jude zu sein, sei für ihn wie "die lebenslange Mitgliedschaft in einem Schwimmbad, das nie mit Wasser gefüllt ist". Der Filmautor führt diese eigenartige Situation mit einem leeren Schwimmbecken vor Augen, in dem er sich mit Liegestuhl niederlässt oder die Kacheln schrubbt.

 

Neben diesem lässigen Witz, mit dem Kapitelman sich selbst auf die Schippe nimmt, gibt es in seinem Film auch immer wieder Momente des Hinhörens. Im nordhessischen Felsberg beispielsweise spricht der Autor mit Christian Lehmann, wie Kapitelman auch ein "Vaterjude". Wie in jeder jüdischen Gemeinde muss auch in diesem verschlafenen Provinznest jede kleine jüdische Zusammenkunft von einem Polizei-Mannschaftswagen geschützt werden - während ein paar Hundert Meter weiter ein Stadtverordneter seine Meinungsfreiheit bekundet, indem er eine zehn Meter lange Anti-Israel-Flagge aus einem Fachwerkhaus heraushängen lässt.

 

Dieses Aufeinanderprallen von Welten wird nicht mit erhobenem Zeigefinger kommentiert. Es ist das beiläufige Wechselspiel zwischen Harmonie und Absurdität, das diesen Film auszeichnet, in dem man manchmal nicht so genau weiß, ob man schmunzeln oder entsetzt sein soll. Im Judentum, so Rabbi Rothschild, sei es wichtig, dass man lernt, dass man lachen darf. Davon erzählt der Film auf ansteckende Weise (Wiederholung am 31. Januar um 10 Uhr im ZDF).