Imposantes Porträt

VOR-SICHT: "Louis van Beethoven", Fernsehfilm, Regie und Buch: Niki Stein, Kamera: Arthur W. Ahrweiler Produktion: Eikon Media (ARD/Degeto/WDR/ORF, 25.12.20, 20.15-22.15 Uhr)

Für Adorno gab es in der Philosophie nur Hegel, in der Musik nur Beethoven. Für ihn bewegt beide eine völlig neue Definition des Einzelnen im Verhältnis zum Ganzen - als bürgerliche Identität. Die Aufklärung hat die Instanz Gottes gestrichen, es bleibt ein leerer Stuhl im Orbit, und die Revolution verabschiedet den Feudalstaat. Eine neue Ordnung, ein neuer geschichtlicher Ablauf, nimmt von einer "neuen Kindheit" ihren Ausgang, so die Geschichtstheorie. Die Kunst entdeckt das "Naturstoffliche" zur "Neubearbeitung" und Gestaltung. Das Kind, so die neue Vorstellung des bürgerlichen "Genialischen" um 1800, schafft sich seine Formen aus sich heraus, die Kunst wird zur "creatio ex nihilo". In diesem Sinne betrachtet die idealistische Philosophie das bürgerliche Kunstwerk als ästhetischen Ausdruck der Freiheit. Beethoven ist ihr musikalischer Kronzeuge.

Der Komponist Beethoven feierte in der Tat größte Erfolge als Neuerer bei den Zeitgenossen, sogar die 9. Sinfonie war ein Triumph, obwohl sie vier Sätze und im Schlusssatz ein unerhörtes Chorfinale enthält. Aber am Ende steht, zumindest nach der Meinung der irritierten Mitbürger, das Chaos. Man schreibt es der Taubheit und der Misogynie eines unter schweren Krankheiten Leidenden zu. Wirr, schwer verständlich, unzugänglich, unspielbar.

In Niki Steins durchweg überzeugender Filminterpretation "Louis van Beethoven" erklingen viele Werke des Komponisten und Musikers, dessen 250. Geburtstag in diesem Jahr Anlass zu wesentlich mehr und größeren Festivitäten sein sollte. Aufführungen mussten wegen der Pandemie gestrichen werden, die Würdigung der Ausnahmepersönlichkeit fiel kleiner aus als erhofft und erwartet. Dennoch - sollte man sich im nächsten Jahr einzig an diesen Film erinnern, dann war das Fernsehprogramm schon einmal ein Volltreffer.

Steins Film ist kein gewöhnliches Biopic: höchst durchgeformt, mit sehr individuellen Akzenten, einem wahrhaft anschaulichen geistesgeschichtlichen Prospekt der historischen Umstände. Mentalitäten und Zeitgeist der Umbruchszeit von Französischer Revolution bis Restauration werden sehr genau ausgeleuchtet. Ob Bonn, Gneixendorf bei Krems oder Wien - jeder Ort erzählt mehr und genauer, als es Kulissen für gewöhnlich zusteht (Szenenbild Benedikt Herforth).

Das geniale Individuum kommt trotzdem nicht zu kurz. "Louis van Beethoven" gelingt es, trotz des größeren Panoramas bei seiner Figur zu bleiben. Sowohl als Einzelner als auch im Verhältnis zum Ganzen und sowohl historisch als auch allgemein gewinnt dieser Künstler Kontur. Das Verhältnis von Freiheit und Form (Ordnung) bleibt immer aktuell, aber insbesondere die prekäre Existenz des abhängigen Künstlers, der als freier Vermarkter seiner selbst (wie Beethoven) neuen Zwängen unterworfen ist, hat sich in diesem Jahr durch die Covid-19-Schutzbestimmungen dramatisch verschärft.

Wenn Ende des 18. Jahrhunderts ein Freigeist wie der Schauspieler Tobias Pfeiffer (Sabin Tambrea) in der Bonner Residenz von Amerika träumt und - verbotenerweise - die Unabhängigkeitserklärung von 1776 in einer Kneipenrunde vorliest, kann er immer noch in einem anderen Kleinstaat sein Glück versuchen. Der freie Künstler der heutigen Zeit aber ist erledigt, wenn seine "Systemrelevanz" in "Freizeitgestaltung" aufgelöst wird.

