Lebensgefühl Krise

VOR-SICHT: „Deutschland 9/11“, Dokumentarfilm, Regie und Buch: Jan Peter, Daniel Remsperger, Kamera: Jürgen Rehberg, Produktion: Dokfilm (ARD/RBB/NDR/SWR, 10.9.21, 22.15-23.45 Uhr)

Die aktuelle Entwicklung in Afghanistan belegt schmerzhaft, wie sehr die Anschläge vom 11. September 2001 und die darauf folgenden Reaktionen die Welt bis heute prägen. Ein derart folgenschweres Ereignis immer wieder aus zeitlichem Abstand neu zu bewerten, ist also zweifellos notwendig. Gleichzeitig hat die Jahrestagsroutine, mit der die ikonischen Bilder, insbesondere von den Flugzeugattacken auf die Zwillingstürme in New York, wiederholt werden, einen bitteren Beigeschmack.

Denn das von den Attentätern beabsichtigte Entsetzen und der Mord an Tausenden von Menschen, der damals live im Fernsehen übertragen wurde, werden zwangsläufig reproduziert. So wird das terroristische Spektakel zur zynischen TV-„Unterhaltung“, insbesondere wenn der voyeuristische Nervenkitzel im Vordergrund steht. Das kann man dem Dokumentarfilm von Jan Peter und Daniel Remsperger zwar nicht unbedingt vorwerfen. Aber auf einige Originalaufnahmen, etwa von Menschen, die sich auf der Flucht vor Flammen und Rauch aus den Fenstern beugen, auf dramatische musikalische Begleitung oder auf Herzklopfen als Spannung treibenden Sound hätte man besser verzichtet. Dieses reale Drama benötigt keine künstliche Überhöhung.

Zumal die Autoren das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen respektabel würdigen: weniger durch pathetisch aufgeladene Bilder und Kommentare als durch ein tragisches Beispiel und ein bewegendes Interview mit Mutter und Tochter. Katja Bothe verlor ihren Mann Klaus, der am 11. September 2001 im World Trade Center starb, während Tochter Lara an diesem Tag im badischen Linkenheim ihren dritten Geburtstag feierte. Gemeinsam vor der Kamera stehen auch Otto Schily (SPD), damals Bundesinnenminister, und seine Tochter Anna, die als 20-Jährige drei Tage vor den Anschlägen zu einer New Yorker Gastfamilie gezogen war. Am Ende wird das Interview sogar ein wenig kontrovers. Während Otto Schily über die ängstlichen Deutschen räsoniert, die bei jedem Thema die nahende Apokalypse kommen sehen würden, kontert die vierfache Mutter Anna Schily: „Du hast gut reden, du bist 88.“ Für sie begann mit den Anschlägen eine nicht enden wollende Reihe von Krisen - man könnte es das Lebensgefühl der Generation Nine-Eleven nennen.

Die Autoren verzichten auf eigene Kommentare und konzentrieren sich in der ersten Hälfte des Films ganz auf die Dynamik und Dramatik des Anschlagtags. Wobei es ihnen weniger um Präzision geht, denn der Absturz eines vierten entführten Flugzeugs in Pennsylvania zum Beispiel wird nicht erwähnt. Vielmehr behandelt „Deutschland 9/11“ das Thema, wie der Titel nicht zu Unrecht verspricht, vornehmlich aus deutscher Perspektive. Jan Peter und Daniel Remsperger kombinieren die Fernsehbilder aus dem ARD-Archiv mit neuen Interviews. Rede und Antwort stehen nicht nur Deutsche, die im September 2001 persönlich vor Ort waren wie Anna Schily oder die Schriftstellerin und Moderatorin Else Buschheuer, aus deren New Yorker Internettagebuch mehrfach zitiert wird. Eine weniger bekannte Story verbindet sich zum Beispiel mit dem Lufthansa-Piloten Uwe Harter, der mit seiner Maschine nach der Sperrung des Luftraums über den USA nach Kanada umgeleitet wurde, wo die Menschen einer Kleinstadt die gestrandeten Passagiere aus aller Welt in einer spontan organisierten Hilfsaktion versorgten.

