High Noon in Hessen

VOR-SICHT: "Heute stirbt hier Kainer", Fernsehfilm, Regie: Maria-Anna Westholzer, Buch: Michael Proehl, Maria-Anna Westholzer (ARD/HR, 21.4.21, 20.15-21.45 Uhr)

So eine Komödie sieht man nicht alle Tage. Verrückt, laut, sinnlich, poetisch, ohne Rücksicht auf Erwartungen und Empfindlichkeiten. Ein Western aus der hessischen Provinz und ein gezielter Schlag gegen die bräsige deutsche Fernseh-Witzigkeit. Obendrein löst sich in Maria-Anna Westholzers bemerkenswertem Langfilm-Debüt die schon lange nicht mehr neue Lust am Landleben im Pulverdampf eines Gaga-Finales auf. Allein die einführenden Szenen sind unterhaltsamer als die meisten Komödien über 90 Minuten. Was nicht zuletzt an Hauptdarsteller Martin Wuttke liegt, dessen zerfurchtes Gesicht in diesem Film eine Landschaft für sich ist und dessen knarzende Stimme zu Beginn aus dem Off die episodenhaft skizzierte Lebenswende der Hauptfigur Ulrich Kainer kommentiert.

Dieser "Frührentner" Kainer scheint immer die seltsamsten Typen anzuziehen: Einen Arzt, der sich beim Überbringen schlechter Nachrichten ins Spiel mit Tipp-Kick-Figuren flüchtet. Einen Waffenverkäufer im Billardsalon, der wortlos Zeitschriften in Kainers leeren Koffer kippt. Oder einen Obdachlosen, der in seiner Mittagspause keine Geldscheine annimmt. Wuttke ist der ruhende Pol des Films, der stetig absurder wird.

Der todkranke Ulrich Kainer will seine letzten Tage Ruhe verbringen. Und dann den Zeitpunkt des Todes selbst bestimmen. Dafür hat er sich einen Revolver besorgt - mit einer einzigen Patrone. Kainer will aufs Land fahren, weil er auf dem Land aufgewachsen ist. Aber wohin? Seine alte Heimat ist in einem Stausee versunken. Erst mal zum Bahnhof, wo ihm der Obdachlose ein Ticket spendiert. Also fährt Kainer nach Oberöhde, ein Kaff in der hessischen Provinz, in dem gerade der Besitzer des einzigen Supermarkts und der einzige Gastwirt im Ort um ein leerstehendes Ladenlokal streiten. Und weil der Gastwirt aus Italien stammt und seinem Kontrahenten gedroht hat, halten die Dorfbewohner den schweigsamen Fremden bald für einen Mafia-Killer - ein Gerücht, das eine beachtliche Eigendynamik gewinnt.

Killer könnte schon sein, Kainer bezeichnet sich selbst als "Profi für den Tod". Aber sicher ist das nicht. Wichtig ist auch nicht, wer oder was Kainer ist, sondern für wen oder was die Leute ihn halten. Denn das Dorf spielt angesichts des rätselhaften Fremden verrückt, dabei ist der vermeintliche Mafia-Killer der am wenigsten schießwütige Typ in Oberöhde. Wie man sieht, schrecken Maria-Anna Westholzer und Michael Proehl auch nicht vor Namens-Wortspielen zurück. Öde wird es nicht, und dass in dem Kaff keiner sterben würde, lässt sich auch nicht behaupten.

Das erste Opfer: ein Huhn. Erschossen von Emil (David Grüttner), dem kleinen Sohn der alleinerziehenden Bäuerin Marie (Britta Hammelstein), die den ab und zu in Ohnmacht fallenden Kainer aufsammelt und im Gästezimmer unterbringt. Der freche Emil spürt leider Kainers Revolver auf, spielt damit herum und verschießt damit die einzige Patrone. Kainer gibt sich abweisend, wird aber schon bald hineingezogen in den dörflichen Irrsinn. Gastwirt Cesare (Michele Cuciuffo) macht dem vermeintlichen Mafia-Killer ein Job-Angebot, das Kainer nicht annehmen will. Und der verzweifelte, stets betrunkene Heinz (Martin Feifel) bittet aus versicherungstechnischen Gründen darum, erschossen zu werden. Heinz' Tod, an dem Kainer letztlich nicht ganz unbeteiligt ist, ruft wiederum den Kommissar auf den Plan, den Justus von Dohnányi mit Hingabe als wahres Ekelpaket spielt, der für das Landleben nur Verachtung übrighat.

Das Langfilm-Debüt von Maria-Anna Westholzer ist eine deftige Provinz-Posse im Western-Style, tempo- und wendungsreich, mit skurrilen Dialogen und ohne Scheu vor blutigen Scherzen. Verzweiflung, Hingabe, Gewalt und Tod vor stimmungsvoll fotografierter Landschaft, dazu zahlreiche prägnante Nebenfiguren wie die drei aufmerksamen Rentner, die alles kommentieren und sich im Zweifel zu wehren wissen. Christian Redl als ausgesprochen aufmerksamer Jäger und Jule Böwe als ausgesprochen sympathische Gastwirtin gehören ebenfalls zu dem umfangreichen Ensemble.

Auch einen schwarzen Darsteller gibt es: Bless Amada spielt Tayo, der sich Kainer als "diagnostizierter Masochist" vorstellt und ziemlich enttäuscht ist, weil ihm der vermeintliche Killer nicht das Messer in den Oberschenkel rammt. Tayo stellt sich seinen fiesen, weißen Kumpels auch gerne als Punchingball zur Verfügung und wird schon bei Kainers Hinfahrt im Zug hin und her geschubst. Ein Schwarzer, der sich gerne von Weißen vermöbeln lässt und "Sadist" ruft, wenn ihm der Schmerz versagt bleibt? Der geschmackvollste Dreh, mit dem die Wirklichkeit hier auf den Kopf gestellt wird, ist dieser Einfall sicher nicht. Immerhin spielt Amada nicht das unterwürfige Opfer, sondern nur einen Typen mit eigenartiger Vorliebe. Im Kontext eines Films, der alles, nur nicht "realistisches" Fernsehen sein will, muss man das wirklich nicht als rassistisch verurteilen.

Am Ende läuft die Sache vollends aus dem Ruder. Der neunminütige Showdown ist pures Genre-Vergnügen um seiner selbst willen. Wer da warum auf wen schießt, ist eigentlich nicht mehr wichtig. High Noon in Hessen.

Aus epd medien 15/21 vom 16. April 2021

Thomas Gehringer