Kill your Darlings

VOR-SICHT: "Tod von Freunden", vierteilige Drama-Serie, Regie und Buch: Friedemann Fromm, Kamera: Ralf Noack, Produktion: Letterbox Filmproduktion/Dynamic Television (ZDF, ab 7.2.21 sonntags, 22.15-00.10 Uhr)

Fast acht Stunden Drama. Das sieht doch sehr nach Opus Magnum aus. Und tatsächlich sagt Regisseur und Autor Friedemann Fromm, der außer Grimme-Preisen auch einen Emmy-Award gewonnen hat, es handele sich bei der Serie "Tod von Freunden" um eines seiner persönlichsten Projekte. Es sei "aus sehr privaten Gefühlen und Ängsten heraus" entstanden.

Fromm erzählt seine Familiengeschichte "multiperspektivisch". Genauer gesagt, ist es die Geschichte zweier eng befreundeter deutscher und dänischer Familien. Sie sind künstlerisch-alternativ angehaucht, finanziell offenbar aber bestens gestellt. Die Paare Sabine und Bernd Küster (Katharina Schüttler und Jan Josef Liefers) sowie Charlie und Jakob Jensen (Lene Maria Christensen und Thure Lindhardt) haben sich als einzige Bewohner auf einer malerischen Insel vor Flensburg in der Förde angesiedelt. Dort ziehen sie gemeinsam ihre Kinder auf, die inzwischen Jugendliche sind: Kjell und Karl Küster (Lukas Zumbrock und Anton Petzold) und Cecile und Emile Jensen (Milena Tscharntke und Oskar Belton).

Gleich zu Anfang sagt Sabine, sie hätten sich hier ein Paradies erschaffen - "aber die Wahrheit kam wie ein Bumerang zurück". Nun könnte man spitzfindig anmerken, dass die Sache mit der Erkenntnis und der Vertreibung nun mal zum Paradies dazugehört und sie sich das daher hätte denken können. Aber wie meist im Fernsehen denkt man besser nicht so genau zu Ende, wenn bedeutungsschwer formuliert wird.

Kjell, heimlicher Liebster von Cecile, ist bei einer Segeltour nachts über Bord gegangen. Warum? Jeder hat eine andere Sicht, jeder gibt irgendwem die Schuld. Sich oder den anderen. Und im Hintergrund zeichnet sich eine unklare Vergangenheit von Sabine und Jakob ab mit politischer Gewalt, Drogen und verheimlichten oder untergeschobenen Nachkommen.

Wer genau Bescheid wissen will, muss viel Geduld haben und rund acht Stunden seiner Lebenszeit investieren. Er muss bereit sein, sich auf eine sprunghafte, nicht chronologische Erzählweise einzulassen und mit dem ZDF auf Pillen zu gehen, wenn die Sicht der Tochter mit dem Drogenproblem dran ist. Ein Projekt für die Mediathek also, wo die Serie am selben Tag wie die nächtliche Ausstrahlung startet.

Woher kommt nur diese Mode mit den Perspektiven? In diesem Fall sind es nicht weniger als acht! Ist die eigentliche Leistung eines "Storytellers" nicht vielmehr, dass er sich für eine Sicht entscheidet, beziehungsweise die Vielzahl der Perspektiven so verflicht, dass das Ergebnis interessanter ist als unser aller vor sich hin mäanderndes real life? Wieso soll man sich neuerdings bei ARD und ZDF selbst durchfräsen? Wohl weil das lineare Fernsehen recht verzweifelt Anschluss ans moderne Serienerzählen und die Streamingportale sucht.

Gerade erst wurde dem Publikum von der ARD mit großem PR-Gebläse viel Mehrwert von der Darstellung zweier unterschiedlicher Perspektiven versprochen. Doch "Ferdinand von Schirach: Feinde" entpuppte sich als veritable Mogelpackung: Die eine Version der Geschichte unterschied sich in Wahrheit kaum von der anderen (epd 1/21).

Das ist hier nicht der Fall. Das Ganze wurde unendlich viel sorgfältiger durchdacht und komponiert mit dem Ziel, dem Zuschauer immer wieder Aha-Erlebnisse zu verschaffen. Das klappt durchaus, dennoch ist es natürlich auch hier so, dass sich die wirre Handlung wiederholt und wiederholt und wiederholt. Es muss einen also schon sehr interessieren und gepackt haben, um dran zu bleiben. Aber so ungefähr hat man nach zwei Folgen kapiert, wohin der Hase hoppelt.

Was hier erstaunlich gut funktioniert, ist das deutsch-dänische Durcheinander bei der Sprache. Und es ist mal ein etwas anderes Milieu, das Grenzgebiet mal eine andere Szenerie als der Durchschnittsfilm sie zu bieten hat. Und noch etwas hebt die Serie heraus: Eines der Kinder, nämlich Karl, ist behindert. Das ist nicht Thema des Films, aber es stellt die Familien vor Herausforderungen.

Den Zuschauer aufzufordern, sich aus einer Vielzahl an Szenen seine eigene Geschichte zu basteln, wird nicht die Rettung des Fernsehens sein. Aber offenbar sitzt bei den Sendern und den Filmförderungsanstalten derzeit das Geld für "Experimente" locker. Schließlich geht es um die Suche nach der Zukunft des Fernsehens. Das ist einerseits gut. Andererseits ist es die eigentliche, oft sehr schmerzhafte Kunst in kreativen Prozessen, sich zu entscheiden. Kill your darlings! Filmemacher sollten den Schmerz, jedes Mal wieder einen Großteil ihrer Lieben töten zu müssen, auch weiterhin auf sich nehmen.

Aus epd medien 5/21 vom 5. Februar 2021

Andrea Kaiser