Märchenhaftes Oberbayern

VOR-SICHT: „12 Tage Sommer“, Fernsehfilm, Regie: Dirk Kummer, Buch: Jacob Fuhry, Kamera: Felix von Muralt, Produktion: Hager Moss (ARD/BR, 10.11.21, 20.15-21.45 Uhr)

epd Wandern liegt seit einigen Jahren angeblich im Trend. „Warum Wandern jetzt cool ist“, erklärt mir meine Krankenkasse, und laut einer Umfrage favorisieren mehr als 17 Millionen „Personen in Deutschland“ den Wanderurlaub. Deutschland hat „des Müllers Lust“ gepackt. Da hat der Bayerische Rundfunk schon mal alles richtig gemacht mit diesem Fernsehfilm, der aus irgendeinem Grund auch zum fiktionalen Fernseh-Höhepunkt der ARD-Themenwoche „Stadt. Land. Wandel - Wo ist die Zukunft zu Hause?“ erkoren wurde. Vielleicht weil irgendwie alles darin vorkommt, die Stadt (München), das Land (Oberbayern) und auch der Wandel, wenn auch nicht zwischen Stadt und Land, sondern im Verhältnis zwischen Vater und Sohn.

Marcel (Mehdi Nebbou) und Felix (Yoran Leicher) wandern von München nach Garmisch und klettern dann auch noch auf den Gipfel der Zugspitze. Gut 100 Kilometer in zwölf Tagen, das klingt machbar. Zumal ein Esel namens Maria das Gepäck trägt. Die Gottesmutter gilt den Katholiken als Schutzheilige Bayerns, eine Pilgerreise wird aus dem Film aber nicht, auch wenn Felix mal unverhofft mit dem Vaterunser konfrontiert wird. Nun tauchen Figuren wie der unzuverlässige Vater und das stets genervte, pubertierende Kind gefühlt in jedem zweiten Familiendrama auf. Auch muss man erst die leicht holprige Exposition hinter sich lassen, ehe der Film zur Ruhe und gleichzeitig als oberbayerisches Roadmovie auf Touren kommt - wobei „Roadmovie“, wörtlich genommen, eine nicht ganz zutreffende Genre-Bezeichnung ist, weil die Protagonisten ja die Straßen bewusst meiden.

„Zeigen Sie ihm, dass er wichtig ist“, sagt die kluge Jugendrichterin (Franziska Schlattner) zu Marcel und gibt ihm einen Monat Zeit, um wieder ein verlässlicher Vater für seinen 15-jährigen Jungen zu werden, der gerade betrunken Auto gefahren war und sich im Krankenhaus selbst entlassen hatte. Die Eltern leben getrennt und sind sehr mit sich selbst beschäftigt. Die Mutter tritt nur als Stimme am Telefon in Erscheinung. Sie wird vom Drehbuch mit dem Hinweis aus dem Spiel genommen, dass sie sich bei einem Schweigeseminar in der Schweiz befinde. „12 Tage Sommer“ konzentriert sich ganz auf die Vater-Sohn-Beziehung.

Marcel kümmert sich zwar, aber anfangs nach dem Motto: wohl oder übel. Bei der Richterin scheint weniger der minderjährige Felix als der Vater auf der Anklagebank zu sitzen - eine mehr oder weniger subtile Ermahnung an die Väter im Fernsehpublikum, sich bei der Kindererziehung nicht dünne zu machen. Der erhobene Zeigefinger wird jedoch schnell gesenkt, denn die Vorlage von Autor Jacob Fuhry setzt Regisseur Dirk Kummer („Zuckersand“) charmant um: als unterhaltsame Reise in zwölf Tages-Kapiteln mit ernsten und komischen Begebenheiten und beinahe märchenhaften Nebenfiguren in einem Oberbayern ohne Folklore- und Bierwerbung-Klischees.

Für den leicht mystischen Zug sorgt unter anderem Schauspieler Michael Kranz mit seiner unverwechselbaren Physiognomie. Kranz taucht zu Beginn als Eselfarmer und später noch in zwei weiteren Rollen auf, die aus der Zeit gefallen scheinen. Und dann sind da noch die fliegende Prinzessin und die alte Honig-Hexe - so möchte man die beiden Nebenfiguren bezeichnen, die das Vater-Sohn-Drama ein wenig märchenhaft auflockern.

Despina (Amira Demirkiran) scheint vom Himmel gefallen zu sein. Jedenfalls hat sich die leidenschaftliche Drachenfliegerin bei einer offenbar verunglückten Landung direkt vor Felix' Nase mit ihrem Fluggerät in einem Baum verheddert. Die selbstbewusste junge Frau verdreht Felix den Kopf und hinterlässt eine geheimnisvolle Botschaft. Auch Elisabeth (Monika Baumgartner) kommt wie gerufen: Nachdem Marcel über eine Zeltschnur gestolpert und mit dem Hintern auf ein Brett mit hervorstehendem Nagel gefallen ist, hilft die alleinstehende Witwe mit einer zupackenden Wund- und Honig-Behandlung aus. Und trägt gleich noch mit ihrer Lebenserfahrung zur Versöhnung zwischen Vater und Sohn bei.

So fädeln Drehbuch und Regie die Annäherung der Protagonisten lakonisch und warmherzig ein, ergänzt durch knappe Dialoge, in denen sich Marcel und Felix einiges an den Kopf werfen. Unter dem Eindruck des gemeinsamen Abenteuers lassen sich Vater und Sohn mehr und mehr aufeinander ein. Gefühle werden nicht dick aufgetragen, auch nicht als musikalisch scheppernder Brei, sondern entwickeln sich aus den Figuren und der Geschichte. Die für Vater und Sohn bisweilen beschwerliche Wandertour wird zu einem überraschend leichtfüßigen Roadmovie.

Aus epd medien 44/21 vom 05. November 2021

Thomas Gehringer