Intelligenzbestien

Vor-Sicht: „Morin“, Fernsehfilm, Regie: Almut Getto, Buch: Hans-Ullrich Krause, Christian Görlitz, Almut Getto, Kamera: Willy Dettmeyer, Produktion: Odeon Fiction (ARD/BR, 22.11.23, 20.15-21.45 Uhr)

epd Deutschland im Jahr 2037. Das Radio meldet, die Lebensmittelversorgung sei gesichert, obwohl Lieferketten wegen der Klimakrise unterbrochen sind. Das öffentliche Bildungssystem ist nur noch Auffangbecken für die Chancenlosen, Kinder, die als nicht brillant genug aussortiert wurden. Sie müssen sich an Gemeinschaftsschulen zu viert einen Computer teilen. Diese Schulen sind schlecht finanzierte und verrufene Bildungseinrichtungen, deren „Output“ es einmal schwer haben wird im Leben. Der Spitzennachwuchs, das eigentliche „Humankapital“ der Gesellschaft, wird an privaten Anstalten wie der „Lucus Academy“ gefördert und gefordert. Hier sollen die besten Köpfe im meritokratisch geprägten Wettbewerb Lösungen für die Zukunft entwickeln.

Querdenker, Grundlagenforscher und Kreative, so heißt es offiziell, bekommen hier Spitzenstartchancen und Möglichkeiten, von denen die Masse nur träumen kann. In Wirklichkeit stehen hinter den privat geführten Akademien Großkonzerne und knallharte Wirtschaftsinteressen. Idealismus wird als Motivationsbeschleuniger genutzt. Tatsächlich gefördert aber wird das Modell Intelligenzbestie. Mit gleichzeitiger Betonung beider Teile des Wortes.

Als der elfjährige Morin (Leo Alonso-Kallscheuer) die Aufnahmeprüfung der „Lucus Academy“ besteht, ist er überglücklich. Sein Traum, eines Tages bei der Kolonisierung des Mars dabei zu sein, rückt für ihn einen Schritt näher. Auch seine Eltern, die KI-Entwicklerin Katja (Marlene Morreiss) und der Ex-Versicherungsvertreter Steven (Frederic Linkemann), dessen Job jetzt von einem Avatar gemacht wird, sind stolz, ihren Sohn als Elite eingestuft zu sehen. Noch. Denn statt traumhaft wird Morins Schulkarriere nach und nach zum Alptraum. Was die weise Oma Ida (Michaela Rosen), Künstlerin und eine Art Best-Ager-Model, von Anfang an ahnt.

Denn das Zweckfreie und Spielerische, das, was Humboldt im ganzheitlichen Sinn als „Bildung“ entwarf, ist im Near-Future-Film „Morin“ einem rücksichtslosen „Survival of the Cleverest“ gewichen. Der Ansatz dieses Mittwochsfilms ist sehr interessant, die Durchführung allerdings ist es weniger. Dazu gehört, dass sich ausgerechnet das von pädagogischen Ansätzen ausgehende, bildungskritische Drehbuch wenig Mühe mit der Vermittlung seiner Vorstellung von Bildung nicht nur als Ausbildung, sondern als menschliches Wachstum gibt. Man weiß auch am Ende dieses Films nicht so genau, was gute Bildungspraxis ausmachen würde - außer Gemeinplätzen zu Teamwork und der Ablehnung von Leistungsdruck.

Einige Dialoge bleiben arg kursorisch, etwa wenn die öffentliche Schule von Elternfiguren zunächst verächtlich als „Humboldt light“ abgetan wird, später aber irgendwie als einzig humane Institution erscheint. Oder wenn Oma Ida dem Enkel Morin in wenigen Worten den zwecklosen Zweck der Kunst darzulegen sucht. Der Kunst schlicht die Aufgabe des Seelenstreichelns und Herzwärmens zuzuweisen, ist doch arg kitschverdächtig.

