Geglücktes Debüt

VOR-SICHT: "Sörensen hat Angst", Tragikomödie, Regie: Bjarne Mädel, Buch: Sven Stricker, Kamera: Kristian Leschner, Produktion: Claussen + Putz (ARD/NDR, 20.1.21, 20.45-22.15 Uhr)

Selbst das Rausfahren aus Hamburg stresst Hauptkommissar Sörensen noch. Als der Kriminalbeamte (Bjarne Mädel) seinen roten Passat Kombi über die Köhlbrandbrücke auf die Autobahn gen Friesland steuert, fühlt er sich von Geräuschen bedrängt, hört Hupen, Schreien und Rotorenlärm. Er umklammert das Lenkrad, hält auch im Tunnel die Spur und umkurvt Unfallstellen; erst kurz vor dem Ziel muss er rechts ranfahren und kotzen. Sörensen leidet an einer Angststörung und hat sich in der Hoffnung aufs Land versetzen lassen, dort bei ereignisarmem Arbeitsalltag zu sich kommen zu können. Aber daraus wird natürlich nichts: Kaum hat Sörensen die Dienststelle betreten, wird der Bürgermeister des Kaffs Katenbüll erschossen in seinem Pferdestall aufgefunden.

Angesichts dieses Settings und der Rollen-Vorgeschichte des Hauptdarstellers als "Tatortreiniger", Provinz-Polizist in "Mord mit Aussicht" und "Stromberg"-Kollege ließe sich eine lakonische Dorfschnurre mit Krimitouch erwarten. Aber "Sörensen hat Angst", Mädels Regiedebüt, gelingt die Gratwanderung, Tragik und Komik, Kriminalfall und Krankheitsstudie gleichwertig auszubalancieren.

Die Story, die Autor Sven Stricker für Mädel geschrieben hat, kam zunächst als Hörspiel (2014) und dann als Roman (2015) heraus, bevor sie 2020 zum Film wurde - ein Reifeprozess, der spürbar ist. Zudem verpflichtete Mädel für die einzelnen Gewerke viele Komplizen aus der "Tatortreiniger"-Zeit, darunter Bildgestalter Kristian Leschner und Editor Benjamin Ikes, so dass Einigkeit über die künstlerischen Ziele bestand. Der Humor wirkt hier nicht aufgesetzt, sondern erscheint als letztes Mittel, der Tristesse zu trotzen.

Katenbüll, ein zerklüfteter Ort zwischen Wiesen und Deichen, getaucht ins fahle Licht des Nordens und von Dauerregen heimgesucht, scheint diese Tugend in besonderem Maß zu erfordern. Und nun also noch ein Kapitalverbrechen. Da von der Witwe Hilda Hinrichs (Anne Ratte-Polle) nichts Substanzielles zu erfahren ist und keine Feinde des Mordopfers bekannt sind, beginnt Sörensen, in Hinrichs' Umfeld zu recherchieren. Sein erster Besuch gilt Jens Schäffler (Peter Kurth), dem Geschäftsführer der örtlichen Fleischfabrik; in den aseptischen Fluren der Firma Fleischeslust muss der Beamte gleich die nächste Panikattacke niederringen. Noch übler ergeht es ihm bei Frieder Marek (furios: Matthias Brandt), dem ehemaligen Kurdirektor, der ihm zur Begrüßung zitternd eine Pistole an den Kopf hält.

Der Bürgermeister, der Fleischbaron und der Kurdirektor waren einst als "die drei Musketiere" angetreten, Katenbüll für den Tourismus zu erschließen. Dann kam es zum Zerwürfnis, und in Mareks Schreibtisch wurden kinderpornografische Fotos gefunden - er beteuert, sie seien ihm untergeschoben worden. Seitdem vegetiert er als alkoholabhängiges Wrack im Bademantel vor sich hin, die Schnapsflasche immer griffbereit. Aus seiner Genugtuung über Hinrichs' Tod macht er keinen Hehl. Auf die Frage, wo er zur Tatzeit war, führt er aber ein glaubwürdiges Alibi an: "Auf'm Boden von so 'ner Flasche."

Nach diesen Begegnungen will Sörensen am liebsten wieder wegfahren, aber Kollegin Jenni Holstenbeck (Katrin Wichmann), mit einer guten Vorahnung ausgestattet, fängt ihn mit einer Essenseinladung in den "Deichkrug" wieder ein. Und dann will ihn ja noch Jan besuchen, der verstörte zwölfjährige Sohn des Bürgermeisters …

Es ist nicht einfach, die Tonlage des Films anhand von Dialogen zu vermitteln, denn Stricker und Mädel lassen wenig Pointen liegen, arbeiten mit Wiederholungen und Missverständnissen - aufgeschrieben kann das platt aussehen. Wenn etwa Sörensen, der - Achtung: Marotte! - seinen Vornamen nicht hören mag, vor dem Restaurantbesuch zu Jenni sagt, dass er kein Fleisch esse, und diese nachfragt: "Fisch ist auch Fleisch?", wird der Kellner wenig später genauso reagieren. Wenn Sörensen ein Hund zuläuft, der Cord heißt, wird nicht nur er assoziieren: "Wie die Hose?" Aber im homogenen Zusammenspiel des Ensembles gewinnt die schlichte Sprache Kraft.

Wie sagt Sörensen zum kleinen Jan: "Is jetzt irgendwie kaputt hier, ne? Aber guck mal: Ich war zum Beispiel immer in Hamburch, mein ganzes Leben. Das geht jetzt auch nicht mehr. Hamburch is auch kaputt. Aber irgendwo muss man ja sein."

Die Gefahr, dass das Geschehen ins Drollige abgleitet, besteht nicht: Es geht um Kindesmissbrauch, nicht nur auf ominösen alten Fotos, sondern ganz konkret im Hier und Jetzt - und bei einer Leiche bleibt es auch nicht. Spätestens als Marek mit seiner Waffe auf dem Parkplatz vor Schäfflers Fleischfabrik auftaucht - eine Szene von veritablem "Fargo"-Format -, muss sich der psychisch angeschlagene Ermittler in einem blutigen Alptraum wähnen. Doch Mädel schafft es, glaubhaft zu machen, dass sein Sörensen zwar kein tougher Held und häufig überfordert ist - aber eben auch einer, der sich stellt, der kombinieren kann und das Herz am rechten Fleck hat.

"Bleibst du?", will am Ende Jenni wissen. "Weiß nich", brummt Sörensen, aber: "Irgendwo muss man ja sein."

Aus epd medien 2/21 vom 15. Januar 2021

Peter Luley