Niki Steins Film ist also ein Film zur Zeit, trotz Perücken und Schönheitsflecken, und er zeigt akkurat schon im Kostümbild von Veronika Albert den Aufbruch: Die Grafen tragen Kniebundhose, die Bürger langes Beinkleid. Stein erzählt auf drei Zeitebenen von Louis, Ludwig und Beethoven. Das junge Genie am Pianoforte, gespielt von Colin Pütz, wird vom Vater Jean (Ronald Kukulies) unterrichtet, der als Hofsänger eine mehr als unglückliche Figur macht und vor allem nach dem Tod der Mutter Magdalena (Tatiana Nekrasov) dem Alkohol verfällt.

Der Hof in Bonn ist ein vergleichsweise liberaler Ort, der junge Regent den Künsten zugeneigt. Freimaurer wie der Hofmusikus Neefe (Ulrich Noethen) treffen sich mit Schauspielern, später studiert Beethoven an der Universität beim revolutionären Germanisten Schneider - und lernt Schillers "Ode an die Freude" kennen. Besonders gelungen ist in Steins Film die Barocktheater-Aufführungspraxis, immer wieder präsentiert der Film Ausschnitte aus damals populären, oft derben Lustspielen.

Skandal: Der kleine Beethoven hört auf zu spielen, als in der Adligenloge gequatscht wird und guckt böse. Musik ist kein Zeitvertreib, sondern Ernst. Wenn die Kutsche vorbeifährt, verbeugt er sich zwar, aber mit herausgestreckter Zunge. Neefe fördert das talentierte Kind, das Bach vom Blatt spielen kann wie der Teufel.

Beethoven als junger Mann wird gespielt von Anselm Bresgott. In ihm kommt das Freiheitspathos des Films zu sich. Seine Förderin, Helene von Breuning (Silke Bodenbender), öffnet dem Begabten ihr Haus, schreitet aber eindrucksvoll ein, als Tochter Eleonore von Breuning (Caroline Hellwig) sich am lodernden Feuer des Genialen wärmt und den Standesunterschied vergisst. Die Begegnung mit Mozart (Manuel Rubey) in Wien desillusioniert Beethoven, er ist ihm zu frivol, erst später wird er Haydn dorthin folgen und Bonn nicht mehr wiedersehen.

Aus der exemplarischen bürgerlichen Emanzipationsgeschichte wird auf der dritten, der rahmenden Zeitebene ein Stück voller Tragik mit fast Beckett'schem Vergeblichkeitszug. Tobias Moretti spielt den vorzeitig gealterten, tauben Komponisten, der sich von der Welt entfernt hat, zurückgezogen an der Großen Fuge B-Dur (op. 133) schreibt, mit Schreibheften Gespräche führt und beim Bruder Johann (Cornelius Obonya) und seiner kleingeistigen Hausfrau Therese (Johanna Gastdorf) Zuflucht sucht, damit Ziehsohn und Neffe Karl (Peter Lewys Preston) sich von seinem Lebensekel-Selbstmordversuch erholen kann.

Pütz, Bresgott und Moretti kreieren, jeder auf seine Weise, ein imposantes Porträt Beethovens. Überhaupt ist die Besetzung sehr glücklich. Die unglückliche Liebe zu Eleonore ist ein Leitmotiv, ohne dass es gesucht wirkt. Vor allem aber zeichnet den Film seine Musikaffinität aus.

Die Musik, zahlreiche Werke Beethovens, aber auch von Mozart und anderen, wurde beim Drehen in vielen Szenen live eingespielt (musikalische Leitung: David Marlow). Der Effekt ist grandios. Das Barocktheater in Cesky Krumlov, in dem das Czech Ensemble Baroque aus Brno auf historischen Instrumenten spielt, ist ein wunderbarer filmisch-musikalischer Ort. Die Streichquartette, Klaviersonaten, 7. Sinfonie und 9. Sinfonie, auch etwa die "Variationen F-Dur über Se vuol Ballare", um nur einige zu nennen, unterstreichen, kontrastieren, kontrapunktieren und begleiten die Handlung, aber sie werden nicht zum Klangteppich. Da sei das Artemis-Quartett vor oder das WDR-Sinfonieorchester.

Zum Ende hin, als Beethoven sich bei offener Fahrt über Land eine Lungenentzündung zuzieht, beginnt spannungsreich der 4. Satz der 9. Sinfonie - den Chor aber hört man erst im Abspann. Überhaupt hört man hier zu und quatscht nicht, und selbst wenn man über diese Musik gar nichts weiß und Philosophieren furchtbar umständlich findet, reißt "Louis van Beethoven" einen in eine Ahnung von der Bedeutung von Musik als ästhetischem Ausdruck der Freiheit. Es genügen Ohren und Augen, um die Qualität von Niki Steins Würdigung zu erfassen.

Aus epd medien 51-52/20 vom 18. Dezember 2020

Heike Hupertz