Liebe ist ...

VOR-SICHT: „Loving Her“, sechsteilige Serie, Regie: Leonie Krippendorff, Buch: Marlene Melchior, Leonie Krippendorff, Kamera: Lotta Kilian, Produktion: Madefor Film (ZDF Mediathek ab 1.7.21, ZDFneo, 3.7.2021, 21.40-23.05 Uhr)

epd Ausgerechnet im Schlafanzug begegnet Hanna (Banafshe Hourmazdi) ihrer Ex Franzi (Lena Klenke) auf der Straße mitten in Berlin. Das passt, ist Hanna aber trotzdem unangenehm. Franzi, kommentiert Hanna im Voice Over, ist wie immer perfekt angezogen. Sie selbst sieht wie eine Schlafmütze aus.

Es gab eine Zeit, da konnten sich beide trotz aller Verschiedenheit eine Zukunft ohne die andere nicht vorstellen. Sie hatten das große Liebeslos gezogen, waren überall das „süße Paar“, hatten großartigen Sex. Es schien allerdings auch ein bisschen uncool, dass die erste echte Beziehung auch gleich die fürs Leben sein sollte. Irgendwann nervte Hanna an Franzi, dass diese immer genau wusste, was sie wollte. Keine Party machen vor Lehramtsprüfungen, mit dem Lernen vier Wochen vor Termin beginnen, überhaupt alles mit stetem Blick auf das Ziel einrichten. Während Hanna, Literaturwissenschaftsstudentin, von Lektoratsposten und Verlagsarbeit träumte, und mehr der „Last Minute“-Typ blieb.

Bei der Trennung weinten beide. Auch vor Erleichterung. Her mit den Möglichkeiten. Mit neuen Lieben, mit ganz viel Zukunft. Die Überraschung für Hanna: So viel war es dann doch nicht. Nach Franzi gab es vier andere Liebesbeziehungen, und die eine war äußerst einseitig. Die WG mit Holly (Bineta Hansen) und Tobi (Leonard Kunz) löst sich gerade auf. Holly geht mit Traumjob nach Brüssel, Tobi zieht zur „tollsten Frau Berlins“. Und Hanna zurück zu ihren Eltern (u.a. Jasmin Tabatabai) nach Bielefeld. Die Wohnung ist gekündigt worden, kein Job in Sicht. Soll es das schon gewesen sein mit Mitte 20? Ein romantisches Großereignis und vier Vielleichts?

„Loving Her“, eine Adaption des niederländischen Vorbilds „Anne +“, ist sowohl eine Serie über das Erwachsenwerden als auch über lesbische Liebesbeziehungen, gesehen mit den Augen der Protagonistin Hanna. Entstanden ist „Loving Her“ als „Instant Fiction“-Produktion für ZDFneo. Leichter im Ton, aktueller in den Themen und mit deutlich verkürztem Produktionsprozess soll hier gearbeitet werden. Resultate gab es etwa mit „Drinnen“ (Kritik in epd 17/20), „Liebe jetzt!“ (Kritik in epd 20/20) oder „Schlafschafe“ seit dem vergangenen Jahr schon mehrere zu sehen. Bei dieser Serie ging es besonders schnell. Im März angekündigt, ist die Produktion schon ab Juli in der Mediathek verfügbar und wird in einem Rutsch auf ZDFneo gesendet. Sechs Mal 15 kurzweilige Minuten, das guckt sich fix weg, wirkt aber nach.

