VOR-SICHT:„Ruby“, achtteilige Sitcom, Regie: Natascha Beller, Buch: Giulia Becker, Kamera: Fred Schirmer, Produktion: BBC Studios Germany (ZDF-Mediathek, ab 2.9.22; ZDFneo ab 13.9.22, dienstags 21.45-22.25 Uhr)

epd Am Slapstick scheiden sich die Geister. Wer lachen kann, wenn der Held oder die Heldin auf der Bananenschale ausrutscht oder eine Sahnetorte ins Gesicht bekommt oder unter einem Gerüst vorbeigeht, das prompt einstürzt, hat den Kontext der Situation oder/und den Charakter der Figur im Sinn. Das reine Missgeschick oder der Schmerz ist an sich nicht lustig. Der Witz oder die Schadenfreude ergeben sich aus der Distanzierung, die die Fallhöhe zeigt (meistens buchstäblich). Im Grunde ist es das Prinzip Zirkusclown. Hinfallen, aufstehen, hinfallen.

Der Stuhl, der unterm Hinterteil weggezogen wird, das Scheitern in Wiederholung, ist freilich nur für die einen brüllkomisch. Andere sehen das Lustige nicht, vor allem, wenn auf den Hintergrund der Tragik oder auf die Verletzung des Schamgefühls als Sketchgrundlage verzichtet wird.

Wenn Ruby (Anna Böger) in der gleichnamigen Sitcom in der Folge „Beförderung“ beim Teambuilding-Trampolinspringen die Hose verliert und ein lustig bunter Schlüpper in bequemen Dimensionen zum Vorschein kommt, wenn diese Szene sogleich beim Social-Media-Auftritt des Arbeitgebers, einer Kleinstadtbank, gepostet wird, die Hauptfigur aber nach kurzem Schreckmoment mit einem „So ist das halt“ - Stoizismus reagiert - ist das dann noch witzig? Ist es gerade dann witzig, weil es mit Humorkonventionen bricht? Ist es nur dann witzig, wenn die Darstellerin, wie es im Englischen heißt, „funny bones“ hat und die entsprechende Miene zum Missgeschick macht?

An „Ruby“ werden sich die Geister scheiden. Das Peinliche ist hier zwar Programm, genau wie in der BBC-Vorlage „Miranda“, aber es ist eben oft nicht peinlich gemeint, sondern soll als Anleitung zu Toleranz dienen. Und das ist manchmal nervig.

Manche Witze wirken wie aufgesagt, wie Übersetzungen aus der englischen Sprache - was nie funktioniert. Die Absicht der zwanzigminütigen Folgen ist oft überdeutlich: Humor ist Vehikel der Toleranzförderung, was er ja durchaus sein kann, wenn er funktioniert. Tabus werden eher brachial aufs Korn genommen. So geht es in Folge vier wesentlich um Menstruationsbeschwerden und ihre Folgen für den Arbeitsalltag von Frauen.

In einer anderen Folge wiederum wird der Bluff des „Frauentags“ entlarvt. Statt Vulvakeksen, deren Schamlippen mit Nugat gefüllt sind, hätten die Mitarbeiterinnen der Bank, in der Ruby für gewöhnlich eine ruhige Kugel schiebt, vom Chef Herrn Becker (Andreas Berg) lieber eine bessere Bezahlung.

Rubys Mutter Alexa (Irene Rindje) findet in plump übergriffiger Weise immer neue Anlässe, die Romantiktauglichkeit ihrer Tochter infrage zu stellen. Freundin Simone (Rosina Kaleab) hat ein Date mit einem Schädlingsbekämpfer auf der Kirmes, auf der sie traditionell mit Ruby die erste Schokobanane des Jahres teilt. Schulfreund David (Camill Jammal) hat ein Ramen-Café eröffnet, in dem niemand isst und jeder den Wirt ausnutzt - bis auf die herzensgute Ruby, die regelmäßig für nicht gegessene Nudelportionen bezahlt.

Im Zentrum aber stehen Witze über Rubys Körpergröße. Dass sie mit knapp 1,90 Meter alle Frauen und die meisten Männer überragt, aber oft auf dem harten Boden landet, ist der eigentliche Gag von „Ruby“.

Ruby als Meisterin im Speed-Puzzeln, Escape-Room-Fan und Trägerin von T-Shirts, deren Muster eher in der Kleinkindabteilung zu finden sind, Liebhaberin von Rutschen und Slushs, hat als Figur nicht nur demonstrativ diverse, sondern auch ganz altmodisch liebenswerte Seiten, die Anna Böger sehr schön zur Geltung bringt. Ruby ist von Natur aus gutherzig und karriereabgeneigt. Sie ist freundlich, wenn man sie lässt, will ihre Ruhe und steht dazu, dass sie langweilig ist. Es liegt ihr nicht, mehr zu scheinen, als zu sein. Sie ist folglich alles andere als eine Missionarin.

Das alles macht sie entschieden sympathisch, lässt aber in der Konsequenz kein Fremdschämen zu, das die Basis für die meisten Slapstickwitze bildet. Ruby ist unwitzig. Miranda Hart, die Schöpferin des semiautobiografischen britischen Originals „Miranda“, nannte der britische „Guardian“ „TV's queen of uncool“. Hier schließt „Ruby“ an, aber mit deutlich diverserer Besetzung. Leider auch mit deutlich weniger zündenden Gags.

Mögliche Hardcore-Fans können das selbstredend anders sehen. Beim Witz gilt noch mehr als bei anderen sprachlichen Verdichtungen: Über Geschmack lässt sich trefflich streiten.

Aus epd medien 35/22 vom 2. September 2022

Heike Hupertz