Keine Gewissheiten

VOR-SICHT: "23 Morde", sechsteilige Serie, Regie: Felix Herzogenrath, Edzard Onneken, Buch: Alex Eslam, Malte Can, Sven Poser, Birgit Maiwald, Markus Hoffmann, Uwe Kossmann, John-H. Karsten, Annika Tepelmann, Sven Böttcher, Johannes Lackner, Kamera: Mathias Neumann, Produktion: H&V Entertainment (Joyn/Sat.1, ab 19.8.19)

Der Mann erkennt auf den ersten Blick Zusammenhänge, wo andere nur im Nebel stochern. Dank seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten hat er zudem ein untrügliches Gespür für Details. Das macht ihn zur perfekten Ergänzung für eine attraktive Kriminalkommissarin, die sich ihrerseits auf ein untrügliches Gespür verlassen kann. Maximilian Rapp und Tara Schöll sind die Hauptfiguren der Sat.1-Serie "23 Morde". Die sechs Folgen sind bereits 2015 gedreht worden, doch der Sender hat sich nie dazu durchringen können, sie auszustrahlen, "weil die Serie eher spitz angelegt ist", wie es heißt. Vier Jahre lag sie auf Eis, ab dem 19. August kann sie kostenlos bei Joyn, dem neuen Streamingportal von ProSiebenSat.1, abgerufen werden.

Bei Alex Eslam (Konzept) und Producer Malte Can (Idee) dürfte dies gemischte Gefühle hervorrufen. Einerseits werden sie froh sein, dass "23 Morde" endlich zu sehen ist, andererseits erleben sie ein Déjà-vu: Eslams in gleicher Konstellation zustande gekommenes und stilistisch herausragendes Regiedebüt "Bissige Hunde" ist vor einigen Jahren in Zusammenarbeit zwischen ProSieben und der Filmakademie Ludwigsburg entstanden, aber trotz namhafter Besetzung 2015 auf Sixx versendet worden.

"23 Morde" orientiert sich einerseits an amerikanischen Krimiformaten, wie sie vor einiger Zeit in Mode waren, als hellsichtige Menschen die Polizei bei der Verbrecherjagd unterstützten, enthält aber auch Anteile von "Dexter" (2006 bis 2013), jener US-Serie, in der ein seit seiner Kindheit traumatisierter Forensiker als Serienmörder Selbstjustiz übt: Maximilian Rapp (Franz Dinda) gilt als 23-facher Mörder, und weil er die Taten zugegeben hat, gibt es keinen Ermittlungsgrund. Einzig Hauptkommissarin Tara Schöll (Shadi Hedayati) ahnt, dass bei dem umfassenden Geständnis irgendwas nicht stimmt, und tatsächlich stellt sich aufgrund eines anonymen Hinweises heraus, dass Rapp zumindest drei der Morde nicht begangen haben kann. Er hat sich als Kind die Schuld am Tod seines kleinen Bruders gegeben und deshalb auch die 23 Morde gestanden. Weil er das Muster der drei Taten durchschaut, weiß er, dass es einen vierten Mord geben wird.

Er erklärt sich bereit, Schöll zu helfen, allerdings nur unter bestimmten Bedingungen. Fortan klärt das ungleiche Duo einen Fall nach dem anderen. Die Qualität der Serie liegt neben der an "Das Schweigen der Lämmer" erinnernden Konstellation der Hauptfiguren in der sorgfältigen Ausarbeitung der ungewöhnlich raffinierten Drehbücher und in der Umsetzung, auch wenn einige Details buchstäblich an den Haaren herbeigezogen sind: Rapp braucht nur auf einem Haar zu kauen, um zu erkennen, dass jemand regelmäßig Kokain zu sich nimmt.

Ähnlich wie in den Filmen und Serien mit übersinnlichen Polizeihelfern hat Rapp rasant geschnittene Visionen, wenn er an Kleidungsstücken schnüffelt. Bildgestaltung und Spannung unterscheiden "23 Morde" deutlich von Sat.1-Krimiserien wie "Josephine Klick - Allein unter Cops", "Einstein" oder "Der Bulle und das Biest", die stets auch große komödiantische Anteile enthielten. Die Entscheidung des Senders gegen "23 Morde" lässt sich daher nachzuvollziehen: Das prägende düstere Element hat offenbar nicht in die Programmstrategie gepasst, zumal Sat.1 vermutlich noch heute unter dem "Blackout"-Trauma leidet: die achtteilige Serie hatte 2006 ausgezeichnete Kritiken bekommen, war aber ein Quotenflop.

Die Folgen eins und zwei sind im Grunde ein Film, denn die im Stil des David-Fincher-Thrillers "Sieben" konzipierten Morde entpuppen sich als geplanter Suizid des Killers (Victor Schefé): Schöll kann ein weiteres Opfer nur retten, indem sie den Mann umbringt. Die Folgen drei bis fünf sind in sich abgeschlossen, allerdings gibt es einen clever in die jeweilige Handlung integrierten horizontalen Erzählstrang, bei dem es um das Schicksal von Schölls verstorbenem Vater geht. Angeblich hat er sich vor zwei Jahren das Leben genommen, aber Rapp ahnt, dass das allenfalls die halbe Wahrheit ist.

Der besondere Reiz von "23 Morde" liegt in der Diskrepanz zwischen Schein und Sein, aber auch im Verzicht auf Gewissheiten: Nur weil Rapp einige der ihm zur Last gelegten Taten nicht begangen hat, heißt das nicht, dass er gänzlich unschuldig ist. Mehrfach wird seine sinistre Seite deutlich, eine gewisse Neigung zum Sadismus ist zu erkennen. Auch Tara Schöll ist keine strahlende Heldin.

Diese Vielschichtigkeit macht die Figuren auch darstellerisch anspruchsvoll. Shadi Hedayati dürfte einem breiten Publikum kaum bekannt sein, selbst wenn sie für Sat.1 bereits größere Rollen in den Komödien "Die Schlikkerfrauen" und "Die Udo Honig Story" gespielt hat. Sie versieht ihre Rolle mit genau den richtigen Zwischentönen, zumal es zwischen Rapp und der Polizistin zumindest aus seiner Sicht eine besondere Verbindung gibt. Franz Dinda ist eine ähnlich gute Besetzung, weil er zwar die Abgründe des hypersensiblen Rapp glaubwürdig verkörpert, dank seiner Jungenhaftigkeit jedoch durchaus sympathisch wirkt - allerdings hätte er die Figur noch mysteriöser anlegen können.

Sehenswert ist "23 Morde" nicht zuletzt wegen der ausgefeilten aufwendigen Bildgestaltung (Mathias Neumann) und der dynamischen elektronischen rockigen Musik (Dirk Leupolz), die die Handlung immer wieder antreibt. Die letzte Folge hat einen Knüller zu bieten und endet mit einem fetten Fragezeichen, das höchstwahrscheinlich nie aufgelöst wird. Es sei denn, die Abrufzahlen bei Joyn sind derart überwältigend, dass ProSiebenSat.1 eine Fortsetzung in Auftrag gibt.

Aus epd medien 33/19 vom 16. August 2019