Hamburg mal anders

VOR-SICHT: "Danowski: Blutapfel", Fernsehfilm, Regie: Markus Imboden, Buch: Anna Tebbe nach dem Roman "Blutapfel" von Till Raether, Kamera: Martin Farkas, Produktion: All-in-Production (ZDF, 9.12.19, 20.15-21.45 Uhr)

Was für ein cooler Typ. So uncool, dass er schon wieder cool ist. Milan Peschel spielt den Hamburger Polizeikommissar Adam Danowski. Der schmächtige Brillenträger ist "hypersensibel". Das heißt, er bekommt mehr von seiner Umwelt und seinen Mitmenschen mit, als ihm lieb ist. Dadurch ist er gestresst und kriegt es mit der Angst zu tun. Andererseits fallen ihm dadurch Dinge auf, die andere übersehen - nicht von Nachteil als Ermittler.

Auch nicht uncool: Sein Freund und Partner "Finzi" (Andreas Döhler). Finzi hat große Probleme mit Alkohol und Depression. Auf seinem Schreibtisch steht ein Foto von einem abgegessenen Fischteller mit Gräten. Finzi isst gern Pannfisch. Kollegin Meta (Emily Cox) sticht weniger heraus.

Nun hat sich die Welt ja nicht gerade nach einem weiteren ZDF-Krimi verzehrt. Es gibt zu viele davon. Das gilt auch für Hamburg-Filme. Und für weitere TV-Kommissare mit ach so originellen Marotten. Aber Adam und Finzi würde man - trotz dieses leider wirr erzählten ersten Falls - doch eine zweite Chance wünschen. So überlegen spielt vor allem Peschel, so besonders ist der eher leise Humor, so ungewöhnlich haben Regisseur Markus Imboden und Kameramann Martin Farkas die Hafenstadt inszeniert.

Und ausgerechnet aus "Danowski" will das ZDF nun keine Reihe machen, obwohl doch alles darauf angelegt erscheint? Autor Till Raether, nach dessen Roman "Blutapfel" das Drehbuch des ersten Falls entstand, hat jedenfalls weitere Adam-Krimis auf Lager. Beim ZDF heißt es, es sei kein zweiter Film geplant. Womöglich überlegt man sich's noch mal und investiert beim nächsten Mal mehr Energie in eine spannendere Aufbereitung des Krimiplots?

"Blutapfel" lebt von den Figuren, allen voran Danowski. Ein deutscher TV-Kommissar mit glücklichem Familienleben? Eine Seltenheit. Ein Hamburger Kommissar, der weder in einer Einsamer-Wolf-Bruchbude lebt noch in einer der schönen, fernsehüblichen Hamburger Altbauwohnungen - auch selten. Adam und Familie hausen in einer hellen, verbauten Souterrainwohnung in einem relativ normalen Stadtteil. Eigentlich ist die Familie da längst rausgewachsen. Aber so einfach ist er ja nicht, der Wohnungsmarkt, und irgendwie fühlt man sich im eigenen Dunst auch wohl. Wie im echten Leben. Außerdem: Wer will schon südlich der Elbe leben, wo es mehr Wohnungen gibt? Danowski nicht. Seine nette, pummelige "Normalfrau" (Bettina Stucky) schon eher.

Endlich mal nicht diese aalglatten, stinklangweiligen Fernsehfilmbesetzungen. Endlich mal nicht das ewige Schicki-Micki-Eppendorf-Winterhude-Altona-Hamburg nebst Hafen und Alster bei Sonnenschein als Schauplätze. Sondern vor allem das große Neubaugebiet in Fischbek. Südlich der Elbe. Es ist, für Hamburger Verhältnisse, spätestens dann am Ende der Welt gelegen, wenn der Elbtunnel mal wieder dicht ist und die marode S-Bahn streikt. Stimmungsvolle Hafenbilder spielen eine große Rolle, doch hier darf der Himmel auch mal so bleiern über der Szenerie hängen, wie er das in Norddeutschland oft tut.

Und es geht noch weiter mit den originell gesehenen Locations, denn der Krimi spielt im Milieu der "Urban Explorer". Das sind Leute, die verlassene Orte wie vergessene Bunker, Tunnel oder Schächte aufspüren und einen Wettbewerb draus machen, wer als Erster möglichst geheime und unzugängliche Orte (wieder) betreten hat. Auf diese Weise sieht man, was sich die meisten bei der Elbtunneldurchquerung wohl schon mal gefragt haben: Wie sieht es eigentlich hinter den Notausgangstüren aus? Käme man im Fall des Falles hier noch irgendwie raus?

Im Elbtunnel wird ein Fischbeker ermordet. Die Ermittlungen beginnen in der beklemmend uniformen Neubauprovinz. Und sie enden irgendwo bei BND und CIA. Wie gesagt: Der Fall ist eher nicht der Rede wert. Umso bemerkenswerter, wie gerne man Danowski, Family und Friends bald wiedersehen würde.

Aus epd medien 49/19 vom 6. Dezember 2019

Andrea Kaiser