Grandiose Erzählung

VOR-SICHT: "Deutschland 89", Serie, Regie: Randa Chahoud, Soleen Yusef, Buch: Anna Winger, Steve Bailie, Roger Drew, Ed Dyson, Lily Idov, Michael Idov, Jörg Winger, Kamera: Kristian Leschner, Stephan Burchardt, Produktion: UFA Fiction (Amazon Prime, ab 25.9.20)

Noch 36 Stunden bis zum Fall der Mauer. Es ist der 8. November 1989. Seit Wochen und erst recht in den kommenden Monaten wird Deutsche Zeitgeschichte geschrieben. Mit großem "D". Wiedervereinigungs- oder Anschlussgeschichte, je nach Sichtweise. Als Bankrott des Sozialismus oder Sieg des Kapitalismus. Mittendrin Martin Rauch (Jonas Nay), der "Kolibri", berüchtigter "Kundschafter des Friedens", wie die Spione der HVA, der Aufklärungsabteilung der Geheimpolizei ("Stasi") der DDR, im offiziellen Jargon hießen. Als Vertriebsmitarbeiter der Computerfirma Robotron und alleinerziehender Vater führt Martin inzwischen ein ruhiges, fast schon kleinbürgerlich-sozialistisches DDR-Leben. Für ihn kann alles so bleiben, wie es ist.

Spion wurde der ehemalige Grenzsoldat vor Jahren wider Willen. Heldentaten und Verbrechen liegen in der Vergangenheit. Dass Martin 1983 einen massiven Atomschlag und 1986 den Staatsbankrott der DDR im Alleingang verhindert hat, dass er als Spion getäuscht und getötet hat, wird kein Geschichtsbuch verzeichnen. Auch die HVA wird ihm kein Denkmal setzen. Der Mann gilt als unsicherer Kantonist.

(Agenten-)Geschichte wiederholt sich, und manches daran trägt die Züge einer Farce in der dritten, unter Umständen aber doch nicht letzten Staffel der Serie "Deutschland". In "Deutschland 83" sollte Martin Bundeswehr und NATO aufmischen. In "Deutschland 86" ging es nach Südafrika zur Unterstützung der Bruderländer. Nun, in "Deutschland 89", gibt es keine Führung und keine Missionen mehr, nur noch Gewinner und Verlierer auf eigene Rechnung.

Um die Jahreswende 89/90 endet mit dem Kalten Krieg die Nachkriegszeit. Der "antifaschistische Schutzwall" wird demoliert. Viele Bürger verlassen den Ostteil Deutschlands Richtung "gelobtes Land" BRD, die Ernüchterung folgt. In Bürgerinitiativen, Runden Tischen und Parteien wird über die Zukunft des Sozialismus gestritten. Allein der Wunsch nach Freiheit, so heißt es in emphatischer Lesart, die Bürgerrechtler und konservative Westpolitiker verbindet, habe die Bevölkerung der DDR in Leipzig und anderswo zu Tausenden auf die Straße getrieben. Die DDR endet friedlich. Revolution von unten, ohne Blutvergießen. Die Grenzer an der Bornholmer Straße sind die Ersten, die aus den verwirrten Äußerungen Schabowskis ("meines Wissens ist das - unverzüglich") zum neuen Reisegesetz der Regierung Krenz Fakten machen und den Schlagbaum öffnen.

Das Volk übernimmt im Arbeiter- und Bauernstaat die Macht und die DDR kommt damit gleichsam an ihr natürliches Ende. Zu schön, um wahr zu sein, wie wir 30 Jahre danach wissen. Die Serie "Deutschland 89" führt dies einerseits zeithistorisch beeindruckend genau, andererseits mit der fiktionalen Darstellung alternativer historischer Verlaufsmöglichkeiten spielend wie in keiner Staffel zuvor, erzählend vor Augen. Das ist die eindringliche Wahrheit, die die Serie von Anna und Jörg Winger zum Ende der DDR präsentiert: dass in jeder historischen Situation Alternativpotenzial liegt. Ereignisse und Entscheidungen sind nicht so zwingend, wie sie der Rückblick konstruieren möchte.

Der Mord am Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, nur drei Wochen nach dem Fall der Mauer? Ein terroristisches Attentat, bei dem die Erben der RAF und die Geheimdienste beteiligt waren, aber in der Lesart der Serie nur ein Anschlag in einem viel größeren Plan zur Destabilisierung der BRD. Ein Attentatsversuch bei der Leipziger Rede Helmut Kohls vor den Wahlen 1990? Zwar missglückt, aber Anlass zur Erledigung der Geheimdienstagenten von HVA, CIA und BND.

