Liebe überwindet alles

VOR-SICHT: "Der Überläufer", Fernsehfilm, Regie: Florian Gallenberger, Buch: Bernd Lange, Florian Gallenberger nach dem gleichnamigen Roman von Siegfried Lenz, Kamera: Arthur Reinhart, Produktion: Dreamtool Entertainment (ARD/NDR/SWR/Degeto, 8. und 10.4.20, 20.15-21.45 Uhr)

Wen beschäftigt heute noch Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür" oder Alfred Anderschs "Sansibar oder der letzte Grund"? Wen Wolfgang Koeppens "Tauben im Gras", Heinrich Bölls "Ansichten eines Clowns" oder Martin Walsers "Ehen in Philippsburg"? In allen Fällen handelt es sich um einst hoch gelobte moderne Klassiker, an denen sich der Zustand der jungen (Bundes-)Republik nach dem Zweiten Weltkrieg ablesen ließ. Sie wurden vom Feuilleton gefeiert, als erzählerische Meisterwerke gelobt. Die Zeit und die gesellschaftlichen Veränderungen sind über ihren Erfahrungsschatz und den Erzählton hinweg gegangen. Manches wirkt überlebt, fast alles bieder und betulich. Klassiker brauchen lebendigen Umgang, das wusste schon Lessing: "Wer wird nicht einen Klopstock loben? / Doch wird ihn jeder lesen? / Nein. / Wir wollen weniger erhoben und fleißiger gelesen sein." Verlebendigung liegt auch in der künstlerischen Auseinandersetzung.

Siegfried Lenz' Werk ist es in den vergangenen Jahren besser ergangen als dem der genannten Autoren, Martin Walser einmal ausgenommen. Zum einen mag das am Bestsellerstatus des Romans "Deutschstunde" liegen (zuletzt wieder fürs Kino verfilmt), sicher aber auch an den vielen Fernsehinszenierungen. Jan Fedder war für Lenz, so hat er es vor seinem Tod bestätigt, ein Idealschauspieler, "Der Mann im Strom" zeugt davon. "Arnes Nachlass", "Die Auflehnung" und "Das Feuerschiff" - für den NDR wirkt Lenz auch nach seinem Tod als Hausautor. Beim ZDF ist Regisseur Thomas Berger schon mehrere Male auf Lenz' Spuren unterwegs gewesen. "Der Verlust", "Die Flut ist pünktlich", "Der Anfang von etwas", daneben gab es hier die stimmungsvoll verfilmte Liebesnovelle "Schweigeminute" mit Julia Koschitz und Jonas Nay (Kritik in epd 45/16).

Siegfried Lenz ist eine sichere Bank, wenn es um die Verbindung von Popularität, nicht zu hohem literarischem Anspruch, Zeithistorie und Liebesdramen geht. Dass dabei die Drehbücher mit den Erzählungen oft kaum mehr als das Erzählgerüst gemein haben, wie beim ZDF-Thriller "Der Anfang von etwas", stört die wenigsten. Gelegentlich aber ist in den neueren Fernsehfilmen "Siegfried Lenz" eher ein aufwertendes Marketing-Etikett. Norddeutsche Elegie, viel See und massig Sturm, anthropomorphisierte Natur, gepflegte Beziehungsdramatik - voilà.

Mit dem Zweiteiler "Der Überläufer", den die ARD in der Karwoche zeigt, verhält es sich in Teilen anders, im Ergebnis aber nicht unbedingt. Die Absicht ist aller Ehren wert. Zum 75. Jahrestag des Kriegsendes und der Befreiung Deutschlands, die mitnichten eine geistige Befreiung war, entfaltet Regisseur Florian Gallenberger mit dem Autor Bernd Lange eine Ansicht der letzten Kriegszeit und der ersten Nachkriegsjahre, von Mitte 1944 bis mitten ins Wirtschaftswunder hinein. Zugrunde liegt Siegfried Lenz' zweiter Roman, der 1951 vom Verlag Hoffmann und Campe zurückgewiesen wurde und erst 2016 posthum erschienen ist.

Lenz war Mitte zwanzig, als er die Geschichte Walter Proskas, eines doppelt Fahnenflüchtigen, niederschrieb. Die Stärke des Textes, der nach Erscheinen zum Bestseller wurde, liegt in der Unmittelbarkeit der Erfahrung der letzten Kriegszeit, der beschriebenen Sinnlosigkeit des Aufopferns für eine verlorene Sache, dem virulenten Überlebenswunsch, gestärkt durch eine Liebesbegegnung zwischen den Fronten. Lenz, selbst mit 19 Jahren desertiert, lässt einige Figuren dabei einfach verschwinden: Die polnische Partisanin Wanda, die der einfache Wehrmachtssoldat Proska in den mückenverseuchten Sümpfen Masurens trifft und mit der er sich eine Zukunft erhofft, taucht ebenso nicht mehr auf wie der sadistische Unterleutnant Willi Stehauf, der den verlorenen Posten, zynisch "Waldesruh" genannt, mit verrückter Gewaltlust verteidigt, wie Proskas Soldatenfreund Wolfgang Kürschner, der aus politischer Überzeugung zur heranrückenden Sowjetarmee überläuft.

