Märchenstunde

VOR-SICHT: „Das Wunder von Kapstadt“, Fernsehfilm, Regie: Franziska Buch, Buch: Christoph Silber, Kamera: Bella Halben, Produktion: Producers at Work (ARD/ORF/Degeto, 17.12.22, 20.15-22.00 Uhr)

epd Ein Vorschlag für ein Zeitgeschichte-Eventmovie im Degeto-Modus: Der Wettlauf um die Eroberung des Weltraums hält Mitte der 60er Jahre die Welt in Atem. Wird der erste Mensch auf dem Mond ein Sowjetbürger oder Amerikaner sein? Mann oder Frau? Am 16. Juli 1969 fliegt die Rakete der US-Amerikaner ins All, an Bord die alten Bekannten Armstrong, Aldrin und Collins, aber auch eine Frau, die sich den Benachteiligungen zum Trotz ihren Platz an Bord erarbeitet hat, gegen das Versprechen, nicht im Bild zu erscheinen. Als Neil Armstrong fünf Tage später die Leiter der Mondfähre herabsteigt, vergisst er vor Aufregung die amerikanische Flagge. In einer dramatischen Aktion schmeißt sich die Frau, ausgestattet mit brillanter Intelligenz, Weitblick und Empathie, in einen Raumanzug, der auf männliche Anatomie ausgerichtet ist. Unter entsprechender Gefahr für Leib und Leben reicht sie dem Kollegen die Flagge, spricht im Scherz vom „großen Sprung für die Menschheit“. Dann entstehen die ikonografischen Bilder, die die meisten von uns kennen. Die Mondoberfläche, der Astronaut, die Flagge. Der Held der Geschichte wiederholt die Worte der Frau, sie scheinen ihm passend. Nach der Rückkehr zur Erde fährt sie allein heim.

Ein solcher Film wäre selbstverständlich grober Unfug, würde aber ausgezeichnet zu „Das Wunder von Kapstadt“ passen. Dieser Film ist genau nach diesem Drehbuchmuster gestrickt, er lässt seine Heldin, die Ärztin Lisa Scheel (Sonja Gerhardt), Worte von sich geben und Taten begehen, die am Verstand der angeblich brillanten Chirurgin zweifeln lassen. Für Frauen und Schwarze ist kein Platz auf dieser Welt, sinniert sie, als sie im Herbst 1967 in Südafrika auf den Gärtner Hamilton Naki (Loysio Macdonald) trifft, der, heimlich unterstützt vom berühmten Herzchirurgen Christiaan Barnard (Alexander Scheer), im Keller des Groote Schuur Hospitals Menschenaffen operiert.

Im Gegensatz zu Barnard, der die Lorbeeren für die erste erfolgreiche Herztransplantation der Geschichte ernten wird, aber in der Wirklichkeit dieses Spielfilms im entscheidenden Moment der Operation mit Handzittern (zu viel Party? Alkohol? Nein, eine Erkrankung!) zu kämpfen hat, ist Naki ein perfekter Operateur. Fast wäre hier also am 3. Dezember 1967 alles schiefgegangen.

Hinter einer Scheibe verfolgen Scheel und Naki die OP. Als Barnard zu versagen droht, schickt Scheel warme Gedanken und Naki vollführt, gespiegelt in der Scheibe, den besonderen Antizitter-Scherengriff in der Luft, den er Barnard zuvor gezeigt hat. Alles wird gut - der Patient wird allerdings nicht länger als 18 Tage überleben. In den Geschichtsbüchern gibt es keinen Platz für Dr. Scheel, eine fiktive Figur. Hamilton Naki hat es wirklich gegeben. Seine Freundschaft mit Barnard und dessen Förderung Nakis, der im Apartheidregime kein Chirurg sein durfte, ist verbürgt. Gegen Ende seines Lebens, da war die Apartheid Geschichte, erhielt er eine Ehrendoktorwürde. So weit, so interessant.

Die Rahmenhandlung um den Wettlauf zur ersten Herztransplantation, die aus Christiaan Barnard eine Weltberühmtheit machte, ist in diesem Film eine hanebüchene Farce. Man nehme: „Charité“, mische eine Portion „Kudamm“-Trilogie darunter, verpflichte entsprechende Schauspieler, achte auf die Zutaten Emanzipation, Gleichstellung, Rassismus, Zeitkritik, Empathie und Unbeugsamkeit. Heraus kommt ein Geschichtsfilm, der an innerer und äußerer Unwahrheit kaum zu überbieten ist.

Sonja Gerhardt als gerechtigkeitsfixierte Ironwoman mit fotografischem Gedächtnis wirkt nicht wie eine glaubwürdig ins Zeitpanorama eingefügte Figur. Ihre Rolle ist seifig, einerseits soll sie hyperintelligent sein, andererseits bodenlos naiv und unerfahren. So fährt sie allein mit dem Taxi zur Township, in der Hamilton Naki wohnt und schwarze Patienten behandelt. Als der sie warnt, dass es für sie als weiße Frau dort nicht sicher sei, schaut in der nächsten Sekunde ein bedrohlich aussehender schwarzer Mann aus der Tür.

Nach Kapstadt ist die Ärztin Scheel aus Berlin geflohen, nachdem ein Mitchirurg sie bei der Kapazität Professor Kohlfeld (mit routinierter Arroganz von Fritz Karl gespielt) mit ihren Notizen aus dem Feld geschlagen hat. Scheel, die in Wirklichkeit Kohlfelds heimliche Tochter ist (!), memoriert dessen Aufzeichnungen zum Problemkomplex Herzverpflanzung und nimmt den nächsten Flieger nach Südafrika. Schon auf der Fahrt zum Krankenhaus erlebt sie empörende Polizeigewalt und Willkür gegen einen schwarzen Passanten. Überraschenderweise trifft sie auf eine andere Frau im Team Barnards und flüstert diesem in weiblicher List Kohlfelds professionelle Geheimnisse. So verschafft sie Barnards Team den entscheidenden Vorsprung.

Wo in Berlin alles in düsterer, ehrwürdig-wissenschaftlicher Bildstrenge gehalten ist, werden die Farben in Südafrika leuchtend, das Naturpanorama wird weit. Schließlich badet Scheel die Füße im Wasser des Ozeans. An der Seite von Naki, zu dem sie sich spontan beruflich hingezogen fühlt, erlebt sie die Auswirkungen der Apartheid und rassistischen Hass, fühlt als Frau mit ihm mit und fordert ihn auf zu kämpfen.

Recht spannend hat Franziska Buch die Vorbereitungen der bahnbrechenden Operation, die Suche nach Spendern und das Teamwork rund um Barnard inszeniert. Alexander Scheer überzeugt als Star-Chirurg und Jetset-Figur. Vor allem das Drehbuch von Christoph Silber aber lässt zu wünschen übrig. Die grobschlächtige Gleichsetzung der Behandlung von Schwarzen unter dem brutalen und willkürlichen rassistischen Regime der Apartheid mit der beruflichen Benachteiligung von Frauen im Berlin der 60er Jahre, die die dramatische Struktur des Films beherrscht, ist mindestens geschmacklos. Historie und Fiktion können im Spielfilm gern vermengt werden, ihre Vermischung kann augenöffnend sein, für ein breites Publikum vielleicht sogar geboten. Realität, auch zeitgeschichtliche, braucht Erzählung. Aber eine Märchenstunde wie „Das Wunder von Kapstadt“ braucht niemand.

Aus epd medien 50/51/22 vom 16. Dezember 2022

Heike Hupertz