Katastrophensaga mit Wumms

"Sløborn", achtteilige Fernsehserie, Regie: Christian Alvart, Adolfo Kolmerer, Buch: Christian Alvart, Erol Yesilkaya, Henner Schulte-Holtey, Siegfried Kamml, Arend Remmers, Kamera: Christian Alvart, Produktion: Syrreal Entertainment (ZDFneo, 23.7.20, 20.15-23.25 Uhr und 24.7.20, 20.15-23.40 Uhr)

Maskenpflicht, Abstandsregeln, Ausgangssperre: Viele der Maßnahmen, die in der lange vor der Corona-Pandemie konzipierten und von September bis November 2019 auf Norderney und in Sopot gedrehten Seuchenserie "Sløborn" zum Einsatz kommen, sind einem heute aus dem Alltag vertraut. Ein durchaus unheimlicher und spannungsfördernder Umstand, beglaubigt er doch, dass das geschilderte Szenario so abwegig nicht sein kann.

In der Fiktion ist es ein gestrandetes Segelboot mit einem toten Skipper-Paar an Bord, das die bereits in Indien, Asien und Südamerika grassierende Taubengrippe auf die beschauliche deutsche Nordseeinsel Sløborn bringt. Als ein paar Jungs am Ende der ersten Folge das "fucking Geisterschiff" entdecken, betreten und bei allem Schreck über die verwesten Leichen Bargeld und ein Handy mitgehen lassen, ist klar, dass sie das Virus verbreiten werden. Doch erst mal geht das Leben weiter, Erreger haben ja bekanntlich eine Inkubationszeit.

Showrunner Christian Alvart, der am Drehbuch mitwirkte, vier der acht Episoden inszenierte und dabei auch die Kamera führte, lässt sich klugerweise Zeit bei der Etablierung des Schauplatzes und der Figuren. Horror ist schließlich viel effektvoller, wenn er sich leise anschleicht und wenn der Zuschauer die Welt kennt, in die er einbricht - zumal, wenn die schon vorher alles andere als heil war. Im Mittelpunkt der Handlung steht die 15-jährige Schülerin Evelin (Emily Kusche), die gerade von einer Klassenfahrt zurückkommt, von ihrem Vertrauenslehrer (Marc Benjamin) schwanger ist und unter der bevorstehenden Trennung ihrer Eltern leidet.

Vater Richard (Wotan Wilke Möhring), der auf der Insel als Veterinär arbeitet, hat eine Stelle in Berlin angenommen, Mutter Helena (Annika Kuhl) dagegen will ihre beruflichen Ambitionen auf Sløborn verwirklichen: Als Tourismusbeauftragte betreibt sie den Verkauf von Seniorenresidenzen und träumt von der Instandsetzung einer alten Plattform-Ruine im Meer, die sie mit Hilfe von Investoren zum Luxushotel ausbauen möchte. An Evelin ist es daher häufig, sich um ihre drei kleineren Brüder zu kümmern.

Liegt es daran, dass Evelin auch ein Herz für den von vielen gehänselten Polizistensohn Herm (Adrian Grünewald) hat? Jedenfalls verteidigt sie ihn gegen das Mobbing des Rädelsführers Fiete (Tim Bülow) und lädt ihn auf die angesagte Strandparty des örtlichen Drogendealers (Mads Hjulmand) ein. Dessen geläuterter Bruder (Roland Møller) wiederum will in einem verfallenen Hof ein Resozialisierungsprojekt für jugendliche Straftäter starten. Und dann ist da noch die Buchhändlerin und Pfarrersfrau (Laura Tonke), die einen von ihr verehrten Schriftsteller (Alexander Scheer) für eine Lesung gewonnen hat - und erkennen muss, dass sie sich einen Koks-Junkie in akuter Schaffenskrise in ihr Gästezimmer geholt hat.

Während der Zuschauer dieses Beziehungsgeflecht durchdringt, künden nur das fahle Licht, ein apokalyptischer Ambient-Soundtrack sowie gelegentlich zu hörende Radionachrichten davon, dass es auf Sløborn bald noch um ganz andere Probleme gehen könnte. Erst am Ende der zweiten Folge hat einer der Boots-Jungs Blut im Auge; am Ende der dritten werden zwei von ihnen mit schweren Krankheitssymptomen aufs Festland geflogen. Aber die subtilen Konflikte und Abhängigkeiten des Insel-Mikrokosmos, den Evelin bevorzugt auf dem Skateboard durchmisst, tragen diesen allmählichen Suspense-Aufbau, und der Erzählstrang um den verpeilten Starautor ("Okay, ich nehm'n Schnuff für'n Fuffi!") steuert sogar komische Momente bei.

Gelungen auch der dramaturgische Kniff, den gebeutelten Herm zum Zeugen des Boots-Diebstahls werden zu lassen und ihm so Macht über seine Peiniger zu verleihen. Diese tauscht er allerdings gegen eine fatale Freundschaft mit Fiete ein, was die Verbreitung des Virus weiter befördert.

Ein bisschen schade ist es daher, dass Alvart auf der Zielgeraden - wie schon bei seinen Til-Schweiger-"Tatorten" zum Thema Clan-Kriminalität - doch die Pferde durchgegangen sind. Offenbar vom Willen getrieben, eine Katastrophensaga mit ordentlich Wumms abzuliefern, verschärft er das Eskalationstempo ab Episode sechs beträchtlich. Um die immer rigideren Seuchenschutzmaßnahmen durchzusetzen, rückt die Bundeswehr mit Bataillonen an, eine Bürgerwehr formiert sich, und schließlich müssen die Jugendlichen gegen einen verlogenen Staatsapparat ankämpfen.

Herm wird zum Hacker, Evelin zur mütterlichen Beschützerin ihrer Brüder und selbst der schnöselige Schriftsteller, der inmitten des Chaos die Muße für ein neues Buch gefunden hat, entwickelt Action-Qualitäten. Nach rund 400 Serienminuten sind gleichwohl viele Fragen ungeklärt. Mag sein, dass die Macher schon eine zweite Staffel im Kopf haben - das Finale der ersten lässt den Zuschauer unbefriedigt zurück.

Aus epd medien 30-31/20 vom 24. Juli 2020

Peter Luley