Harmlose Dystopie

VOR-SICHT: „Zero“, Fernsehfilm, Regie: Jochen Alexander Freydank, Buch: Johannes Betz, Kamera: Patrick Popow, Jakob Wiesner Produktion: Near Future Films, Swidler Film, Enigma Film (ARD/WDR, 3.11.21, 20.15-21-45 Uhr)

epd Als die Berliner Journalistin Cynthia Bonsant (Heike Makatsch) nach zweijähriger Auszeit bei einem Vorstellungsgespräch ihre ausgedruckten Textproben rausholt, scheinen die Chancen für sie nicht besonders gut zu stehen. „Ist das dein Ernst?“, spottet Tony Brenner (Axel Stein), Chef des Online-Magazins „Daily“. Dann aber läuft auf den Screens im karg möblierten Newsroom ein Internet-Live-Video, das einen Drohnenangriff auf Regierungsmitglieder in der Tiefgarage des Innenministeriums zeigt und von einer Aktivistengruppe namens Zero unterzeichnet ist. Sieben Millionen Views in nicht mal zwei Minuten generiert der Film, und plötzlich schätzt der Chef wieder Old-school-Skills: „Wir brauchen ’ne Hintergrund-Recherche, und zwar schnell“, wendet er sich an Cynthia, „wann kannst du anfangen?“

Auf diesem Glaubwürdigkeitslevel geht es weiter in der WDR-Adaption des 2014 erschienenen Science-Fiction-Bestsellers „Zero - Sie wissen, was du tust“ von Marc Elsberg („Blackout“). Flugs wird der Neuen das wichtigste Arbeitsutensil ihres Arbeitgebers ausgehändigt: „ein Interface zwischen Phone und Hirn“, wie der freundliche Kollege Geoff (Matthias Weidenhöfer) ihr erklärt. Wer das schlangenförmige Headset anlegt, bekommt umgehend alle verfügbaren Informationen über die Person angezeigt, auf die er den Blick richtet.

Während Cynthia, Kind des analogen Zeitalters, sich von so viel digitaler Innovation erst mal erschlagen fühlt, löst sie damit zu Hause bei ihrer Tochter Viola (Luise Emilie Tschersich) Begeisterung aus: Die 17-Jährige probiert das Tool sofort aus und erfährt auf diese Weise, dass ihre Mama 2002 mal wegen Marihuanabesitzes festgenommen wurde und früher Mitglied bei Attac war.

Regisseur Jochen Alexander Freydank und Drehbuchautor Johannes Betz, das ist nach etwa einer Viertelstunde klar, haben sich entschieden, die Romanvorlage als Mutter-Tochter-Drama ins Bild zu setzen. Das mag ein paar erzählerische Vorteile bieten, wenn es darum geht, unterschiedliche Sichtweisen auf vermeintlichen technischen Fortschritt zu veranschaulichen oder die Handlung zweigleisig voranzutreiben. Das Verhandeln familiärer Konflikte - von der Trauer um den verstorbenen Mann beziehungsweise Vater bis hin zum Streit um die Badezimmernutzung - nimmt dem übergeordneten Big-Data-Paranoia-Plot aber auch einiges von seiner Wucht.

Zwar ist schlüssig, dass Cynthia über Viola die Act-App kennenlernt, mit der sich Nutzer einen Avatar konfigurieren können, der ihnen dann mit Algorithmen-basierten Handlungsempfehlungen zur Seite steht. Während die Tochter sich eine engelsgleiche Beraterin gestaltet hat, designt sich die Witwe nach kurzem Zögern per Sprachsteuerung ihren toten Gatten als Begleiter. Motivationslogisch geht auch in Ordnung, dass Viola ihrer Mutter dass angesagte Interface stibitzt, um vor ihren Freunden anzugeben - und dadurch einen Mordfall auslöst, weil ein übereifriger Schulkamerad mit dem Schlangen-Headset die Verfolgung eines bewaffneten Verbrechers aufnimmt.

Richtig furchteinflößend aber ist das alles nicht, genauso wenig wie die Zero-Aktivisten Schrecken verbreiten. „Zerstört die Daten-Kraken jetzt!“, fordern die klischeekonformen Kapuzenpulli-Nerds in einem zweiten Video und positionieren sich damit eindeutig auf der guten Seite.

Bliebe noch einer für die Schurkenrolle übrig: Carl Montik (Sabin Tambrea), Deutschland-Vorstand des Act-App-Konzerns Freeme und womöglich in die Tiefgaragen-Aktion verwickelt. Doch spätestens, als er die journalistisch mit V-Logs reüssierende Cynthia zum Vier-Augen-Gespräch in seine Firmenzentrale einlädt, kippt die Inszenierung ins Lächerliche. Angetan mit einer hellblauen Hemdjacke, wirkt Montik wie eine Mischung aus Mr. Spock und der Billigausgabe eines James-Bond-Bösewichts.

„Was ist das hier?“, fragt Cynthia, als sie nach dem Aufstieg durch das monumentale Gebäude dem Tech-Zampano gegenübersteht. „Das Allerheiligste“, erwidert der. „Verkaufen Sie Kundendaten?“, will die Investigativ-Reporterin wissen. „Das war gestern“, erläutert der Guru milde - und lässt Allmachtsfantasien erkennen: Die Act-App könne sogar Regierungen überflüssig machen, weil mit ihr ja jeder aus eigenem Antrieb das Richtige tue.

Ihren Höhepunkt erreicht diese etwas harmlose Dystopie, die fast ununterbrochen von einem Klangteppich untermalt wird, als Montik in einer Stahlkuppelhalle eine besonders manipulative neue Version seines Tools vorstellt. „Carl, die Act-App verbreitet Angst“, schleudert ihm die hinzugeeilte Cynthia entgegen, die Selbstmordrate unter den Nutzern sei bereits gestiegen! Dem verwirrten Geist („Ich habe keine Macht mehr! Die rote Linie ist überschritten! Wir sind frei!“) ist so natürlich nicht beizukommen - aber glücklicherweise übernimmt danach die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen. Viola schafft ihre Mathe-Klausur auch wieder ohne App-Beistand, und Cynthia hat ihren gespenstischen Gattenersatz ohnehin längst gelöscht.

Aus epd medien 43/21 vom 29. Oktober 2021

Peter Luley