Lebensechte Szenen

VOR-SICHT: "Tatort: Die Nacht gehört dir", Regie: Max Färberböck, Buch: Max Färberböck, Catharina Schuchmann, Kamera: Willy Dettmeyer, Produktion: Hager Moss Film (ARD/BR, 1.3.20, 20.15-21.45 Uhr)

Als der Nürnberger Hauptkommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) bei schönstem Sonnenschein zur Arbeit radelt, legt er noch einen Stopp bei seiner Lieblings-Honigverkäuferin (Maja Beckmann) ein. Und als die Marktfrau ihn beherzt fragt, ob er denn wirklich so viel Honig verzehre oder sie nur so oft wie möglich sehen wolle, ist der Polizist geständig: "Vertragen Sie die Wahrheit? Ich könnte durchaus vor Ihnen in den Staub sinken." Die beiden verabreden sich fürs Kino, Voss schlägt Roberto Rossellinis Schwarz-Weiß-Drama "Viaggio in Italia" von 1954 vor und fährt beschwingt zum nächsten Tatort.

Der kleine Flirt, von dem er seiner Kollegin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) so lange vorschwärmt, bis sie ihn zur Ordnung ruft ("Felix, es reicht jetzt, is gut"), setzt einen wohltuend bodenständigen, analogen Kontrapunkt zu dem Thema, das die beiden Ermittler in der Folge beschäftigen wird: Die Grundstücksmaklerin Barbara Sprenger (Anna Tenta), eine erfolgreiche Geschäftsfrau um die 40, wurde erstochen in ihrer Wohnung aufgefunden. Wie sich herausstellt - und in freizügigen Selbstdarstellungs-Clips zu sehen ist -, war sie mit verschiedenen Identitäten in diversen Dating-Portalen aktiv, zumindest bis vor wenigen Monaten.

Geht der Mord, begangen mit einem Sushi-Messer, womöglich auf das Konto eines abgelegten Liebhabers, der mehr wollte? Zwischenzeitlich scheint sich eine andere Option aufzudrängen: Die Tatwaffe wurde als Geburtstagsgeschenk von einer Kollegin Sprengers gekauft. Als Voss und Ringelhahn jene Theresa Hein (Anja Schneider) in deren Büro aufsuchen, empfängt die sie mit den Worten "Ich habe Sie schon erwartet", gesteht bereitwillig die Tat und gibt auch ein Motiv an: "Ich hatte genug … von ihr." Das aber finden die Beamten doch ein bisschen schlicht.

Als ergiebig erweist sich vielmehr eine Spur, die zu einem jungen Klavierlehrer führt. Bei Anton Steiner (Lukas B. Amberger), Mitte 20, hatte Barbara Sprenger vor sechs Monaten euphorisch angefangen, Unterricht zu nehmen - just zu dem Zeitpunkt, als sie ihre Online-Dating-Aktivitäten einstellte.

Wie schon im ersten Franken-"Tatort: Der Himmel ist ein Platz auf Erden" (2015) erzählen Regisseur Max Färberböck und seine bewährte Co-Autorin Catharina Schuchmann also von Liebe und Erotik - und erweisen sich einmal mehr als feinsinnige Erspürer menschlicher Sehnsüchte. So wendet sich Voss, nachdem er von Sprengers Chef erfahren hat, diese sei so "frei und unabhängig" gewesen, an seine Kollegin Wanda Goldwasser (Eli Wasserscheid): "Was bedeutet eigentlich Freiheit und Unabhängigkeit im aktuellen Austausch zwischen M und F?" Die versteht die Geschlechterabkürzung sofort und nennt "mehr Lust, mehr Freude und gern auch mal die Möglichkeit, eine Beziehung sofort zu beenden" - was der Lösung des Falls schon ziemlich nahekommt. Es geht um "Ghosting", das im Zeitalter von Dating-Apps und Partnerbörsen verstärkt auftretende unvermittelte, radikale Abbrechen von Kontakten.

Dabei kommt "Die Nacht gehört dir" keineswegs als sozialpädagogisch gepimpter Gebrauchskrimi daher. Ohne in einen aberwitzigen Arthouse-Rausch zu geraten wie manche "Tatorte" mit Ulrich Tukur, verströmt Färberböcks Krimistück die Aura eines Autorenfilms, der sich auch cineastische Anspielungen wie die auf Rossellini leisten kann. Da ist die verrätselnde Bildmontage zu Beginn, die in Kombination mit einem weiblichen Voiceover ("Ich hab es getan") nahelegt, eine Frau habe die Tat begangen. Da ist die gekonnt beiläufige Einführung neuer Charaktere wie etwa des umwölkten Klavierlehrers, der zunächst als von hinten gefilmter Mopedfahrer ins Blickfeld kommt. Und da sind der wohldosierte Musikeinsatz (etwa von Nina Simones "Don't let me be misunderstood") sowie ganz selbstverständlich eingebaute Siebter-Sinn-Sequenzen, wenn Paula Ringelhahn aus einer Galerie von Porträtfotos mit sicherem Instinkt das entscheidende herausgreift.

Am tollsten aber sind die kleinen lebensechten Szenen, wenn etwa Voss im Auto beim Analysieren kurz mal vor all der Tragik kapituliert ("Man will es einfach nicht mehr wissen!") oder Ringelhahn ihn auffordert, die Musik lauter zu drehen, um dann ungerührt mit ihm weiterzusprechen.

So überzeugend wirkt das alles bis zum martialischen Finale mit Sondereinsatzkommando, dass man fast vergisst, dass die Handlungskonstruktion einen Schönheitsfehler aufweist: Die Motivation für das falsche Mordgeständnis Theresa Heins bleibt bis zum Schluss doch reichlich vage. Dies ist der einzige, aber nicht ganz kleine Schwachpunkt.

Aus epd medien 9/20 vom 28. Februar 2020

Peter Luley