Der Fernsehfilm "Der Überläufer" schreibt Lenz teilweise um, gewichtet anders, was legitim ist - vor allem aber führt er Walter Proskas Weg bis ins Jahr 1956 fort. Er erfindet eine Art Happy End. Zwar konzentriert er sich stark auf Proska, den ewig Zweifelnden, Skrupelhaften - ein Anti-Kriegsheld der literarischen 50er und 60er, wie er im Buche steht -, aber er erfindet auch die Schicksale Stehaufs und Kürschners neu - beide Figuren, von Rainer Bock und Sebastian Urzendowsky äußerst überzeugend gespielt, sind in der Fortschreibung plausibel und gelungen. Stehauf wird nach mehreren Jahren in russischen Kriegsgefangenenlagern in Ostberlin beim kleinen Funktionär Proska auf der Passierscheinstelle nach Westen vorstellig - eine gebrochene Gestalt, die meint, genug gesühnt zu haben. Rainer Bock gelingt es, seiner Nazifigur, die zuvor im Partisanenwald einen Priester aus purer Lust am Töten ermordet hat, nackt existenzielle Züge zu geben.

Kürschner macht als überzeugter Sozialist Karriere im neuen Deutschland der DDR. Kürschners Kameradschaft mit Proska, den er mehrfach zur Desertion gedrängt hatte, überlebt die Bitterkeit angesichts der wenig erfolgreichen Jagd auf "die Clique in Berlin" und die "Junker" nicht. Der Ideologe wird zum gnadenlosen Säuberer. Im Zentrum des Erzählens steht in "Der Überläufer" aber die Liebesmacht, die für den Wehrmachtssoldaten Walter Proska (Jannis Niewöhner) und die Partisanin Wanda Zielinski (Malgorzata Mikolajczak) mit der wunderschönen Stimme Ideologie, Krieg und selbst eigene Gräueltaten transzendiert.

So inszeniert es auch der Film. Dem ersten coup de foudre im Zug zur Front, den Wanda eigentlich in die Luft sprengen soll, folgt die sinnliche Liebesvereinigung im sattgelben Kornfeld, wie aus der Zeit gefallen. Einen größeren bildlichen Kontrast zum morastigen Grau der Sümpfe, in dem selbst die Birken nur abgestorben in den Himmel ragen und keine Blätter mehr tragen, könnte es kaum geben (Kamera: Arthur Reinhart). Sex als Moment, in dem die Geschichte stillsteht, so (über-)betont es der Film. Im Gegensatz zum Buch wird Walter Wanda wiedersehen, wieder verlieren, und erneut wiedersehen.

Der vom Polish Film Institute geförderte Film hat viele Verdienste, die Leistungen der Schauspielerinnen- und Schauspieler sind beeindruckend (neben den Genannten sind das vor allem Leonie Benesch, Katharina Schüttler, Florian Lukas, Bjarne Mädel, Adam Venhaus, Shenja Lacher und Alexander Beyer), doch es stört der Die-Liebe-überwindet-Alles-Brustton, der, offenbar trotz gegenteiliger Absicht, von Kitsch nicht frei ist.

Aus der Debatte, die in Polen vor wenigen Jahren um "Unsere Mütter, unsere Väter" politische Wellen schlug, hat man hier versucht zu lernen. Die Darstellung der polnischen Partisanen wurde, wenn man den Produktionsnotizen glaubt, eng abgestimmt. Ein Teil der deutsch-polnischen Crew fuhr gemeinsam zum Gedenken nach Auschwitz. Im Grunde aber bleibt gerade die Partisanendarstellung blass - wie die Darstellung der Vernichtungsideologie. Hier und da streifen Grüppchen mit und ohne Uniform durch das Sumpfgelände. Für Proska heißt es bei der Konfrontation mit einem jungen Mann, der sich später als Wandas Bruder herausstellt, nur Mann gegen Mann, Überleben für Überleben.

Die existenzielle Komponente von Lenz' Roman trifft der Film - der Preis aber ist eine unwahrscheinliche Liebesseligkeit - und, jedenfalls immanent, ein unterschwelliger Entschuldigungsdiskurs. Der "einfache deutsche Soldat", Bauer, Schneider, Architekturstudent, vollkommen unideologisch nur dem Soldateneid verpflichtet, ist bloß ein Mensch, der glücklich sein will und fordert hier moralische Zugewandtheit. Erinnert man sich an die Auseinandersetzung um die "Wehrmachtsausstellung", wirkt das zwar im zeithistorischen Kontext der 40er und 50er Jahre plausibel, aber aus heutiger Sicht doch unterkomplex.

Aus epd medien 14/20 vom 3. April 2020

Heike Hupertz