Haus und Hund

VOR-SICHT: „Safe“, achtteilige Serie, Regie und Buch: Caroline Link, Kamera: Bella Halben, Produktion: Claussen + Putz Filmproduktion (ZDFneo, ab 8.11.22, dienstags und mittwochs 20.15-21.45 Uhr, ab 28.10. in der ZDF-Mediathek)

epd Die beiden auffallend gut aussehenden Kinderpsychologen Katinka (Judith Bohle) und Tom (Carlo Ljubek) teilen sich als Berufskollegen ein Häuschen mit idyllischem Garten, um dort zu praktizieren. Tom hat einen Hund, der manchmal mithilft und häufig Gassi muss. Da schickt Tom gern mal Katinka. Die nimmt sich zwar - wozu hat sie schließlich Psychologie studiert - tapfer davor in Acht, von dem kulleräugigen Charmeur mit strubbeligem Habeck-Look ausgenutzt zu werden. So ganz klappt das aber nicht.

Merke: Psychotherapeuten sind auch nur Menschen und haben selbst auch Probleme. So hat Katinka ein für sie nicht sehr erfreuliches Verhältnis mit einem verheirateten Mann. Und mit ihrem Rentner-Vater (Matthias Habich), von dem sie offenbar die Praxis übernommen hat, hat sie noch ein paar alte Rechnungen offen. Tom hat eine große Tochter, von deren Mutter er getrennt ist und die er kaum sieht.

Von all diesen hier angerissenen Themen erfährt man als Zuschauerin der fiktiven Serie nur nebenbei und zwischendrin - in den Mittagspausen oder vor Sitzungsbeginn. Im Zentrum stehen die Therapiestunden mit den Kindern. Zwei Fälle werden pro Folge vorgestellt. Ab Folge drei sieht man die Kinder aus den ersten beiden Folgen dann wieder.

Bei Katinka befinden sich in Therapie: Die sechsjährige Ronja (Lotte Shirin Keiling), Diagnose: „F 91 Störung des Sozialverhaltens; F 93 Emotionale Störung des Kindesalters“. Die 15-jährige Nellie (Carla Hüttermann) hat Panikattacken. Tom beschäftigt sich mit dem 15-jährigen Sam (Valentin Oppermann), der längst aufgehört hat, die Pflegefamilien zu zählen, in denen er seit dem Tod seiner Eltern war. Er klaut und schwänzt die Schule. Der achtjährige Jonas (Jonte Blankenberg) hat den bevorstehenden Krebstod seines Vaters zu verkraften.

Die Serie lebt davon, dass sie die Zusehenden ausführlich dort hingucken lässt, wo man sonst nie hingucken kann, weil die Tür zu ist. Was passiert in einer Therapie mit Kindern? Das ist per se interessant - und womöglich auch verdienstvoll, wenn es Eltern davon überzeugt, dass Therapie nichts „Schlimmes“ ist und manchen Kindern durchaus helfen könnte.

Dass diese beiden Therapeuten so reine und gut aussehende Inkarnationen von Verständnis, Geduld und therapeutischer Kreativität sind, ist in Sachen Aufklärung fast ein wenig schade. Filmisches „larger than life“ ist ja auch immer „too good to be true“. Machen die beiden bei ihren Patienten denn gar nichts falsch - oder auch nur mittelmäßig? In den vier Folgen, die für Medien vorab zu sehen waren, schien das nicht der Fall, aber Relativierungen wie zum Beispiel Misserfolge mögen ja noch kommen.

Wie also geht es zu in so einer Therapie? Kleine Kinder werden beim Spielen und Agieren beobachtet, je größer sie werden, desto eher ähneln die Methoden denen der Erwachsenentherapie. Den jungen Patienten wird beständig versichert, dass man sie immer gleich gern habe, egal, wie sie sich verhalten. Das Credo bringt Katinkas Supervisorin zum Ausdruck: Therapeuten machen neue, verlässliche Beziehungsangebote. Diese Beziehungserfahrung könne helfen. Das - und so manch anderes in dieser Serie - klingt dann doch nach Volkshochschulstunde für alle, die sich im Leben noch nie mit dem Thema Psychotherapie beschäftigt haben. Wobei eine Volkshochschule ja keine schlechte Sache ist.

Lustig - und sicher auch realitätsgerecht - sind die Sequenzen, in denen die jungen Patienten durchschauen, was die erwachsenen Behandler mit ihnen machen: „Sie wollen mich austricksen“, stellt Jonas Tom gegenüber schnell und präzise fest, als er seine Familie als Tiere malen soll. Und Sam nimmt das Psychosprech auf den Arm, von dem er als Pflegekind von Jugendämtern und Sozialpädagogen schon mehr genossen haben dürfte, als einem Menschen guttun kann. Tom salbadert: „Darf ich dir sagen, was ich gerade wahrgenommen habe?“ Jonas antwortet auf diese gestelzte Sprechweise in spöttischem Ton: „Wahrgenommen? Was haben Sie denn ‚wahrgenommen?'“.

Als Frau, die selbst „Psychologie und so“ (wie Katinka sich gegenüber ihrer Patientin ausdrückt) studiert hat, gefiel mir die andeutungsweise realistische Darstellung des Drumherum am besten. Der nicht konfliktfreie Alltag der Therapeuten in der Praxisküche. Das Berichteschreiben. Dass sie selbst Probleme haben.

Bei dieser Fernsehserie hat die deutsche Kino-Regisseurin Caroline Link („Jenseits der Stille“, „Nirgendwo in Afrika“, „Der Junge muss an die frische Luft“) nicht nur Regie geführt, sie hat die Bücher auch gemeinsam mit den Kindertherapeuten Sabine Weinberger und Curd Michael Hockel geschrieben. Das ist im Pressematerial des ZDF zu lesen, im Abspann der Filme tauchen die beiden aber „nur“ als psychologische Fachberater auf. Sie habe immer viel mit Kindern gedreht und das Therapie-Thema beschäftige sie, sagt die Regisseurin, seit sie als Jugendliche ein Buch über ein angeblich autistisches Kind gelesen hatte, dem Hilfe widerfuhr.

Die Serie klärt über Kinder- und Jugendpsychologie auf, zeigt sie allerdings auch von ihrer schönsten Seite. Bleibt zu hoffen, dass Eltern das wahre Leben von der Fernsehfiktion unterscheiden können und nicht denken, dass sie falsch sind, wenn die Praxis, in der sie vielleicht einen der raren Plätze bekommen haben, nicht in einem hübschen Häuschen mit Garten und Hund ist.

Aus epd medien 42/43 vom 21. Oktober 2022

Andrea Kaiser