Lehmiger Landwinter

VOR-SICHT: "Altes Land", zweiteiliger Fernsehfilm nach dem Roman von Dörte Hansen, Buch und Regie: Sherry Hormann, Kamera: Armin Golisano, Produktion: Ufa Fiction (ZDF, 15. und 16.11.20, jeweils 20.15-21.45 Uhr)

Deprimierend. Dieser Monat. November! Schon mal überhaupt. Covid 19! Ein abgewählter US-Präsident, der auf Eigenbedarf im Weißen Haus klagt (um einen Gag aus der "Heute-Show" zu zitieren). Da fällt die Verfilmung von Dörte Hansens Bestseller "Altes Land" stimmungsmäßig auch nicht aus dem Rahmen. Wie der Familienroman erzählt der Film von lehmschweren bäuerlichen Gemütern und davon, dass es gar nicht so idyllisch auf dem Land ist, wie der Städter gerne denkt.

Wer den Roman gelesen hat, wundert sich daher über den trallafittimäßig musikalisch munteren Einstieg - und auch das Ende ist leider arg angestrengt auf ein Happy-End hin inszeniert. Doch sonst gibt es an Sherry Hormanns Interpretation der Romanvorlage nicht viel zu meckern, dafür so einiges zu loben. Das fängt schon mal mit Hauptdarstellerin Iris Berben an, die hier nicht auf ewig schön und ewig (zu) jung macht: Sie verkörpert die Hauptfigur Vera, eine alte, grantige Frau auf einem verkommenden Obstbauernhof. Vera war nach dem Zweiten Weltkrieg als kleines Mädchen an der Hand ihrer Mutter in dieses Haus gekommen. Widerwillig und hartherzig hatte die Bäuerin die ihr zugewiesenen adligen Gutsbesitzer-Flüchtlinge aus Ostpreußen aufgenommen.

Die Vera der Gegenwart ist älter als Berben, aber mit ihr gut besetzt. Außer der alten, verknitterten Frau, die man ihr abnimmt, spielt Berben auch die Vera mittleren Alters. Die ganz junge Vera spielt Maria Ehrich. Die Geschichte springt nur so durch die Jahrzehnte. Dass man (fast) immer mühelos mitkommt und den Film versteht, obwohl er nicht schlicht-chronologisch erzählt, liegt an der hohen Handwerkskunst. Fast alle Darstellungen des Alterns - eine große Herausforderung, wenn man filmisch über ganze Lebensspannen hinweg erzählt - sind hier gut gelungen.

In "Altes Land" sieht man der Geschichte bei dem zu, was sie angeblich ja gerne tut: Sie wiederholt sich. In der Jetztzeit ist es Vera, der das Riesenbauernhaus gehört und die ihrer schutzsuchenden, frisch getrennten Nichte Anne (Swenja Liesau) samt kleinem Sohn zunächst die Tür vor der Nase zuknallt. Sie lässt die beiden dann doch über die Schwelle - und ein wenig familiäre Heilung findet statt. Denn die Geschichte dieser zersplitterten Familie ist überwiegend nicht erfreulich. Der Zweite Weltkrieg wirft lange Schatten. Kinder sind verloren und gestorben. Die alte Bäuerin begeht Selbstmord. Vera wird von der Mutter verlassen. Körperliche und seelische Kriegsversehrungen werden offenbar und haben Langzeitfolgen. Verpasste Liebe. Entfremdung.

Vera opfert ihr Leben der Liebe zum Stiefvater (Milan Peschel, als junger Mann: Kilian Land), der früh Pflege braucht. Die Mutter, die nach dem Krieg den Bauernsohn geheiratet hatte, um versorgt zu sein, hatte sich eine gesellschaftlich passendere Partie in der Stadt gesucht und Vera dafür verlassen. Vera macht zwar Abitur und studiert, bleibt aber kleben an der schweren Scholle des Alten Landes.

Mit der viel jüngeren, städtisch-großbürgerlichen Halbschwester aus der dritten Ehe der Mutter wird Vera nie warm (Nina Kunzendorf als Marlene). Erst die Nichte - Pianistin und Schreinerin in Personalunion - findet wieder Zugang zu Veras bodenständiger Welt, und ein wenig Versöhnung von Stadt und Land kann Einzug halten in diese von der deutschen Geschichte und den äußeren und inneren Härten bäuerlicher Lebensart doppelt schwer beschädigten Familie.

Hansens Roman ist unter anderem deshalb gut, weil er das Landleben authentisch schildert. Dass die Bauern in dem Obstanbaugebiet, das südlich an Hamburg grenzt, oft sehr reich waren und riesige Anwesen hatten, verhalf ihnen nicht automatisch zu Kultur und seelischer Schönheit. Borniert. Hart. Kalt. Schwer. Aber auch solide. Verlässlich. Immer da. Wie Veras Jugendliebe, Nachbar Hinni (Peter Kurth), der statt Vera, der "Polackin", dann doch eine andere freite. Eine von da.

Die Städter kommen hier auch nicht gut weg. Verkörpert wird die alberne Sehnsucht besserer Kreise nach der vermeintlich heilen Welt sehr gelungen von einem Journalistenehepaar aus Hamburg-Eppendorf, das aufs Land gezogen ist. Sie erweist sich als zu blöd, um Marmelade einzukochen: Dabei wollte sie den Landfrauen doch mal zeigen, wie das heutzutage mit Agar-Agar und ohne Gelierzucker geht. Er - lustig überzogen dargestellt von Matthias Matschke - schreibt fürs Magazin "Land und Lecker" und versucht ebenso hartnäckig wie vergeblich, als Nachbar akzeptiert zu werden.

Das Alte Land, das größte geschlossene Obstbaugebiet Deutschlands, liegt neben Autobahn und Elbe. Die kuriose Lage hat die Kamera schön eingefangen. Stadt und Hafen wuchern in eine auf Ernte-Effizienz getrimmte Landschaft. Höchstens zweimal im Jahr, oft auch nur zweimal im Leben, fährt der Hamburger hin. Zur Obstblüte und zur Apfel- oder neuerdings auch Kürbisernte. Zum Spazierengehen eignet sich das von Gräben durchzogene Land nicht besonders. Also pflückt der Städter ein paar Äpfel, die im Zweifel teurer sind, als dieselbe Ware im Laden an der Ecke ist, und besucht ein Hofcafé. Und schon ist der Hamburger wieder weg. Und der lange, lehmige Landwinter beginnt.

Aus epd medien 46/20 vom 13. November 2020

Andrea Kaiser