Kujau privat

VOR-SICHT: „Faking Hitler“, sechsteilige Streaming-Serie, Regie: Wolfgang Groos, Tobi Baumann, Buch: Tommy Wosch, Annika Cizek, Dominik Moser, Kamera: Ahmet Tan, Philipp Kirsame, Produktion: Ufa Fiction (RTL+, ab 30.11.21)

epd Vielleicht waren die von der Illustrierten „Stern“ 1983 veröffentlichten gefälschten Hitler-Tagebücher der erste große Sargnagel im Ansehen des Journalismus, lange bevor der Begriff der „Fake News“ aufkam. Nach den Erschütterungen, die die Pressekonferenz des „Stern“ am 25. April 1983 im Verlagshaus von Gruner + Jahr und die knapp zwei Wochen später eintreffende Meldung, dass das Bundeskriminalamt die Werke als Fälschung entlarvt hatte, ausgelöst hatten, waren Fälle wie die von Tom Kummer und Claas Relotius eigentlich nur Nachbeben.

Aber natürlich steckte in dem Medienskandal um die 62 von dem Fälscher Konrad Kujau verfassten Kladden mehr als nur ein Stück unlauterer Journalismus - in der Veröffentlichung manifestierte sich auch so etwas wie eine Abkehr von der polemischen Vergangenheitsbewältigung, die die 60er und 70er Jahre auszeichnete. Nicht umsonst kam der Slogan des damaligen Bundeskanzlers Kohl von der „Gnade der späten Geburt“ in diesen Jahren auf, und im Editorial zur „Stern“-Ausgabe mit den Tagebüchern vom 28. April hieß es: „Die Geschichte des Dritten Reiches muss teilweise umgeschrieben werden.“ Hitler privat - die Geschichtsredaktion des ZDF hat von solchen Enthüllungen Jahrzehnte später noch profitiert, und einer der kassenträchtigsten Filme deutscher Provenienz, „Der Untergang“ (2006), förderte die Annahme, dass der Führer eigentlich doch ein ganz netter Kerl war, der seine Spaghetti im Bunker liebte und nett zu seinen Sekretärinnen war.

Dass damals nicht nur in der Führungsetage und der Chefredaktion des „Stern“ eine Art Massenhysterie grassierte, legt schon der Umstand nahe, dass man mit einem Fingerschnippen, wenn man es denn gewollt hätte, den Beweis für die Fälschung hätte finden können. Als einen solchen Wahn zeichnete die erste Verfilmung, Helmut Dietls Meisterwerk „Schtonk!“ (1993), den Medienskandal nach, und auch nach fast 30 Jahren bleibt die Pressekonferenz dieses Films, auf der der Reporter Hermann Willié (Götz George) die Bücher präsentiert und damit posiert, als ein fast ekstatisch-orgiastischer Akt in Erinnerung, der sich auch auf die Anwesenden übertrug. Wie, sagen wir mal, auf einem Parteitag.

Nun, „Schtonk!“ war eine geniale Satire, überspitzt, böse, treffend. So etwas ist nicht zu wiederholen, geschweige denn zu übertreffen. Das haben auch die Macherinnen und Macher der RTL+-Miniserie „Faking Hitler“ (sechs Folgen à 45 Minuten) erkannt. Sie setzen in den viereinhalb Stunden Laufzeit der Serie eher auf so etwas wie ein Gesellschaftsporträt oder Sittenbild denn auf eine Farce. Vor fast drei Jahren (epd 3/19) hat der „Stern“ die Podcast-Reihe „Faking Hitler“ veröffentlicht, mit den Original-Mitschnitten etwa der Telefongespräche zwischen Kujau und dem Reporter Gerd Heidemann.

Die Figuren tragen in der Serie ihre echten Namen, und manches Telefonat könnte auch aus dem Podcast stammen. Nun spielt Lars Eidinger den Reporter Heidemann, der dringend mal wieder eine große Story braucht, Nazi-Devotionalien sammelt, sein Geld für Hermann Görings Yacht „Carina II“ ausgegeben hat und mit Görings Tochter Edda (Jeanette Hain) liiert ist. Eidinger, sicherlich einer der wandlungsfähigsten deutschen Schauspieler, tut gut daran, auf die morbide Grandezza und das Diabolische zu verzichten, das George noch in die Rolle legte. In seiner Darstellung ist Heidemann ein karriereorientierter, skrupelloser Journalist oder eher Medienunternehmer. Edda etwa lässt er ziemlich schnell fallen, sobald sie ihren Zweck erfüllt hat.

