Kleiner Junge im Schrank

VOR-SICHT: "Laim und der letzte Schuldige", Krimi, Regie: Michael Schneider, Buch: Christoph Darnstädt, Kamera: Andreas Zickgraf, Produktion: Network Movie (ZDF, 18.5.20, 20.15 - 21.45 Uhr)

München leuchtet. Die Maximilianstraße zeigt nächtlich glitzernd ihre ganze Pracht. Die Bayerische Staatsoper strahlt in vollem Lichtregie-Ornat. Hier zeigt sich die Großstadt von ihrer Prunkseite. Fassadenarchitektur, die von Mäzenen und Künstlern zur Selbstdarstellung genutzt wird, begeistert getragen von einem Publikum, das über die Frage, ob Starsänger Lorenz Ammersfeld (Dieter Fischer) nun ein Tenor oder ein hoher Bariton sei, kultiviert Haare spalten kann. Eine kleine Bemerkung nur von Lukas Laims Tante Valerie (Marie Anne Fliegel) zu Beginn des Krimis "Laim und der letzte Schuldige", eine, die man als Opernliebhaberinnen-Bildungshuberei abtun kann, aber schließlich eine von gewisser Tragweite.

Ammersfeld, der hohe Bariton, wird als Tenor vermarktet. Er muss Tenor sein, denn das Publikum will Tenöre. Das ganze Klischee, Domingo, Pavarotti, südländische Leidenschaft, exzentrisches Leben, sprichwörtlicher Mangel an intellektueller Brillanz. Man will es, man bekommt die Inszenierung, man will betrogen sein. Gleich zu Beginn, beim Auftakt des Films in den Gängen, Foyers und im Bauch der Oper, setzt Christoph Darnstädts Buch so eine Duftmarke - oder legt vielmehr einen langen Luntenfaden, der bis in ein bemerkenswertes Gespräch mit dem Internatsleiter des Klosters viel später führt, in dem mutmaßlich pädosexuelle Geschäfte abgewickelt werden.

Lukas Laim (Max Simonischek) ist ein Kriminaler, den man nicht mögen muss. Die Figur, obercooler Abservierer weiblicher Liebesbegehr, fast noch jugendlicher einsamer Wolf, "mit Platinkreditkarte geboren", in Schloss Salem zur Schule gegangen, so privilegiert wie lässig, ist eine unmoderne Ermittlergestalt. Von den müden Film-noir-Helden, den harten Knochen eines Dashiell Hammett oder Raymond Chandler unterscheidet ihn bloß eine gewisse Reflexion seiner Rolle. Eher eine Schlauheitsbehauptung.

Bereits in den ersten zwei Folgen dieser Reihe hatte Laim einen starken Zug zur Kunstfigur, und auch jetzt gönnt ihm der Film ikonisch gewollte Momente im schwarzen Mantel mit hochgestelltem Kragen, melancholisch wehenden Rockschößen, einen Rodin-Denker-Moment auf der Fensterbank seiner "Einsame Wölfin"-Kollegin (mit strategisch platziertem Wäschekorb) und ein Finale auf der Staatsopernbühne mit Blick auf die hell erleuchteten Zuschauerränge. Eilt er durch Präsidiumsgänge, hat sein Mantel etwas "Matrix"-haftes.

Laims inszenierte Künstlichkeit kann man gestrig finden oder mögen. Simonischek gibt ihr dieses Mal etwas mehr Zugewandtheit - beziehungsweise Interesse an der kettenrauchenden, konsequent Regeln brechenden, engagierten LKA-Pädophilenjägerin Sandra Rutkowski (Sophie von Kessel). Von Kessel hat die vielschichtigere Ermittlerinnenrolle und gibt ihr auch die entsprechende selbstverzehrende Energie.

Die dritte Hauptrolle spielt Roeland Wiesnekker, und hier zeigen das Buch, die Regie von Michael Schneider und die einerseits Leuchtfassaden herstellende, andererseits auf menschliche Mimikspuren setzende Bildgestaltung von Andreas Zickgraf ihre Stärken. Wiesnekker ist Roland Gachleitner, der Hausmeister im Klosterinternat, das begabtem Sängernachwuchs aus schwierigen Familienverhältnissen wie dem verstörten und gemobbten Maxi (Tom Philipp) ein Heim und die Möglichkeit gibt, an Startenor Ammersfelds "Opernprogramm" teilzunehmen und von seiner Privatstiftung zu profitieren, die von Gattin Harriet Meyer-Ammersfeld (Katharina Pichler) geleitet und von der Musikeragentur intensiv betreut wird. Alles harmlos: Ammersfeld liebt Kinder. Ungefähr so, wie Michael Jackson - wenn man das so genau wüsste.

Die Eingangsszenen des Films sind anschaulich stark: Schlussapplaus, das Publikum zerstreut sich, wartet auf Autogramme, der gefeierte Künstler eilt beschwingt zur Garderobe. Aus der Seitengasse treten zwei LKA-Beamte. Die eine, Rutkowski, bricht die Garderobentür auf, durchsucht die Spinde. Sie findet Kostüme, Brokat und einen kleinen, bis auf die Unterhose nackten Jungen auf Drogen. Ammersfeld wird über die Freitreppe abgeführt, Handyvideos und ein Schuss. Der Kinderschänder ist tot. Die Hatz beginnt, denn ein unbekannter Rächer scheint Mitwisser und -täter einen nach dem anderen ums Leben zu bringen.

Die Inszenierung des Kinderleids ist weit von der Schonungslosigkeit etwa von Gabriela Sperls "Operation Zucker"-Filmen entfernt, die Brutalität des Warenhandels ("6.000 Euro Kaution wegen möglicher Beschädigungen der Lieferung") erschließt sich auf sprachlicher Ebene. Von einer Security-Firma mit schleimigen Klischee-Kinderhändler-Figuren führen die Ermittlungen ins idyllisch gelegene Internat.

Hier schwächelt der Film, man hätte sich mehr Internat-Verbrechens-Background, mehr Rollentiefe und Figurengenauigkeit gewünscht. Statt auf Milieu setzt "Laim und der letzte Schuldige" hier in barocker Kreuzgangkulisse ganz auf Wiesnekkers Spiel. Ist er Beschützer oder selbst Täter? Was treibt ihn an? Welcher Art ist die besondere Verbindung zum kleinen Maxi, dem er über das Haar streicht? Ist das schon unanständig oder liegt die Unanständigkeit im Betrachterauge?

Konsequent, aber auch plakativ findet das eigentliche Finale auf der großen Bühne im leeren Opernhaus statt. Drama, Monolog, Recital und großes Solo werden zur Aufführung gebracht. Das sieht ansprechend bedeutungsanschwellend aus, zuvor wurde dem Ermittlerkollegen Anton Simhandl (Gerhard Wittmann) noch ein kurzes, leichtes Buffo-Intermezzo gegönnt. Wenn "Laim und der letzte Schuldige" trotzdem kein frenetisches "Da capo" bekommt, liegt das vor allem an der Figur des Lukas Laim.

Aus epd medien 20/20 vom 15. Mai 2020

Heike Hupertz