Das pädagogische Anliegen des Drehbuchautors Hans-Ullrich Krause, der kürzlich für den atemberaubenden Film „Kalt“ mit Franziska Hartmann mit dem Geisendörfer-Preis ausgezeichnet wurde, ist aller Ehren wert. Es ist dem BR anzurechnen, dass er den Mittwochsfilm-Sendeplatz mit einem Genre bespielt, das im deutschen Fernsehen so wenig quotenkompatibel ist. Und dass er wichtige Fragen, unsere nähere Zukunft betreffend, stellt: Wie wird schulische Bildung unter dem Einfluss von Künstlicher Intelligenz künftig aussehen und wie sollte sie aussehen? Welche Aufgabe hat hier die öffentliche Hand? Welche Interessen leiten private Konzerne, die „High Potentials“ suchen? Welche Rollen spielen Egoismen und Rücksichtslosigkeit, Durchsetzungsvermögen und Verdrängungswettbewerb?

Almut Getto, die die Regie vom verstorbenen Christian Görlitz übernahm, inszeniert Morins Bildungsgang, der (fast) zur Bildungskatastrophe wird, in kühl-sachlichem Ambiente. Nur im Freiluftatelier von Ida und im Experimentierzelt der Kinder Morin und seiner Freundin darf die Natur mit warmen Farben die Szenerie bestimmen.

Die „Lucus Academy“ sitzt im ESO Supernova Planetarium und Besucherzentrum in Garching bei München. Hier findet die Aufnahmeprüfung des Schülerjahrgangs statt, hier machen die Schüler ihre Projekte, werden von Kameras beobachtet, von ihren Datenarmbändern überwacht, hier wird ihr familiärer Hintergrund durchleuchtet, hier finden Wissensquizspiele in der Manier von „Wer weiß denn sowas?“ statt. Wer versagt, fliegt im laufenden Schuljahr raus. Eine ältere Schülerin kollabiert unter dem brutalen Leistungsdruck. Morins Mitschüler, der nicht genügend Bonuspunkte erreicht, unternimmt einen Suizidversuch.

Morins persönlicher Coach Leona (Yodit Tarikwa), eine KI, überwacht Fitness- und Ernährungsplan, treibt den fleißigen Jungen an. Nur der Sieger des Jahrgangs wird vielleicht in die Marsmission aufgenommen. Pluspunkte gibt es auch für geschicktes Betrügen. Im finalen Wettkampf stehen sich die taffe Karina (Felicia Weinmann) und Morin gegenüber. Ihr Antwortbuzzer wurde freilich manipuliert, weil der Konzern hinter der Academy längst entschieden hat, Morin zu fördern. Auch Lehrer und Schulleiterin (deren Darsteller Michael Kranz und Wiebke Puls die Texte trocken und überzeugungslos aufsagen) müssen sich fügen. Da ist Morin längst traurig und in sich gekehrt. Dass er nicht mehr lacht, gilt den besorgten Eltern als Alarmzeichen.

Das Ende ist versöhnlich. Zu versöhnlich, weil es die Gegensätze im rein Privaten aufhebt. Morins Freundin, die sich jetzt auf der öffentlichen Schule wohlfühlt und weiterhin Zeit für Freundschaften hat, versöhnt sich mit dem unfroh gewordenen Jungen, der sich schließlich nicht mehr überwachen lässt und eigene Experimente zum Wachstum von Pflanzen unter extremen Bedingungen betreibt. In Zukunft, so macht es der Film überdeutlich, wird er keine Intelligenzbestie mehr sein, sondern als Mensch mit vielen Neigungen und Begabungen seine Marsmission anstreben. Seine KI Leona wird höchstens als empathielernendes System sinnvolle Verwendung finden.

„Morin“ ist sehr interessant, aber mit seinen Aufsagetexten (vor allem auch zwischen den Kindern der „Academy“) nicht wirklich gelungen. Von einer gewissen „Nerd“-Feindlichkeit ganz zu schweigen. Einzelgänger werden als soziale Analphabeten, als Menschen mit Defiziten gezeichnet. Bemerkenswert: Bei der Lösung der Probleme der Zukunft spielen Geisteswissenschaftler, Soziologen, Historiker und Philosophen keine Rolle. Doch trotz aller Einschränkungen ist der Film sehenswert.

Aus epd medien 46/23 vom 17. November 2023

Heike Hupertz