Gekonnte Bildregie

VOR-SICHT: "Smile", Fernsehfilm, Regie: Steffen Köhn, Buch: Silke Eggert, Steffen Köhn, Kamera: Mario Krause, Produktion: Martens Film (ZDF, 15.7.19, 23.55-1.10 Uhr)

Die junge Mercedes (Mercedes Müller) möchte ausgehen. Gerade steigt ein Technofestival mit Label "Heimat", auf dem der mit ihr befreundete DJ Boy (Mehmet Sözer) auflegt. Und dahin möchte sie unter allen Umständen. Doch die Mutter gibt ihr kein Geld, also mopst sie deren Kreditkarte und zieht los. Die Festival-Zelte bedecken ein riesiges Areal - wie riesig, das symbolisieren die zwischendurch eingespielten Aufnahmen aus den Tiefen des Universums. Dazu raunt eine Frauenstimme und beschwört Love and Peace.

Mercedes staunt. Sie wandert herum, sie fühlt sich verloren. Die Festivalgäste nehmen kaum Notiz von ihr. Zwischendurch kommuniziert sie per Smartphone mit Boy. Der jubelt: Komm auf die Backstage-Party. Hier geht es ab! Aber wo findet Mercedes diese Party? Und wie kommt sie hinein? Die Sause ist nicht für jedermann offen - man braucht ein goldenes Armband dafür. Und Mercedes hat nur eines, wie alle es haben. Da trifft sie Bella (Hanna Hilsdorf). Bella ist ein tolles Partygirl, sie kennt hier fast jeden, so scheint es. Aber als sie versucht, die Türsteherinnen zu überreden, sie doch samt Begleitung in Richtung Backstage durchzulassen, scheitert sie. Sie ist nicht weniger verloren als Mercedes. Ihr helfen nur der Alkohol und irgendeine Droge, aber beide helfen nicht wirklich.

Eine einlullende Offstimme sagt Sachen wie: "Sinfonie der Sterne", "Wir sind Träumer" und "Du bist was Besonderes." Mercedes telefoniert immer wieder mit Boy, der sie bedrängt, sich zu ihm durchzukämpfen. Doch jedes Mal, wenn er dazu ansetzt, ihr zu erklären, was genau sie tun muss, um ihn zu finden, bricht die Verbindung ab. Es ist total kafkaesk: Die Heldin kommt nicht vorwärts, sie kommt nicht rein, und sie weiß nicht, was gespielt wird. Ein blonder Jüngling zerrt sie auf ein Casting-Event - gesucht wird "das Gesicht des Festivals" -, wo sie sich entblößen soll, was ihr aber widerstrebt.

Dieser Film des Jungregisseurs Steffen Köhn lebt von seiner Party-Bilderflut mit tanzenden Leibern, wirbelnden Lightshows, stampfenden Rhythmen, von der Festivalstimmung mit ihren Menschenmassen und der Dauerbeschallung, von der Bedrohung, die von einem solchen Szenario ausgeht und von dem arglos-fragend dreinschauenden Mädchen, das sich in diesen Dschungel verirrt hat. Mercedes Müller spielt die suchende Naive sehr eindrucksvoll - mit einer Mischung aus Angst, Neugier und Gleichmut.

Das Drehbuch sieht verschiedene Stationen oder Kapitel auf dieser Reise durch die "Heimat" vor. Nach dem Casting-Event landet Mercedes bei einem wild geschminkten Späthippie oder anderweitig Obdach- und Heimatlosen (Christoph Bach), der in einem Unterstand mit Glaubens- oder Gesinnungsgenossen eine Kiffer-Zeremonie abhält. Er verhilft Mercedes zu dem begehrten goldenen Armband. Jetzt endlich hat sie Zugang zum Backstage - und da ist dann wirklich die Hölle los. Oh Boy!

Was gibt uns dieses "Kleine Fernsehspiel" mit auf den Weg? Eine Warnung vor unserer schönen, inzwischen nicht mehr ganz so neuen Welt der Werbung, der allseits verfügbaren visuellen Medien und Smartphones, der überteuerten Life-Events, der Love- und anderen Paraden, eine Warnung vor Castingshows und Cannabis? Oder einfach nur die Bitte, Mega-Festivals als Glücks- und Gute-Laune-Bringer nicht zu überschätzen? Man weiß es nicht so recht.

Jedenfalls: Wer bislang noch kein Talent zum Party-Muffel hatte, wird es nach diesem Film vielleicht entwickeln. Wird aber zugleich die schauspielerische Leistung der auf wohltuende Weise zum Understatement neigenden Mercedes Müller in Erinnerung behalten sowie die gekonnte Bildregie des Nachwuchsregisseurs Köhn.

Aus epd medien 28/19 vom 15. Juli 2019

 

Barbara Sichtermann