Kleiner, feiner Film

VOR-SICHT: "Kryger bleibt Krüger", Komödie, Regie: Marc-Andreas Borchert, Buch: Ulla Ziermann, Marc-Andreas Borchert, Kamera: Andreas Höfer (ARD/Degeto, 18.1.20, 20.15-21.45 Uhr)

Inzwischen ist der Berliner Rentner Paul Krüger (Horst Krause) schon ganz schön in der Welt herumgekommen. In einem Film der "Krüger"-Reihe verschlug es ihn in die Türkei, in zwei weiteren nach Griechenland und Österreich, meist in familiären Angelegenheiten. Diesmal beschäftigen ihn aber zunächst Sorgen um seine kleine Berliner Mietwohnung. Die angekündigte Modernisierung ist mit einer veritablen Mieterhöhung verbunden, die Krüger von seiner kleinen Rente niemals zahlen kann. Aus den düsteren Gedanken reißt ihn unerwarteter Besuch: Eine Frau steht vor der Tür und verkündet ihm mit deutlich tschechischem Akzent, dass seine alte Tante Vera verstorben ist und ihm die Brauerei, einen alten Krügerschen Familienbetrieb, in seinem Geburtsort Krygerovice an der deutschen Grenze vererbt hat.

Krüger, der genug mit dem Mietproblem zu tun hat, will aber weder von dem Ort noch von der Brauerei etwas wissen - doch dann erklärt ihm die Tschechin, die auch die Bürgermeisterin des Ortes ist, wie viele Existenzen dort mit der Brauerei verknüpft sind und dass alle hoffen, die rechtmäßigen Erben würden den Traditionsbetrieb fortführen - denn sonst droht die Versteigerung der Immobilie und die Übernahme durch omnipräsente chinesische Spekulanten, die an dieser Stelle Luxuswohnungen bauen wollen.

Also lässt sich der brummelige Krüger erweichen, sich die Sache wenigstens mal vor Ort anzusehen, und reist mit seinen Kumpels Ecki (Jörg Gudzuhn) und Bernd (Fritz Roth) nach Tschechien. Eine Reise, die Krüger aus persönlichen Gründen zu schaffen macht: Die Brauerei und das Dorf erinnern ihn an seine zerrissene Familie, nach Kriegsende musste er als Fünfjähriger an der Hand seiner deutschen Mutter die Grenzregion verlassen - sein tschechischer Vater hingegen bestand darauf, mit Pauls Bruder Emil dortzubleiben. Als Verrat empfanden Pauls Mutter und er das, und auch Emil ließ nie wieder etwas von sich hören.

Dennoch: Von der alten Brauerei sind die drei Bierfreunde begeistert und ebenso von den freundlichen Dörflern in der Gastwirtschaft - allen voran Wirtin Tereza (Johana Munzarova) und ihr vor Ideen sprühender Sohn Jiri (Raphael Keric), ein junger Mann mit echtem Unternehmergeist. Krüger mit seinem großen Herzen lässt sich also breitschlagen und wäre bereit, das Erbe nun doch anzutreten - aber da hat die listige Tante noch eine testamentarische Hürde eingebaut. Paul kann nur gemeinsam mit seinem Bruder Emil erben und muss dazu als letzten Beweis mit ihm zusammen aus dem alten Familienpokal trinken.

Die Zeit drängt: die Versteigerung soll schon bald stattfinden, und Paul muss erst mal Emil ausfindig machen. Während Kumpel Ecki in Krygerovice bleibt, um die Versteigerung hinauszuzögern, findet Paul Emil, der als Puppenspieler mit selbstausgebautem Wohnwagen durch die Lande zieht. Doch der erweist sich als noch härterer Brocken als Paul und weigert sich hartnäckig - er grollt immer noch Mutter, Vater und Bruder und hat mit der Vergangenheit gebrochen.

Ist es schon ein Vergnügen für sich, dem Berliner Rentnertrio zuzusehen (besonders Jörg Gudzuhn glänzt mit einer grandiosen Mischung aus kumpeliger Hemdsärmeligkeit und lässiger Nonchalance), so wird das Ganze noch getoppt durch Christian Grashof als Bruder Emil. Eine tolle Besetzung, zumal die Brüder viel gemeinsam haben: Beide leiden immer noch an dem frühkindlichen Trauma und darunter, von einem Elternteil im Stich gelassen worden zu sein, beide sind eher wortkarg und knorzig und vor allem unendlich stur. Es dauert also, bis die beiden dann doch anfangen, miteinander zu reden.

Regisseur Marc-Andreas Borchert gelingt es, durch den Kontrast - hier die unaufhaltsam laufende Zeit, dort der gemächliche Emil mit seinem Pferdefuhrwerk - tatsächlich eine Spannung aufzubauen, die auch die Zuschauer mitnimmt, obwohl natürlich klar ist, dass eine Degeto-Komödie mit Horst Krause nur ein glückliches Ende haben kann. Und es geht nicht nur spannend zu, sondern auch höchst vergnüglich - man muss nur Jörg Gudzuhn mit seiner großartigen komödiantischen Gabe dabei zusehen, wie er alle Register zieht, um die Versteigerung zu verhindern.

Angenehm fällt auf, dass sämtliche tschechischen Rollen auch mit Tschechen besetzt sind und dass man Tschechisch ebenso hört wie die deutsche Sprache, obwohl natürlich viele Tschechen nicht nur in der Grenzregion mehr oder weniger gut deutsch sprechen, doch so bleibt einem das peinliche Gefühl erspart, das einen immer dann beschleicht, wenn Schauspieler andere Dialekte zu imitieren versuchen und Deutsch radebrechen.

Erwähnen muss man zudem, wie souverän es Schauspielern und Regisseur gelingt, jede sentimentale Heimatromantik und Vertriebenentümelei zu vermeiden. Stattdessen geht Borchert mit dem immer noch sensiblen politischen Thema sachlich und zurückhaltend um: Die Zeitgeschichte wird nicht infrage gestellt, sondern ist hier vor allem Hintergrund für eine Familientragödie, die mit der Fortführung der Familientradition durch den jungen Jiri ein Ende hat - womit auch der Generationenkonflikt zwischen Tradition und Moderne seine Auflösung findet.

Chapeau also für einen kleinen, feinen Samstagabendfilm mit wunderbaren Darstellern, der vor allem mit viel Einfühlsamkeit, mit wunderbar trockenem Humor und Liebe zu den Protagonisten punktet.

Aus epd medien 3/20 vom 17. Januar 2020

Ulrike Steglich