Als 2015 mit "Deutschland 83" (Kritik in epd 47/15) bei RTL eine komplexe deutsch-deutsche Geschichte in Agententhrillerform auf den Schirm kam, waren viele "not amused", der Zuschauerzuspruch ließ zu wünschen übrig. DDR-Geschichte hatte anders erzählt zu werden. International dagegen war die Serie viel weniger umstritten. Dass die zweite und nun auch die dritte "Deutschland"-Staffel bei Amazon Prime gelandet sind, ist ein unbedingter Glücksfall. In den wenigen Jahren seit 2015 haben sich Sehgewohnheiten rasant geändert. Die Vielfalt seriellen Erzählens ist enorm gewachsen.

"Deutschland 89" ist ein Höhepunkt und Glücksfall der fiktionalen Filmbearbeitung der Zeit. Die Serie spielt zwischen dem Mauerfall am 9. November 1989 und dem 9. November 1990. Großartig geschnitten, fügen sich die verwendeten Dokumentaraufnahmen äußerst sprechend ein (Montage: Yvonne Tetzlaff). Die wiederkehrenden Figuren kommen mit ihren Missionen größtenteils zu einem plausiblen, meist tödlichen Ende. Das noch nicht das Ende sein muss.

Wieder wird Martin Rauch aktiviert: Er soll eine vermeintliche Terroristengruppe in Ostberlin infiltrieren. Dieses Mal für CIA und BND, die arbeitslose HVA-Mitarbeiter anwerben. Martin hat inzwischen allerdings eher die reizende Lehrerin seines Sohnes, Nicole Jungen (Svenja Jung), auf dem Schirm.

In einer Nebenhandlung, beeindruckend gespielt von Carina Wiese als Martins Mutter Ingrid und Fritzi Haberlandt, die die "Republikflüchtige" Tina Fischer verkörpert, gelingt es der Serie, die Debatte um Stasischuld und private Verstrickungen in nuce darzustellen.

Martins Vater Walter Schweppenstette (Sylvester Groth) wird nach Frankfurt geschickt, um die Deutsche Bank bei der versuchten Übernahme der DDR-Staatsbank zu beobachten und zu manipulieren. Auch hier gibt es eine gelungene Nebenhandlung - die zudem humoristisch Borniertheit und Selbstüberschätzung der westlichen Banker unterhalb der Führungsebene Herrhausens aufs Korn nimmt. Eingeführt als Professor Baumann - Spezialist für psychologische Anthropologie - soll Walter den Bankern die ostdeutsche Mentalität nahebringen. Mit Stasiakten der Ostbanker reich versehen, kommentiert der Spitzenspion deren Lebensläufe, was ihm ein Chefbüro und die launige Zuneigung des zuständigen Managers (Golo Euler) einbringt.

Loyalität, Verrat, Familie und immer wieder Eltern, die ihre Kinder und deren Zukunft beschützen wollen - diese Motive und Themen machen "Deutschland 89" auch für ein internationales Publikum attraktiv, das mit deutsch-deutscher Vergangenheit wenig verbindet.

Lediglich der Abspann, der von diversen Brüderküssen zum Beschmusen der amerikanischen Fahne durch Donald Trump, über seinen Mauerbauplan mit Bildern der mexikanischen Grenze zur partiellen Wiedererrichtung der innerdeutschen Mauer führt, ist historisch unterkomplex. Solche Kurzschluss-Annahmen der Zeitgeschichte hat "Deutschland 89" zuvor sehr aufschlussreich vermieden.

Dieser Kritikpunkt soll die Gesamtleistung nicht schmälern. Mit der "Deutschland"-Trilogie ist Anna und Jörg Winger im Entwurf und in der Umsetzung über die Gewerke hinweg Innovatives gelungen. Man sieht kein Zusammenfügen, sondern die Verschmelzung von Agententhriller und Zeithistorie. Geschichte samt der Darstellung des Geschichtspotenzials wird für ein großes Publikum adäquat gefasst. Dazu spielen Darstellerinnen und Darsteller, die zeigen, was Menschen, auch sogenannte Bösewichte und Überzeugungstäter, umtreibt, vom alltäglich Banalsten bis zum ideologisch Höchsten oder Verblendetsten.

Die Serie erzählt ihre großen Bögen fast immer plausibel aus den Figuren heraus - manchmal schlapphut-spielerisch, manchmal elterlich liebevoll, manchmal misstrauisch bis zum Bodensatz der Gefühle. Überzeugend, pathetisch, achtungsvoll, verachtend und absurd. Ein grandioses Erzählstück zu 30 Jahren Wiedervereinigung.

Aus epd medien 39/20 vom 25. September 2020

Heike Hupertz