Lässiger Libero

VOR-SICHT: „Der Kaiser“, Fernsehfilm, Regie: Tim Trageser, Buch: Martin Rauhaus, Kamera: Eckhard Jansen, Produktion: Bavaria Fiction (Sky Cinema, 16.12.22, 20.15-22.00 Uhr)

epd Einst als „Lichtgestalt“ bewundert, später als „Firlefranz“ verspottet, schließlich im Spätherbst seines Lebens wegen einer dubiosen Millionenzahlung im Zusammenhang mit dem „Sommermärchen“ 2006 vom Sockel gestürzt: Der deutsche Fußball hat viele schillernde Lebensläufe produziert, aber kaum eine Karriere ist so spielfilmtauglich wie die von Franz Beckenbauer, dem begnadetsten deutschen Kicker des 20. Jahrhunderts.

Wie bei allen Sportlerbiografien standen die Produzenten zunächst vor der Herausforderung, einen Darsteller zu finden, der die notwendigen Voraussetzungen erfüllt: Er muss eine zumindest flüchtige Ähnlichkeit mitbringen, kicken können und ein guter Schauspieler sein. Klaus Steinbacher entpuppt sich als Glücksfall. Nicht nur seine fußballerischen Darbietungen überzeugen, er erfüllt noch eine weitere Bedingung: Es gelingt ihm scheinbar mühelos, die typische Nonchalance des einst als „Kaiser“ verehrten Müncheners zu verkörpern.

Zumindest von außen betrachtet schien Beckenbauer stets ein Glückskind zu sein, dem im Leben wie auf dem Platz alles zugeflogen ist: Fußball sah bei ihm nie nach Arbeit aus. Den Rest besorgte Robert Schwan, im Film ebenfalls sehr überzeugend von Stefan Murr verkörpert, der früh erkannte, dass die Aura dieses Sportlers eine Goldgrube sein könnte. Beckenbauer war der erste Fußballprofi, der seinen Ruhm nutzte und mit Hilfe des umtriebigen Managers millionenschwere Werbe- und Plattenverträge abschloss.

Material für das Drehbuch gab es also genug. Die eigentliche Aufgabe für Martin Rauhaus dürfte darin bestanden haben, die Stofffülle so zu reduzieren, dass der Film nicht wie eine episodische Chronik wirkt, die von einem Datum zum nächsten hüpft. Nach Möglichkeit sollen solche Produktionen außerdem nicht ausschließlich Fußballfans ansprechen. Rauhaus, bekannt für abwechslungsreiche Geschichten, hat eine gute Balance aus sportlichen und privaten Emotionen gefunden.

Der Prolog führt Beckenbauer auf seinem sportlichen Höhepunkt ein, als er 1990, 16 Jahre nach dem WM-Gewinn als Spieler, auch den Triumph als Trainer feiert. Der Film blendet dann zurück ins Jahr 1963, als der junge Franz zum völligen Unverständnis seines Vaters (Heinz-Josef Braun) seine Anstellung bei einer Versicherung sausen lässt, um Profi zu werden. Der Rest ist Geschichte.

Rauhaus konzentriert sich auf die Weltmeisterschaften, die Titelgewinne mit dem FC Bayern werden eher beiläufig abgehandelt. Dafür wird das wechselvolle Privatleben beleuchtet, und in der plausiblen Verknüpfung dieser beiden Ebenen zeigt sich das Geschick von Regisseur Tim Trageser. Diese Szenen sind stimmig, während einige bekannte Weggefährten Beckenbauers nur knapp an der Karikatur vorbeischrammen. Überzeugend ist von ihnen allein Ferdinand Hofer als Sepp Maier.

Während es sportlich für den „Kaiser“ immer nach oben geht, ist sein Beziehungsleben ein stetiges Auf und Ab. Hier bestätigt sich, wie gut die Wahl des Hauptdarstellers war: Immer wieder stoppt Trageser die Handlung, damit sich Steinbacher als Beckenbauer gut gelaunt an das Publikum wenden kann, um sich zum Beispiel dafür zu entschuldigen, dass ihn wieder mal der Liebesblitz getroffen hat. Das hätte auch schiefgehen können, aber Steinbacher, der kürzlich auch im „Tatort: In seinen Augen“ von Trageser positiv aufgefallen ist, macht das sehr sympathisch.

Die Unterbrechungen haben großen Anteil daran, dass der Film ähnlich lässig wirkt wie einst die Auftritte des Liberos auf und neben dem Platz. Und die Szenen festigen sein Image als Filou. Die Rollen der Frauen an seiner Seite sind mit Teresa Rizos, Sina Tkotsch und Christine Eixenberger treffend besetzt. Am meisten menschelt es jedoch in den Szenen mit den Eltern. Mutter Beckenbauer (Bettina Mittendorfer) macht es arg zu schaffen, dass ihr Sprössling vor Boulevardpresse und Steuerfahndung nach New York flieht, aber der sterbende Vater freut sich beim Besuch am Krankenbett, dass sein Bub alles richtig gemacht hat.

Ein weiteres Problem war die Umsetzung jener WM-Bilder, die seit Jahrzehnten Teil des kollektiven Fußballgedächtnisses sind. Es wäre viel zu kostspielig gewesen, die Auftritte der Nationalmannschaft nachzustellen. Also hat Trageser Originalmaterial verwendet und sich sonst darauf beschränkt, einzelne Spielmomente mit Beckenbauer zu inszenieren. Das Ergebnis überzeugt. Um den in manchen Dokudramen irritierenden Kontrast zwischen der authentischen Figur und ihrem Darsteller zu vermeiden, ist der echte „Kaiser“ stets nur aus der Ferne zu sehen. Überflüssig sind jedoch die Zwischenschnitte in die Wohnzimmer der mitfiebernden Familien.

Für Zeitkolorit sorgen vor allem Kostüm- und Maskenbild, für Tempo die rockige Musik von Andreas Weidinger. Und Klaus Steinbacher macht das Biopic rundum sehenswert. Mit Ende 20 ist der Oberbayer kein Anfänger mehr, doch die Leistung als „Kaiser“ sollte ihm einen Stammplatz in der ersten Schauspielerliga sichern.

Aus epd medien 49/22 vom 9. Dezember 2022

Tilmann Gangloff