Für den medialen Aspekt stehen „Tagesthemen“-Moderator Ulrich Wickert und der damalige Chef vom Dienst Jay Tuck, ein Deutsch-Amerikaner. Hier feiert sich die ARD ein bisschen selbst, weil das Erste Programm spontan zur Dauersondersendung umgewidmet wurde. Allerdings musste Tuck offenbar erst laut werden, bevor sein (nicht genannter) Chefredakteur einwilligte. Auch in Deutschland griffen Unsicherheit und Sorge vor weiteren Anschlägen um sich. In Straßen-Interviews sprachen Passantinnen von ihrer Angst vor einem dritten Weltkrieg. Zu Wort kommt auch US-Botschafter Daniel R. Coats, der gerade erst seinen Dienst angetreten hatte und der sich noch heute gerührt zeigt von den Zeichen der Anteilnahme vor der Berliner Botschaftstür. Und neben Otto Schily gibt auch der damalige Außenminister Joschka Fischer (Grüne) bescheidene Einblicke in die Beratungen im rot-grünen Sicherheitskabinett von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), das sich bereits am 11. September auf die „uneingeschränkte Solidarität“ mit dem Bündnispartner USA festgelegt hatte.

Spannend wird „Deutschland 9/11“ jedoch insbesondere in der zweiten Hälfte. Denn die Attentäter um Mohammed Atta lebten bekanntlich in Hamburg und bereiteten dort die Anschläge vor. Aber die deutschen Sicherheitsbehörden wurden von der Nachricht kalt erwischt. Noch 20 Jahre später lassen die Reaktionen der befragten Zeitzeugen den Schrecken erkennen, den diese Information auslöste, die der Springer-Auslandsdienst als Erster vermeldet hatte. Ernst Uhrlau, damals Geheimdienstkoordinator im Bundeskanzleramt, muss einmal tief durchatmen und sagt nur: „Blame“. Felix Schwarz von der Hamburger Polizei bekennt: „Da ging bei uns richtig die Düse.“ Kurios: Als Erster machte offenbar Andre Zand-Vakili, Polizeireporter der Springer-Tageszeitung „Die Welt“, die Adresse von Atta und seinen Komplizen in der Marienstraße ausfindig. Als „kurios“ bezeichnet Staatsschützer Martin Bähr auch die Tatsache, dass sich das Landesamt für Verfassungsschutz nachträglich als ergiebigste Quelle erweis. „Die kannten sehr viele dieser Personen“, sagt er. Schade also, aber auch nicht verwunderlich, dass im Interviewreigen gerade der Verfassungsschutz fehlt. Das deutsche Versagen habe „unsere Lage sehr erschwert“, erklärt Fischer. Gleichzeitig seien aber nie Vorwürfe „gegen uns“ erhoben worden.

Das Gefühl, sich mitschuldig gemacht zu haben, schlug dann auch ohne amerikanischen Druck in Aktionismus um. „Es war notwendig, die Instrumente zu verschärfen“, sagt Otto Schily noch heute gewohnt schneidig. Zumal im Hamburger Bürgerschaftswahlkampf gerade die Partei Rechtsstaatliche Offensive um den Richter Ronald Schill die Stimmung anheizte. Mit einer Rasterfahndung, die später vom Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig erklärt wurde, suchten die Behörden nach weiteren islamistischen „Schläfern“. Die Rasterfahndung habe natürlich auch was mit Wahlkampf zu tun gehabt, sagt Staatsschützer Bähr. „Genutzt hat's dann nichts mehr“, resümiert er trocken - und fügt nach einer kurzen Pause vielsagend hinzu: „Herr Schill ist ein eigenes Kapitel für sich.“

Die illustre Karriere des Ronald Schill, dessen populistische Partei bei der Hamburger Bürgerschaftswahl knapp zwei Wochen nach den Anschlägen fast 20 Prozent der Stimmen erhielt und der dann knapp zwei Jahre Innensenator war, ist im Film allerdings (zum Glück) kein Thema mehr. Generell gerät der Blick über die dramatischen Tage im September 2001 hinaus zwangsläufig kurz. Immerhin kommt noch eine Sanitäterin der Bundeswehr zu Wort, die in Afghanistan im Einsatz war. Und der „Krieg gegen den Terror“ wird noch durch den Islamwissenschaftler Stefan Weidner und Tereshkova Obaid vom Afghanischen Kulturzentrum in Berlin kritisch eingeordnet. Die Eskalation nach den Anschlägen, sagt Weidner, habe den Westen im Grunde zersprengt, habe Populismus ausgelöst und Rassismus befördert. Die bittere Bilanz 20 Jahre nach dem 11. September wäre demnach: Die Terroristen haben mit der Destabilisierung des Westens ihr Ziel erreicht.

Aus epd medien 35/21 vom 3. September 2021

Thomas Gehringer