Krankes System

VOR-SICHT: "Das Menschenmögliche", Fernsehfilm, Regie und Buch: Eva Wolf, Kamera: Daniel Schönauer, Produktionsfirma: die film GmbH (ZDF, 10.7.19, 23.30-0.55 Uhr)

Das ZDF wird seine Gründe haben, warum es die Reihe "Shooting Stars - Junges Kino im Zweiten" erst um Mitternacht zeigt. Dabei wäre das Drama "Das Menschenmögliche" ein ausgezeichneter "Fernsehfilm der Woche", besser als vieles, was sonst im Zweiten am Montag um 20.15 Uhr gezeigt wird. Der vom Kleinen Fernsehspiel produzierte Film hatte auch keine Kinoauswertung. Eva Wolf (Buch und Regie) erzählt in ihrem Spielfilmdebüt von der Assistenzärztin Judith (Alissa Jung), die in der Notaufnahme eines Stuttgarter Krankenhauses arbeitet und völlig übermüdet einen fatalen Fehler begeht: Die falsche Etikettierung einer Blutprobe hat zur Folge, dass eine Patientin an Blutvergiftung stirbt. Weil der Witwer die Klinik verklagen will, wird die junge Ärztin "aus der Schusslinie" genommen und zum Dienst als Notärztin versetzt.

Für ihre Vorgesetzten ist der Fall damit zunächst erledigt, aber Judith geht das Ereignis nicht mehr aus dem Kopf. Schockiert muss sie zudem feststellen, dass Schwester Katja (Kathrin Kestler), deren Renitenz die Sache überhaupt erst ins Rollen gebracht hat, jede Mitschuld von sich weist. Nun droht der Ärztin das jähe Ende ihrer hoffnungsvollen Karriere.

Niemand kommt gern ins Krankenhaus, aber manchmal lässt es sich eben nicht vermeiden. Die Geschichte dieses Films geht also jeden an. "Das Menschenmögliche" ist der erste Fernsehfilm von Eva Wolf, zuvor hat sie unter anderem die Dokumentarfilme "12 Monate Deutschland" (über vier Austauschschüler von drei Kontinenten) und "Intensivstation" (vier Monate in der Charité) gedreht. Ihren Fernsehfilm hat sie sehr zurückhaltend inszeniert, allerdings hat er auch ein paar Schwächen, denn Wolf will zu viel.

Dass Judiths traumatische Erfahrung Folgen für ihr Privatleben hat, ist nachzuvollziehen. Ihr Freund Mark (Torben Liebrecht) ist genauso wenig eine Hilfe wie ihre Vorgesetzten, denn alle geben ihr den gleichen Rat: Sie soll das alles nicht so nah an sich rankommen lassen. In den Szenen mit Mark wird deutlich, dass Judiths Beruf mit seinen Schicht- und Bereitschaftsdiensten Gift für jede Beziehung ist. Wenig Erkenntnisgewinn bringt dagegen das komplizierte Verhältnis der Hauptfigur zu ihrer Mutter Hedi (Astrid M. Fünderich), zumal diese Rolle allzu klischeehaft ausfällt.

Ähnlich überzeichnet wie Mutter Hedi und die hippiehafte beste Freundin Caro (Viola Pobitschka) sind auch weitere Figuren. Die "Schwester Ungestüm" genannte Katja müsste eher "Schwester Unleidlich" heißen, und der ärztliche Klinikleiter Dr. Pöllnitz (Marcus Calvin) ist ein blasierter Halbgott in Weiß, der darüber schwadroniert, dass Frauen wegen ihrer Gefühligkeit für den Beruf nicht geeignet seien. Die Dialoge der Arztgespräche sind eine weitere Schwachstelle: Manche dienen vor allem der Information des Publikums, andere klingen wie deklamierte Lehrsätze, einige sind schlicht phrasenhaft ("Ärzte sind auch nur Menschen").

Als Notärztin wird Judith ständig mit Ausnahmesituationen konfrontiert: Mal geht es um häusliche Gewalt, mal gerät eine alte Frau in Lebensgefahr, weil die Menschen im Seniorenheim mit Psychopharmaka ruhiggestellt werden, mal richtet jemand seine Aggression ausgerechnet gegen jene, die ihm helfen wollen. Natürlich gehören auch solche Vorfälle zu den Erfahrungen von Notärzten und Rettungssanitätern, und es ist ehrenwert, dass die Regisseurin diese Missstände anprangert. Aber ihr Film legt die Vermutung nahe, der Alltag bestünde nur aus solchen Extremen.

Insgesamt fehlt dem Film ein gewisser Biss, Kameraführung und Schnittfrequenz könnten zupackender sein. Womöglich wollte sich Wolf bei ihrer ersten szenischen Regiearbeit nicht dem Vorwurf aussetzen, die Einsätze allzu plakativ inszeniert zu haben. Immerhin sind die kühlen Bilder in der Klinik wie auch in der Wohnung ein passender Rahmen für Judiths Gefühlsleben (Kamera: Daniel Schönauer).

Sehenswert ist "Das Menschenmögliche" vor allem wegen Alissa Jung, die die seelischen Nöte der Hauptfigur sehr nachvollziehbar verkörpert. Die Schauspielerin, die sonst eher in romantischen Komödien zu sehen war, überzeugt auch in dieser dramatischen Rolle. Dass sie promovierte Ärztin ist, verleiht dem Dilemma eine besondere Authentizität: Natürlich bangt Judith um ihren Traumberuf, aber dass ihre Vorgesetzten den Todesfall vertuschen und keinerlei Anstalten machen, die Missstände zu beheben, will sie auch nicht akzeptieren.

Berichte über die Überforderung von Ärzten, deren Erschöpfung nach 24 Stunden Dauerdienst fast zwangsläufig zu Fehlern führt, gibt es viele. Aber ein Spielfilm erreicht weitaus mehr Menschen als eine Reportage. Umso ärgerlicher, dass das ZDF den Film um Mitternacht programmiert hat und damit verhindert, dass ein größeres Publikum ihn sieht.

Aus epd medien 27/19 vom 5. Juli 2019

Tilmann Gangloff