Zusammen mit Ressortleiter Felix Bloom (Hans-Jochen Wagner) reist Heidemann in die DDR, um dort Anhaltspunkte für den Absturz der Maschine zu finden, in der sich die privaten Unterlagen Hitlers gefunden haben könnten. Und zusammen mit Edda begibt er sich nach Boston, um die Persönlichkeitsrechte an den Tagebüchern mit einer Cousine Hitlers abzuklären. Währenddessen ist Konrad Kujau (Moritz Bleibtreu), der durch den Verkauf eines Hitler-Bildes an einen Nazi-Industriellen ja den Stein ins Rollen brachte, fleißig und verfasst die inhaltlich banalen Tagebücher gewissermaßen auf Bestellung. Wenn das Tagebuch zum D-Day fehlt - dann kommt es eben nach. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Agnes lebt er, mehr schlecht als recht, irgendwo im Schwäbischen und leistet sich eine Geliebte.

Kujau ist in dieser Serie für die Komik zuständig, und Moritz Bleibtreu macht seine Sache großartig, mit Dackelblick, Schnauzer und einem Hütchen auf dem Kopf, Feinripp-Unterwäsche und einem breiten Schwäbisch in der Art, wie es der frühere Berlinale-Leiter Dieter Kosslick gesprochen hat. Die eigentliche schauspielerische Entdeckung dieser Serie ist aber Britta Hammelstein als Kujaus handfeste Lebensgefährtin, der das Schwäbische noch flotter von den Lippen geht und die Weisheiten raushaut wie: „Bischd a faule Sau“ oder „I geh putze und Du gehschd vögele“. Sollte RTL noch einmal nachlegen wollen mit einem Spin-Off in der Art von „Konrad Kujau privat“ - den beiden möchte man auch viereinhalb Stunden zuschauen.

Die Parallelhandlung der Serie strapaziert allerdings durchaus die Geduld. Beim „Stern“ arbeitet auch die junge Kollegin Elisabeth Stöckel (Sinje Irslinger), als Frau den sexistischen Anfeindungen ihrer männlichen Kollegen ausgesetzt. Sie will beweisen, dass der Schauspieler Horst Tappert in der Waffen-SS war (ein Fall, der 2013 erst bekannt wurde), und realisiert, dass ihr Vater, ein liberaler Juraprofessor (Ulrich Tukur), ihr auch angehört hatte.

Schon bei den beiden Staffeln von „Das Boot“ bei Sky hatte die Handlung an Land immer mehr Gewicht bekommen. Natürlich versuchen mit der Figur der Elisabeth Stöckel die Autoren und Produzenten auch den Frauenanteil des Skandals zu stärken, obwohl er doch, wie wir wissen, eine klassische Männer-Verschwörung war.

Ein bisschen Feinschliff am Drehbuch hätte der Figur der jungen Kollegin gut getan. Als sie zum zweiten Mal ihren Freund versetzt, haben wir Zuschauer kapiert, dass sie die Arbeit vor das Privatleben stellt - aber das geht dann in munterer Folge weiter. Und dass sie beim Vernichten von Fotos ihres Vaters des Nachts in den dunklen Redaktionsräumen des „Stern“ von einem dort offenbar eingedrungenen jüdischen Aktivisten (Daniel Donskoy) fotografiert und erpresst wird, ist ein bisschen zu viel der Kolportage. Dieser Mann will nämlich das Erscheinen der Tagebücher verhindern.

Das haben die beiden dann doch nicht geschafft. Und so mäandert die Serie bis zum Schluss, den wir ja schon kennen. Sie kann sich nicht entscheiden zwischen akribischer Rekonstruktion und dramaturgischer Zuspitzung. Immerhin sorgen munter eingestreute Songs jener Jahre, von Iggy Pop bis David Bowie, für angenehme Aha-Effekte. Und schön ist auch der Blick in einen Redaktionsalltag, als noch die Post abgeholt und nachmittags Kaffee serviert wurde.

Aus epd medien 47/21 vom 26. November 2021

Rudolf Worschech