Himmelfahrtskommando

VOR-SICHT: "Der Auftrag", Fernsehfilm, Regie: Florian Baxmeyer, Buch: Holger Karsten Schmidt, Kamera: Eva Katharina Bühler, Produktion: Lucky Bird Pictures (ARD/Degeto, 30.3.19, 20.15-22.00 Uhr)

Wer hatte bloß die Idee mit Italien? Man verdächtigt natürlich gleich die Degeto, die womöglich den harten, düsteren Stoff mit ein bisschen mediterraner Schönheit aufzuhellen gedachte. Jedenfalls werden der junge Mordzeuge Miki (Aaron Hilmer) und seine Eltern in ein prächtiges Landhaus nahe der ebenso prächtigen Mittelmeer-Küste verfrachtet. Bis zu seiner Vernehmung in Berlin in 14 Tagen soll Miki, der zufällig die Erschießung eines verdeckten Ermittlers in einer Bar mitangesehen hat, in Zeugenschutz genommen werden. Auf den Fersen ist ihm ein libanesischer Familienclan.

Das Thema Clan-Kriminalität schlägt sich zurzeit auffällig häufig im Programm nieder, zuletzt mit dem ZDF-Drama "Gegen die Angst" und jetzt in der ARD mit dem Polizei-Thriller "Der Auftrag". Das Thema erfreut sich auch in der Politik einer gesteigerten Aufmerksamkeit. Vielleicht könnte jemand mal die Wechselwirkung zwischen Fiktion und Realität untersuchen, bedenkt man insbesondere die Resonanz auf die TNT-Serie "4 Blocks".

Um das Wesen und Unwesen solcher Familien-Clans geht es aber im "Auftrag" nur am Rande und das auch ohne die übliche, vermeintlich authentische Anmutung: Bösewicht Ahmed Sayed (Timur Isik) haust in einem Wohnwagen und trägt nicht einmal Gangstarappers Goldkettchen. Ober-Bösewicht Ibrahim Sayed (Vedat Erincin) hat nur eine einzige Szene und erfreut dabei mit orientalischen Weisheiten ("Humor und Geduld sind zwei Kamele, mit denen man durch die Wüste kommt"), an die sich Ahmed eher weniger hält.

Zuvorderst erfüllt der von Florian Baxmeyer inszenierte Film die Erwartung an eine ausgesprochen spannende Unterhaltung, ohne Milieu-Schilderung sein zu wollen. Der erfahrene Drehbuch-Autor Holger Karsten Schmidt variiert hier eines seiner offenkundigen Lieblingsthemen, den Zeugenschutz. Personenschützer und plötzlich aus dem Alltag gerissene Familien müssen sich in ihrem Versteck arrangieren. Von außen bedroht, entwickeln sich innen besondere Fliehkräfte, aufgeladen durch private Vorgeschichten und gegenseitige Sympathien oder Antipathien. Eine zweifellos reizvolle Ausgangssituation für einen Krimi-Stoff.

Nicht so ausführlich wie in seinem Zweiteiler "Das Programm" (2016) erzählt Schmidt auch hier, welche Folgen die plötzliche Zwangs-Isolation für die betroffene Familie hat. Mikis Eltern leben seit zwei Jahren getrennt voneinander. Und Ärztin Nikola (Anja Kling) ist gar nicht begeistert davon, dass ihr Ex Klaus (Gregor Bloéb) mit nach Italien reist. Denn der sei als Alkoholiker "ein Risiko für uns alle", eröffnet sie der Polizei. Dass Klaus, kaum im italienischen Landhaus angekommen, gleich mal auszubüxen versucht, scheint alle Befürchtungen zu bestätigen. Aber es kommt anders, wie überhaupt einiges anders kommt als erwartet.

