Kleiner Grenzverkehr

VOR-SICHT: "Bezzel & Schwarz - Die Grenzgänger", Factual Entertainment Format, Regie: Stefan Kauertz, Buch: Thorsten Berrar, Simone Schaumberger, Michael Kain, Birgit Böhler nach einer Idee von Torsten Berg, Kamera: Martin Langner, Produktion: Labo M GmbH (BR, ab 1.7.19, 20.15-21.00 Uhr)

Dass die Schauspieler Sebastian Bezzel ("Falsche Siebziger") und Simon Schwarz ("Die Siebtelbauern") sowohl im komischen Fach als auch beim Mundart-Heimatfilm gut besetzt sind, zeigt nicht zuletzt ihre gemeinsame Arbeit in der Verfilmung der "Eberhofer"-Krimis nach Rita Falk. Außerdem sind beide, so heißt es, auch im Privatleben eng befreundet. Trotz der trennenden Herkunft. Bezzel ist aus Garmisch-Partenkirchen, mithin gebürtiger Bayer, Simon Schwarz stammt aus Wien.

Es heißt, dass man sich diesseits und jenseits der Grenze mit Argwohn begegnet. Hohe Berge, tiefe Täler, abgrundtiefes Misstrauen gegenüber der Mentalität der anderen. Wenn der klassische Aphorismus stimmt, nach dem Deutsche und Österreicher nichts so sehr trennt wie die gemeinsame Sprache, dann bedeutet diese Männerfreundschaft etwas Besonderes: Annäherung durch das Fremde hindurch. So oder so ähnlich lautet das Programm des kleinen Grenzverkehrs von "Bezzel & Schwarz - die Grenzgänger", einer Reihe, in der die beiden Cicerones vier Folgen lang entlang der bayerischen Grenze die Welt erkunden und den Toleranzmuskel der jeweiligen Bewohner testen. Neue Erkenntnisse nicht ausgeschlossen. Eine hübsche Idee.

In der Mischung aus "Buddy-Roadmovie", "Factual Entertainment" und Heimat-Reiseführer, die der Bayerische Rundfunk ab dem 1. Juli zeigt, spielt der jeweilige Dialekt, spielen regionale sprachliche Besonderheiten eine große Rolle. Was den Tiroler vom Vorarlberger, den Ebbser vom Oberaudorfer unterscheidet, wird mehrfach zum Thema gemacht. Woher kommt die "Blunzn" und wie war das damals mit der Tierverarbeitung, als "nose to tail" noch nicht in der Sterneküche angekommen, sondern bäuerlicher Alltag war?

Statt Tiroler Gröstl isst man in der "Blauen Quelle" eine Thai-Suppe und übt die landestypische Aussprache für "Kokosmilch". Und wie spricht man eigentlich "Tom Chruz" aus? Solche schnurrigen Momente gehören zu den Highlights von "Bezzel & Schwarz". Daneben stehen trotz der vielen Einzelbegegnungen, die hier abgearbeitet werden, viel bergbilderbegleiteter Leerlauf und typische Video-Reiseführerszenen.

In der ersten Folge holt Gleitschirmfluglehrer Markus Gstatter die Spezis vom Zug ab. Bei Albert Schmider, der eine Schnapsbrennerschule betreibt, machen Bezzel und Schwarz erste Station (Bezzel: "Die erste Schule, in der ich nicht versage"). Etliche Brände später geht es zum Waffelessen ins Café von Schmiders Schwester. "Zufällig" singt ein Männerchor in Festtagstracht in der Nähe, den gilt es zu besuchen. Restaurantbesuch, Gleitschirmflug (den Bezzel verweigert), die Bäuerin auf dem Lechnerhof backt "Kiachl" aus Roggen und Dinkelmehl - ein "Hipsterteig", wie Bezzel bemerkt, der erklärt: "Die sind tätowiert, weinen aber, wenn Laktose in der Milch ist."

Man isst Kartoffelsuppe und besucht den Instrumentenbauer und Jazztrompeter Franz Hackl junior. Der "Luxus der offenen Grenze", die Weltläufigkeit des gleichwohl heimatverbundenen Musikers (heute New York, morgen das Dorf Schwaz) wird bewundert. Beim Blasmusi-Konzert der Combo mit dem Motto "Dahoam und Retour" vermischen sich arabische, jazzige und bayerische Klänge. In Immenstadt treffen Bezzel und Schwarz am Skilift den ersten irakischen Wanderleiter des Deutschen Alpenvereins. Martin Mumtaz-Noah, als Christ vor dem IS geflohen, wie er berichtet, lebt seit drei Jahren in den Bergen, spricht gut Deutsch und hat "noch immer Probleme mit der Grammatik". - "Wir auch", sagen Bezzel und Schwarz. Nun ist der Iraker Martin "ins Allgäu verliebt". - "Coole Lebensgeschichte, viel Glück noch", so das Fazit von Schwarz.

Am Ende der gesendeten Dreiviertelstunde steht jeweils das Fazit. Bezzel und Schwarz stehen oben auf dem bayerischen Berg, weisen auf Österreich und in die Ferne, "da ist die Schweiz", und reden über die vielen Menschen, die sie kennengelernt haben. Eine grundsympathische Idee, praktizierte Integration, im Grunde toll besetzt, leider aber etwas behäbig und filmisch zu konventionell umgesetzt. Es stören der lieblos oberflächliche Stationencheck und ein wenig beherzter Schnitt. "Bezzel & Schwarz" verschenkt mögliche nachdenkliche Momente zugunsten einer angestrengten Häppchen-Erzählung, die immer noch ein Treffen mehr obendrauf packt. Weniger Begegnungen hätten mehr Aufmerksamkeit erzeugt. Man kann vermuten, dass einige der besten Momente dem Schnitt zum Opfer gefallen sind. Die Reihe ist zwar nett gedacht, aber zu hektisch gemacht.

Am unglücklichsten ist die vermutlich redaktionelle Idee, ständig Songs, zumeist in merkwürdigen Orchesterarrangements, zur akustischen Illustration einzusetzen. Von "Sunshine Reggae" und "Ain't That Mountain High Enough", über Frank Sinatras "Come Fly With Me" oder "We Are Family" bis zu "I lass mi treiben" und am Ende merkwürdig unpassend: "Solang man Träume noch leben kann", mutet die Playlist an, als wäre sie nachträglich zum "Aufpeppen" des Ganzen draufgesetzt worden. Anders geschnitten und ohne ablenkende Hintergrundtonspur würde man "Bezzel & Schwarz - Die Grenzgänger" gern noch einmal sehen.

Aus epd medien 26/19 vom 28. Juni 2019

Heike Hupertz