Going West

„Ein Hauch von Amerika“, sechsteilige Fernsehserie, Regie: Dror Zahavi, Buch: Johannes Rotter, Jo Baier, Christoph Mathieu, Ben von Rönne, Kamera: Gero Steffen, Produktion: FFP New Media (ARD/SWR/Degeto/WDR/NDR, 1.12., 4.12. und 8.12.21, 20.15-21.45 Uhr und in der ARD-Mediathek)

epd November. Das Wetter ist schlecht. Die Abende lang. „Event“-Saison im Fernsehen. Nach dem Prinzip „online first“ steht die sechsteilige Nachkriegsserie „Ein Hauch von Amerika“ schon seit 24. November in der Mediathek. Wer noch linear guckt, kann sich am Mittwoch- und Samstagabend die Coronazeit mit Doppelfolgen vertreiben. Die passende Zeitzeugen- und Archivbilder-Begleitdokumentation wurde bei so einem „Event“ natürlich auch nicht vergessen.

„Die Verfilmung historischer Stoffe über unser eigenes Land hat in der ARD Tradition“, bemerkt die Ex-Degeto-Chefin und amtierende ARD-Programmdirektorin Christine Strobl. Wohl wahr. Nicht nur in der ARD. Daher sind die Weiden auch schon gründlich abgegrast. Nun also ist es die Nachkriegsgeschichte unter amerikanischer Besatzung im ländlichen Südwestdeutschland, die in einer Dorf-, Familien- und Liebesgeschichte in Erinnerung gerufen werden soll.

Im fiktiven Ort Kaltenstein sind „die Amis“ stationiert und richten sich 1951 darauf ein, für länger in der Pfalz zu bleiben. Zwei miteinander befreundete Töchter Kaltensteins, Anfang 20, aus zwei repräsentativen Familien stehen im Zentrum der Geschichte. Erika Strumm (Franziska Brandmeier), die Tochter des örtlichen NS-„Goldfasans“ (Dietmar Bär), der es, kaum „entnazifiziert“, schon wieder zum Bürgermeister gebracht hat. Und Marie Kastner (Elisa Schlott), die eigentliche Hauptfigur. Die wackere Heldin stammt aus einer ebenso wackeren, durch die Zeitläufte aber verarmten Bauernfamilie. Marie ist mit Erikas Bruder Siegfried (Jonas Nay) verlobt, der nach sechs Jahren Gefangenschaft in der dritten Folge unerwartet wiederkehrt.

Zu dumm, dass sich die blonde Marie - die sich als durch und durch anständige Person an ihr Eheversprechen gebunden fühlt - da gerade in George Washington (Reomy D. Mpeho) verliebt hat, einen farbigen US-Soldaten. Und zwar ernsthaft, während ihre lebenslustige, rothaarige Freundin Erika einfach nur irgendeinen Amerikaner heiraten will, um in die Staaten zu kommen. Dass sie deswegen als „leichtes Mädchen“ angesehen wird, bekommt ihr schlecht. Die strenge Mutti Anneliese Strumm (Anna Schudt) behält recht. Sechs Folgen hat das Ganze, es passiert noch dies und das - dabei weiß man doch von Anfang an, dass Marie ihren engen Heimatort am Ende verlassen wird.

Die Serie birgt auch sonst keine großen Überraschungen. Doch das hat ja was. So hat man bei hochwertig produzierten öffentlich-rechtlichen Geschichtsserien zum Beispiel garantiert was zu gucken, denn die historische Ausstattung ist aufwendig. Natürlich gibt es auch was auf die Ohren, und zwar leider viel zu viel Orchester (Musik: Martin Stock).

Und doch, die Zeiten ändern sich. Wahrscheinlich ist das Interessanteste an solchen historischen Fernsehevents, wie die jeweilige Gegenwart auf die Geschichte guckt. Wäre dieser Film vor 10 oder 20 Jahren gedreht worden: Hätte er dann auch so ausführlich das Problem des Rassismus in der US-Armee und in der amerikanischen Gesellschaft angeprangert? Wahrscheinlich nicht, der Akzent hätte vermutlich stärker auf den Aspekten gelegen, die hier vorkommen, aber eher mitlaufen, wie der Rassismus der Deutschen und die Erhellung der Schatten der dörflichen NS-Verbrechen.

Vor 20 oder 30 Jahren hätte es wohl auch die Figur der Frau des US-Kommandanten nicht gegeben, gespielt von Julia Koschitz, die eine Bauernmaid wie Marie nachdrücklich ermutigt, sich nicht einfach von einem weißen - oder schwarzen - Ritter freien zu lassen, sondern als begabte Zeichnerin eine grafische Berufsausbildung zu machen. Und vor 20 Jahren hätte wohl auch niemand folgende Vorbemerkung auf einer Schrifttafel für notwendig gehalten: „Diese historische Miniserie enthält rassistische Sprache und andere Formen der Diskriminierung, welche die Lebenswirklichkeit zu Beginn der 1950er Jahre widerspiegeln und heute immer noch existieren.“ Ach was! N… darf man also nicht sagen?

So ganz geht man bei den Herzensangelegenheiten von Marie und George nicht mit. Es sind eher die Dorfgeschichte und das Zeitkolorit, die einen weitergucken lassen. Tatsächlich erzählt die Serie von einer Ära, die man gar nicht wichtig genug nehmen kann. Es war die Zeit, in der die „Wessis“ wurden, was sie sind. Denn sie wurden es unter dem massiven Einfluss der Amerikaner. Genau wie die „Ossis“ von den Sowjets geprägt wurden. Der Stoff fürs nächste Event drängt sich da auf. Wie ging es in den 1950ern bei den Holzschnitzern im Erzgebirge zu - oder bei den Bauern in Brandenburg?

Aus epd medien 48/21 vom 3. Dezember 2021

Andrea Kaiser