Im Zentrum steht eine Polizistin, die gleich bei ihrem ersten Einsatz als Personenschützerin die Leitung übernehmen soll. Sie heißt Sarah Brandt wie die einstige "Tatort"-Kommissarin des NDR, wird aber nicht von Sibel Kekilli, sondern von Anna Bederke gespielt. Das ist eine erfrischende Besetzung, weil Bederke, obwohl einst Hauptdarstellerin in Fatih Akins "Soul Kitchen", seitdem nur selten in einer Hauptrolle zu sehen war. Was sich gerne ändern darf, wie "Der Auftrag" belegt.

Als Unterstützung wird Sarah Brandt neben einer weiteren jungen Polizistin der erfahrene Kollege Mario Lobeck (Oliver Masucci) zur Seite gestellt, der freilich, so der Polizei-Flurfunk, bei seinem letzten Einsatz das gesamte Team verloren habe. Zwei Anfängerinnen und ein Gescheiterter - das klingt nach einem Himmelfahrtskommando, das Brandts Chef Jürgen Decker (Johannes Allmayer) zusammengestellt hat.

Der großartige Masucci spielt den desillusionierten Lobeck ganz leise, mit unbewegter Miene, jederzeit kontrolliert. Das Gender-Thema ist hier kein großes Ding. Selbst das im üblichen TV-Krimi zu erwartende Aufbegehren des älteren Mannes, der sich einer Frau unterordnen muss, bleibt aus. Lobeck ist die widersprüchlichste und deshalb interessanteste Figur. Er säuft, ohne betrunken zu werden. Er klingt jämmerlich ("Ich bin zu feig, um mir das Leben zu nehmen"), ist aber zur Stelle, wenn es brenzlig wird. Sarah Brandt gewinnt ihre eigene Stärke, braucht keine Schulter zum Anlehnen - höchstens zwei Hände, die ihre Wunde am Arm abbinden.

Wer interessante Figuren hat, kann auch auf zusätzliche Spannung verzichten, etwa auf Handlungsstränge, in denen die Verfolger die Spur aufnehmen und das Versteck suchen. Mit wenigen Szenen macht Baxmeyers Inszenierung klar, dass der Clan frühzeitig vom Versteck Bescheid weiß - Unbekannte schießen heimlich aus der Ferne Fotos. Die Katastrophe ist also nur eine Frage der Zeit, was einen als Zuschauer auch nervös macht. Sayed beauftragt seinen Mann fürs Grobe (eindrucksvoll, wie so oft in ähnlicher Rolle: Erdal Yildiz), Miki zu entführen. Eher unlogisch erscheint es da, dass Miki allein und unbehelligt den weiten Weg zum nächsten Küstenort marschieren kann, um weißen Oleander für seine Mutter zum Muttertag zu organisieren, und stattdessen wenig später eine wilde Schießerei im Haus angezettelt wird, um seiner habhaft zu werden. Ist aber natürlich dramatischer und actionreicher.

Nach einer knappen Stunde gehen die Lichter aus und das kammerspielartige Landleben nimmt ein bleihaltiges Ende. Vater Klaus, im Gegensatz zu Lobeck doch kein Alkoholiker, wirft sich in die Schussbahn, und die Affäre der jungen Polizistin mit ihrem feschen italienischen Kollegen wird jäh und auf endgültige Weise gestört. Aber das ist nur der Auftakt zu einem tragischen Schlussakt, in dem Verräter enttarnt und weitere Figuren geopfert werden, in dem Jenny Schily einen furiosen Kurz-Auftritt hat und Sarah Brandt vor einem existenziellen Dilemma steht: das Leben ihres Vaters (Michael Mendl) gegen das ihres Schützlings Miki.

In der (fast) letzten Szene muss sich dann erneut jemand entscheiden, ob eine Zeugenaussage die fatalen Konsequenzen eines Lebens unter ständiger Bedrohung wert ist. Als von diesem "Trip in die Finsternis" (Schmidt) weichgekochter Zuschauer ist man geneigt zu rufen: Tu es nicht! Insofern kann "Der Auftrag" durchaus einiges darüber erzählen, warum es Polizei und Justiz so schwer fällt, kriminellen Familien-Clans beizukommen.

Aus epd medien 13/19 vom 29. März 2019

Thomas Gehringer