Kurzweiliger Maskenball

"The Masked Singer", sechsteilige Show, Moderation: Matthias Opdenhövel, Produktion: Endemol Shine (ProSieben, donnerstags, 20.15-22.25 Uhr, seit 27.6.19)

Die Idee ist ebenso einfach wie brillant, und leider kommt sie wie fast alle guten Showkonzepte nicht aus Deutschland. "The Masked Singer" ist ein Format aus Südkorea und kombiniert die dortige Freude am Mummenschanz mit dem Prinzip einer Castingshow wie "The Voice", bei der die Jury mit dem Rücken zur Bühne sitzt und nur das Gesangstalent beurteilen kann. Bei "The Masked Singer" spielt allerdings auch die Optik eine große Rolle, denn die Sängerinnen und Sänger stecken in fantasievoll gestalteten, farbenfrohen und mit großem Aufwand gestalteten Verkleidungen. Die Jury soll ausdrücklich den Gesamteindruck bewerten: Kostüm, Gesang und Performance. Ansonsten hat sie jedoch keinen Einfluss auf Wohl oder Wehe der Mitwirkenden, denn darüber stimmen allein die Zuschauer ab.

Die Teilnehmer treten jeweils zu zweit gegeneinander an. Nach jedem Duell muss sich das TV-Publikum telefonisch für einen der beiden Auftritte entscheiden. Am Schluss der Sendung gibt es eine weitere Anrufrunde, nun scheidet aus, wer die wenigsten Stimmen bekommen hat. Dennoch gibt es bei "The Masked Singer" keine Verlierer, und das macht das Konzept so sympathisch: Sämtliche Mitwirkenden werden gefeiert. Es handelt sich, und das ist der Rate-Gag an der Sache, um Prominente aus allen möglichen Sparten. Es sind Sänger dabei, aber auch Schauspieler oder Sportler, ein Weltmeister gar, "sogar der Träger eines Verdienstordens!", wie Moderator Matthias Opdenhövel gern erzählt.

Natürlich rätseln die Jurymitglieder – Ruth Moschner, Max Giesinger, Collien Ulmen-Fernandes sowie ein wechselnder Gast –, wer hinter den Masken stecken könnte; der Name Stefan Raab fiel in der Auftaktsendung bei praktisch jedem männlichen Auftritt. Bevor Kudu oder Kakadu singen, gibt es einen kurzen Einspielfilm mit Hinweisen auf die jeweilige Identität. Wenn am Ende ein Teilnehmer seine Maske lüften muss, zeigt sich, dass diese "Indizien" sehr kryptisch sein können: Drei Wollknäuel stehen für die Farben einer Landesflagge, Weckerziffern für das Alter der Kinder.

Trotzdem liegt der große Reiz der Show nicht zuletzt im Mitraten. Der Schmetterling, heißt es, habe Jahrzehnte gebraucht, ehe er zu seiner wahren Bestimmung gefunden hat. Verbirgt sich hinter der Larve womöglich Heidi Klum? Der Engel wiederum ist ein Kerl, der "Sweet Dreams" von den Eurythmics im Stil von Marilyn Manson singt und in Folge drei mit einer Rammstein-Version von "Atemlos durch die Nacht" beeindruckt. Ist es Bülent Ceylan? Oder Der Graf? Oder Tom Beck? Der Kakadu hingegen ist offenkundig kein junger Hüpfer mehr. "Joe Cockadu", witzelt Opdenhövel, nachdem der Paradiesvogel "You Are So Beautiful" gesungen hat.

Auch die Jury spekuliert eifrig vor sich hin und stellt sich regelmäßig die Frage, ob die Sängerinnen und Sänger Profis sind und womöglich nur so tun, als ob sie begabte Amateure seien. Mitunter raten sie auch schlicht ins Blaue hinein, da kann das Spektrum bei einer Darbietung schon mal von Britney Spears bis Jasmin "Blümchen" Wagner reichen. Hinter der Maske des Oktopus, der sich am Schluss der ersten Ausgabe als "No Angels"-Sängerin Lucy Diakovska herausstellte, wähnte die Jury wegen der Anspielungen aufs Wasser die Schwimmerinnen Britta Steffen oder Franziska van Almsick, aber auch Monica Ivancan, ein Model, das 2004 durch die Mitwirkung beim RTL-Format "Bachelorette" bekannt wurde, weil unter den "Indizien" eine Rose war.

Zum Glück kommt bei der munteren Raterei die Bewunderung des Live-Gesangs nicht zu kurz. Die Qualität der Darbietungen ist beachtlich und nötigt ebenso großen Respekt ab wie die Arrangements der Songs und die Choreographie der Tanztruppe; all das ist höchstes Showniveau. Als der Astronaut "Hello" von Adele singt, reißt es das Studiopublikum völlig zu Recht von den Stühlen; ein echter Gänsehautmoment. Beeindruckt tippt Gastjuror Rea Garvey auf David Hasselhoff und bietet sich als Backgroundsänger für dessen Deutschlandtournee an. Moschner glaubt, es handle sich um einen Schlagerstar, der eine andere Seite auslebt. Es war gewiss kein Zufall, dass der Astronaut, hinter dessen Helm außerdem Max Mutzke, Gregor Meyle oder Giesingers guter Freund Michael Schulte vermutet wurden, in den weiteren Ausgaben ebenfalls erst zum Schluss auftrat, unter anderem mit einer formidablen Version von Eric Claptons "Tears in Heaven".

"The Masked Singer" ist ein klarer Gewinn fürs deutsche Fernsehen, vor allem für ProSieben: Seit 2011 ist keine Show des Senders, dessen einstige Kernzielgruppe sich mittlerweile überwiegend im Internet tummelt, derart gut gestartet. Dass das Konzept so ausgefeilt wirkt, dürfte auch an den Erfahrungen liegen, die Endemol Shine bereits mit dem Format gesammelt hat: Die Firma hat auch die US-Version für Fox produziert. Die Kostümentwürfe stammen hier wie dort von der amerikanischen Designerin Marina Toybina; für ProSieben wurden sie unter der Leitung von Alexandra Brandner hergestellt.

Das Einzige, was wirklich nervt, ist das typische Castingshow-Zeitspiel vor der Verkündung der Entscheidungen. Die Ausgaben zwei und drei haben den Marktanteil dennoch gesteigert, erst auf fast 25, dann auf gut 27 Prozent. So gut war der Donnerstag bei ProSieben zuletzt vor einigen Jahren mit "The Voice of Germany"; mittlerweile erreicht der Sender solche Werte nur noch mit besonderen Hollywood-Filmen. Auch wenn trotzdem höchstwahrscheinlich nicht ganz Deutschland, wie Opdenhövel wiederholt versichert, im Ratefieber ist: Der Moment der Demaskierung ist ein echter Höhepunkt. Folge zwei endete zur großen Überraschung von Moschner mit der Entlarvung des Schmetterlings als ihre Freundin Susan Sideropoulos, und der Kakadu entpuppte sich nicht etwa als Axel Prahl, was auch gut möglich gewesen wäre, sondern als Heinz Hoenig, und diesmal lag Moschner goldrichtig.

Aus epd medien 29/19 vom 19. Juli 2019