Klassische Tragödie

VOR-SICHT: "Unterleuten. Das zerrissene Dorf", dreiteiliger Fernsehfilm, Regie: Matti Geschonneck, Buch: Magnus Vattrodt nach dem Roman "Unterleuten" von Juli Zeh, Kamera: Theo Bierkens, Produktion: Network Movie Film- und Fernsehproduktions GmbH (ZDF, 9., 11. und 12.3.20, 20.15-21.50 Uhr)

Die 1974 geborene Juristin Julie Zeh ist eine Schriftstellerin, die sehr gute Bücher schreibt, aber auch solche, die man nicht gelesen haben muss. Ihr dicker Roman "Unterleuten" (2016) war ein großer Wurf. Vielleicht ihr größter. Über 600 Seiten erzählt das Buch von den Ereignissen im brandenburgischen Dorf "Unterleuten". Neben den Alteingesessenen haben sich hier einige (West-)Berliner angesiedelt, um ihre Träume vom Landleben zu realisieren: Eine höhere Tochter möchte einen Pferdehof aufbauen (Miriam Stein als Linda Franzen). Der Soziologe, der es nie zum ordentlichen Professor brachte, hat mit einer frischluftfanatischen Studentin (Rosalie Thomass als Jule Fließ) als alternder Mann noch ein Kind gezeugt und macht nun einen auf Naturschützer (Ulrich Noethen als Dr. Gerhard Fließ).

Man sieht wie durchs Brennglas auf dies ostdeutsche Kaff und erfährt dabei viel über die Berliner Republik. Und von ihren Widersprüchen. Keine Rolle spielen, erstaunlicherweise, die Rechtsradikalen im ländlichen Ostdeutschland. Schriebe Juli Zeh heute, der Roman käme wohl nicht mehr ohne völkische Siedler am Dorfrand aus. Politisch erzählt dieses Buch, und noch stärker der Film, aber von etwas anderem: Vom "verlorenen" Klassenkampf. Und vom Unverdauten.

So schwelt unter den Alteingesessenen seit Jahrzehnten der Konflikt zwischen Gombrowski (Thomas Thieme) und Kron (Hermann Beyer). Gombrowski als Abkömmling der Großbauern, die das Land zuvor besaßen, war LPG-Chef und leitet seit der Wende den landwirtschaftlichen Pleitebetrieb "Ökologica". Kron sieht sich für immer auf der Seite der von Gombrowskis Vorfahren ausgebeuteten Landarbeiter. Seit Jahrzehnten sagt er seinem Feind Gombrowski einen Mord nach und pflegt Verschwörungstheorien.

Alle Figuren sind hier stimmig besetzt. Wer viele Fernsehfilme guckt, hegt den Verdacht, dass Casterin Simone Bär am Werk gewesen sein dürfte - sie war es auch. Die große Stimmigkeit erweist sich als etwas zweischneidig. Denn so gibt es keine Überraschungen. Während der Roman davon lebt, über Hunderte von Seiten Charaktere durch die Schilderung von Details zu entfalten, sieht man hier auf den ersten Blick, wer wofür steht.

Jörg Schüttauf als Bürgermeister? Alles klar, einerseits ist der ja immer ganz nett, aber … Der auch körperlich gewaltige Thieme? Machtmensch von gestern, wie er im Buche beziehungsweise auf der Fernsehfilmbesetzungsliste für "so einen" steht. Und so weiter. Selten wird der Unterschied von Literatur und Film so augenfällig. In Sekundenbruchteilen vermittelt das Auge Informationen, für die man lange schreiben und lesen muss. So verlieren sich - zwangsläufig - viele der psychologischen Feinheiten, die Bücher interessant machten. Dafür schiebt sich der Plot, die reine Handlungsebene, in den Vordergrund.

Der dreiteilige Film von Matti Geschonneck (Buch: Magnus Vattrodt), wie Simone Bär seit Jahrzehnten ein großer Name im Segment des gehobenen Fernsehfilms, wahrt die Einheit von Zeit (rund um die Ernte), Raum (Unterleuten und ganz wenig Berlin) und Handlung. Wie in der klassischen Tragödie sind einige der Helden am Ende tot oder körperlich und seelisch schwer versehrt. Am Anfang war der hinkende Kron, vom Untergang der sozialistischen Idee schwer geschlagen, der einzig äußerlich Versehrte.

Wie es sich für jede ordentliche Tragödie gehört, kann am Ende niemand so recht sagen, warum es so schlimm hat kommen müssen. Aus der Perspektive des Einzelnen hat niemand "etwas Schlimmes" gemacht. Innerhalb der eigenen Regeln handelte jeder folgerichtig. Niemand ist einfach nur "gut" oder nur "böse". Und doch steckt gerade im vermeintlich reflektierten Professor, der sich für gefährdete Vögel wie den "Kampfläufer" einsetzt, selbst ein Kampfläufer, ein primitiver (Beinahe-)Totschläger. Und im vermeintlich groben Gewalttäter Schaller (Charly Hübner als Gombrowskis Handlanger) ein zarter Mann.

In Unterleuten eskalieren die Konflikte, als Windräder aufgestellt werden sollen, weil die Berliner Politik die Energiewende will. Geld winkt durch Grundstücksverkäufe. Landschaftsverschandelung droht. Eine zu klischeehaft dargestellte Beraterin im Kostüm (Mina Tander) und ein dubioser Investor (Alexander Held), der sich am Ende durch seine Gier selbst hereingelegt haben wird, treten auf den Plan. Über 600 Seiten hat sich Juli Zeh Zeit gelassen. Für drei Fernsehfilmabende hat das ZDF gedreht und so Zeit für die ländliche Langsamkeit gelassen. Noch deutlicher als beim Lesen wird beim Sehen und Hören die symbolische Dimension bewusst: da ist etwa all die "Scheiße", die hier (aus Klärgruben) abgepumpt werden muss. Und der Undank des Dorfes für Gombrowskis Frischwasseranlage.

Diese Literaturverfilmung hat den - oder doch zumindest einen - Kern des Buchs wirklich getroffen und eine in sich schlüssige Interpretation vorgelegt. Was hier gelungen ist, gelingt nicht oft. Bleibt zu hoffen, dass die ZDF-Zuschauer so viel Muße mitbringen, wie die Romanleser sie für Zehs dickes Buch aufbrachten.

Andrea Kaiser