Kein Missklang

VOR-SICHT: „Die Luft, die wir atmen“, Fernsehfilm, Regie: Martin Enlen, Buch: Julia C. Kaiser, Kamera: Philipp Timme, Produktion: HR (ARD/HR, 24.11.21, 20.15-21.45 Uhr)

epd In Ang Lees ikonischem Independent-Film „Der Eissturm“ (1997) fegt ein ebensolcher über das Connecticut der 1970er Jahre hinweg und macht unter einer gläsernen Haut die frostige Gefühlslage der amerikanischen Mittelschicht jener Jahre sichtbar. Des meteorologischen Zuspitzungsmittels Blitzeis bedient sich auch der ARD-Film „Die Luft, die wir atmen“. Autorin Julia C. Kaiser lässt ein Altenheim im Taunus einfrieren und wirft so Bewohner und Besucherinnen auf ihre Konflikte zurück. Sie will ebenfalls ran an unangenehme Wahrheiten, an unseren Umgang mit Alter und Pflegebedürftigkeit, an die Verdrängung von Sterben und Tod. Wo „Der Eissturm“ allerdings böse funkelt, bleiben Kaiser und Regisseur Martin Enlen brav, setzen auf Gutherzigkeit und Miteinander nach dem Motto: Gar nicht so schlecht, wenn man mal zum Innehalten gezwungen wird, es wird sich schon eine Lösung finden.

Beispielhaft für diese Grundhaltung steht die Figur der Heimleiterin Sina Kunz (Neda Rahmanian), die Tag und Nacht so milde lächelnd überall nach dem Rechten sieht, für jeden ein aufmunterndes Wort hat und federnden Schrittes zwischendurch noch Müll aufhebt, dass es fast nicht mehr im glaubwürdigen Bereich liegt. Unter ihrer Obhut - sowie der des nicht minder empathischen Pflegepersonals, allen voran Schwester Martina (Katja Studt) - begegnen sich nun in einem episodischen Reigen drei problematische Familien-Konstellationen.

Da ist zum einen der Florist Klaus (Rainer Bock), der seine an Parkinson erkrankte Lebenspartnerin Sylvia (Ruth Reinecke) mit einem riesigen Blumenstrauß „zurückerobern“ und nach Hause holen will. „In guten wie in schlechten Tagen“, das hätten sie sich zwar nie explizit geschworen, platzt er in ihr Zimmer, es sei für ihn aber immer klar gewesen. Sie dagegen will zwar ihre Paarbeziehung fortsetzen, aber nicht von ihm gepflegt werden: „Vor dir kann ich meinen Verfall nicht verstecken.“ Die Begegnung scheitert grandios, was sich darin widerspiegelt, dass sein Strauß zu groß für die vorhandenen Vasen ist und daher in den mit Wasser gefüllten Mülleimer gesteckt werden muss.

Jürgen (Thomas Loibl) wiederum sitzt schon seit neun Stunden am Sterbebett seiner Mutter, die nicht mehr mit ihm gesprochen hat, seit er sie ins Heim gab, und die durch ihr Verhalten einen Keil zwischen ihn und seine Schwester (Barbara Philipp) getrieben hat. Als Grund für sein Ausharren gibt er an, „auch mal das letzte Wort“ haben zu wollen. Und schließlich ist da Alisa (Bernadette Heerwagen), die ihrem dementen Vater (Gerd Wameling), einem Gitarrenbauer mit liebevoll eingerichteter Werkstatt im Zimmer, endlich eine Kontovollmacht abtrotzen will, weil ihre Ehefrau Sarah (Katharina Nesytowa) den teuren Heimplatz nicht mehr mitbezahlen will.

Als nach etwa einer halben Filmstunde das Blitzeis einsetzt, informiert Heimleiterin Sina kurz ihr kleines Team, dass nun eben 45 zusätzliche Leute über Nacht bleiben werden, und die Konfliktparteien machen sich ans Problemlösen, das in zwei Fällen über praktische Tätigkeiten gelingt: Vater und Tochter bauen gemeinsam eine Gitarre fertig, von der bisher nur der Korpus existiert, und verständigen sich darauf, danach das Finanzielle zu regeln. Das Floristenpaar entscheidet sich, zwei Sträuße aus dem einen großen zu machen, und findet so die Brücke zu neuer Zweisamkeit. Und Jürgen, der gefühlsverkapselte Sohn am Sterbebett, bekommt Beistand von außen in Gestalt einer weiteren Besucherin (Patrycia Ziolkowska), die knapp zu spät kam, um ihre eigene Mutter noch einmal lebendig zu sehen.

Das starke Darsteller-Ensemble sorgt dafür, dass der Film durchaus seine Momente hat; bemerkenswert ist außerdem das Bemühen der Autorin, unterschiedliche Lebensmodelle ganz beiläufig zusammenzubringen. Da unterhält sich etwa im Gemeinschaftsraum der kinderlose, unverheiratete, heterosexuelle Florist ganz angeregt mit der gleichgeschlechtlich verheirateten Sarah, die offenbar aus einer früheren Beziehung Kinder im schulpflichtigen Alter hat. Aber dann ist da auch immer wieder diese Videoclip-Ästhetik, die entsteht, wenn einzelne Szenen ausgiebig mit sanftem Folk-Pop unterlegt werden.

„Die Luft, die wir atmen“ ist ein Film, in dem eine Tochter mit ihrem dementen Vater über Nacht eine Gitarre baut, also Hals und Kopf mit dem Korpus verleimt, Bundstäbchen aufs Griffbrett setzt und Saiten aufzieht. Und wenn am nächsten Morgen der freundliche Pfleger in den Raum kommt, staunend fragt, ob man das Instrument schon spielen könne, und dann ein paar Akkorde anschlägt, sind die frisch aufgezogenen Saiten top gestimmt, kein Missklang stört das Happy End. Im Vergleich mit dem subversiven Appeal des „Eissturms“ von Ang Lee ist das doch eher ein Eisstürmchen.

Aus epd medien 46/21 vom 19. November 2021

Peter Luley