„Loving Her“ wirkt insbesondere mehr nach als die erzählerisch schwerfälligere, aktivistisch bemühtere Produktion „All you need“ (One/ARD), die eben erst als Serie mit ausschließlich schwulen Hauptfiguren für Furore im deutschen Fernsehen sorgen sollte (Kritik in epd 21/21). Gerade in puncto Aktivismus ist „Loving Her“ zwar zurückhaltender, aber auch wesentlich geschickter konzipiert und lebendiger gespielt als „All you need“. Wo die Männer im Grunde jeder eine bestimmte queere Lebenseinstellung repräsentieren, wirken die queeren Frauen in „Loving Her“ wie aus Fleisch und Blut. Aus Blut nicht zuletzt, denn auch das Thema Menstruation wird beherzt behandelt. Als Hanna beim Sex mit Sarah (Soma Pysall) zu bluten beginnt, malt ihr die Freundin ein rotes Herz auf den Bauch. Nicht peinlich, sondern „voll mysteriös“ sei die Periode. Eine Szene voll Zärtlichkeit und Verständnis.

„Loving Her“ zeigt nicht nur beim Thema Menstruation, wie Enttabuisierung ohne Krampf funktionieren kann. Die Probleme der Beziehung mit Sarah liegen anderswo. Sie ist sich nicht sicher, lesbisch zu sein, will kein Coming Out und auf der Straße mit Hanna nicht Händchen halten. Wo „All you need“ sich in ganz ähnlicher Szene Schwulenhass und Gewalterfahrung diskursiv mit vornimmt - zweifellos sehr wichtige Themenfelder - und die Interaktion der Figuren dadurch pappkameradenschwerfällig wird, löst „Loving Her“ das Ganze in kurze Sätze über Respekt auf, um gleich darauf im Splitscreen zu zeigen, wie Hanna und Sarah als glückliches Paar weitermachen oder sich als frustriertes Doppel anschweigen. Am Ende stehen Tränen. Sarah lernt beim Auslandsjob jemand Neues kennen. Einen Mann. Für sie war es das wohl mit der lesbischen Liebe.

In Rückblenden wird Hannas Liebesleben gezeigt: Nach Franzi kam erst Lara (Emma Drogunova), mit ihr gab es Sex, Partys, Drogen, Unverbindlichkeit satt, dann verliebte sich Hanna Hals über Kopf in Anouk (Larissa Sirah Herden), eine Sängerin mit Starappeal, die herumdruckste, weil sie einfach nicht auf sie stand. Es gab heißen Bürosex mit der Praktikumschefin Josephine (Karin Hanczewski), einer erfolgreichen, souveränen, mit ihrer Partnerin verheirateten Verlagsleiterin, bei der sich - erst einmal nicht - die Frage stellte, ob das Machtgefälle zwischen beiden eine Affäre nicht von vornherein verbieten sollte. Mit Sarah wurde es schwierig, als Hanna eine „richtige“ Beziehung wollte.

Jede Beziehung wird auf ihre Weise als Liebe gezeigt. Auch mit den Sexszenen geht die Serie nicht tabuisierend um - obwohl man auch die expliziteren Szenen durchaus familienkompatibel nennen kann, jedenfalls genau so familienkompatibel, wie es ähnliche Frau-Mann-Szenen oder Mann-Mann-Szenen auch wären.

Auf der Erzählebene ist die Serie ein gelungener Coming-of-Age-Reigen. Liebe ist hier, sozusagen klassisch, die Möglichkeit, sich im anderen oder in der anderen selbst zu erkennen und persönlich zu wachsen. Leonie Krippendorff und Marlene Melchior, auch die Kamerafrau Lotta Kilian sind freilich nicht so naiv, dass sie denken, sie müssten lesbische Liebe nur als normal hinstellen, dann klappe das schon mit Respekt und Toleranz. Unterschwellig erzählen sie Diskriminierungs- und Unsichtbarkeitserfahrungen wirkungsvoll mit. Aktivistinnenfahnen haben ihre Hauptfiguren nicht, aber Regenbogen-T-Shirts und eine klare Haltung: Liebe ist Liebe. Und keine gleicht der anderen. Zu allem lebensfrohen Überfluss gönnt die Serie Hanna zum Ende einen richtig großen Hollywood-Moment.

Aus epd medien 25/21 vom 25. Juni 2021

Heike Hupertz