Gemeinheiten am Grill

„Der Spalter“, Fernsehfilm, Regie: Susanna Salonen, Buch: Stefan Rogall, Kamera: Daniel Koppelkamm, Produktion: Studio Zentral (ZDF, 23.11.22, 20.15-21.45 Uhr)

epd Nachbarn sind wie Familie: Man kann sie sich nicht aussuchen, heißt es an einer Stelle in der Nachbarschaftstragikomödie „Der Spalter“. Das ist wahr und bietet den Anlass nicht nur für unzählige Filme über Familienfeste, bei denen alles auf den Tisch kommt, was die Beteiligten seit Jahren mit Groll nähren. Zahlreiche Filme und Serien beschäftigen sich mit verfeindeten Nachbarn, protzenden Nachbarn, neidischen Nachbarn und Nachbarn, die schmutzige Geheimnisse teilen, wie die „Desperate Housewives“. Die Film-Nachbarschaftshölle ist am schlimmsten in den Vororten, wo die Bewohner hinter sorgfältig gestutzten Hecken und makellosen Vorgärten ihre Zügellosigkeiten verstecken.

In Susanna Salonens Film für das ZDF ist die Lage ähnlich und doch ein wenig anders. Eine Gegend mit Einfamilienhäusern, das Interieur des einen freilich ist in den Siebzigern steckengeblieben. Irgendwann hat man angefangen zu renovieren, aber übers Abkleben der Fenster am Treppenaufgang ist man nicht hinausgekommen. Hier wohnt Oliver (Fabian Busch) mit Bianca (Marlene Morreis) und dem 17-jährigen Finn (Paul Sundheim): angefangene Projekte, lauter Halbherzigkeiten.

Oliver arbeitet in einer „Hygienepapierfabrik“, also bei einem Klopapierhersteller, und hofft auf die Beförderung zum Abteilungsleiter. Die finanzielle Lage ist düster, auch weil Bianca sich eine Auszeit zur beruflichen Neuorientierung genommen hat, in Wirklichkeit hat sie aber keine Idee, was sie will. Sie fotografiert Körperteile von nackten Seniorinnen, was ein Kommentar zum Schönheits- und Jugendwahn sein soll. Bianca sieht sich als kritisch und verachtet ihren Mann, der sich durch Karriere und Leben laviert. Finn droht durchs Abitur zu fallen - bestimmt nur wegen des Lockdowns.

Nebenan wohnen Dila (Susana Abdulmajid) und Ehemann Simon (Sebastian Schwarz): sie Powerfrau, er Schluffi, der zu allem Ja und Amen sagt - oder gar nichts. Wie es um das Verhältnis der befreundeten Paare steht, erzählt „Der Spalter“ nach dem Drehbuch von Stefan Rogall erst später wie beiläufig mit. Man hat Probleme miteinander, wegen eines schiefgegangenen Klopapierdeals während der Pandemie. Die Frauen machen weiter Sport zusammen und spielen „beste Freundinnen“, die Männer meiden einander.

Einen Tag, bevor das Unheil seinen Lauf nimmt, wird ein anderer Nachbar vom Notarzt abgeholt. Herzinfarkt? Nichts Genaues weiß man nicht, aber die Gerüchte wuchern. War er nicht übermäßig korpulent? Wer geht zur Beerdigung?

Die Ausgangssituation des Buchs ist hübsch fies, wird in viele kleine sprechende Szenen aufgelöst und lässt die Spannung wachsen. Man merkt diesem Fernsehfilm an, dass Susanna Salonen ursprünglich vom Dokumentarfilm kommt, ihr genaues Auge für Details bereitet viel Vergnügen (Kamera: Daniel Koppelkamm).

Es geht hier aber nicht nur um ein angespanntes Nachbarschaftsverhältnis, eines der Reizthemen ist auch die ungewollte Kinderlosigkeit von Dila und Simon. Und dann platzt auch noch der „Spalter“ herein, der rhetorische Brandbeschleuniger Lars (von Axel Stein sehr glaubwürdig verkörpert) aus Olivers Unternehmen: migrationsfeindlich, intolerant, übergriffig, großkotzig, ein Fleischesser und Kotzbrocken. Eine arme Wurst, die aber die Schwachstellen der anderen instinktiv bloßlegt. Provokation ist Lars' Metier. Das Drehbuch will aber nicht bloß verbalen Schlagabtausch liefern, es reiht auch noch eine Ungeschicklichkeit und Katastrophe an die nächste.

Also wird es blutig, worauf die Eingangsszene einen Vorgeschmack gibt. Zu drastischer Schwarzhumorigkeit ist „Der Spalter“ allerdings nicht aufgelegt, das Ziel lautet Versöhnung und Überwindung der Differenzen. Rogalls Buch will keine Vivisektion der Verhältnisse sein, sondern eine Parabel auf gesellschaftliche Zustände.

Der Grillnachmittag wird durch den ungebetenen Gast Lars zur Jedermann-Show. Der Provokateur wird gemeinschaftlich ausgeschlossen, das sorgt kurzzeitig für Re-Harmonisierung. Ein Paar trennt sich, er weiß es aber noch nicht, das andere stellt die Beziehung auf null.

Olivers Katzbuckeln war umsonst, denn Lars ist längst befördert, hat Oliver aber immer noch Hoffnung auf die Stelle gemacht. Es wird gefakt und manipuliert. Nur die Bilder fangen in diesem ziemlich raffinierten Film echte Wirklichkeit ein. Dem Reden ist nicht zu trauen. Der Schluss wirkt ein wenig angeklebt, als habe ein redaktioneller Eingriff noch für eine „Botschaft des Muts“ sorgen wollen. Lange bleibt einem in „Der Spalter“ das Lachen auf produktiv-kritische Weise im Hals stecken.

Aus epd medien 48/22 vom 2. Dezember 2022

Heike Hupertz