Funktionierende Politcomedy

VOR-SICHT: "Eichwald, MdB", sechsteilige Comedyserie, zweite Staffel, Regie: Fabian Möhrke, Buch: Stefan Stuckmann, Kamera: Tim Kuhn, Produktion: Kundschafter Filmproduktion (ZDFneo, ab 14.6.19, freitags 22.30-23.00 Uhr)

Er ist wieder da. Allerdings war es dieses Mal denkbar knapp. Noch knapper als zuvor. Etwas mehr als 300 Stimmen Vorsprung, was früher unvorstellbar gewesen wäre. Aber früher gab es auch noch keine plötzlich aufpoppenden Internetstars, denen Tausende folgten, keine "Shitstorms", es wurde noch Kohle gefördert im Ruhrgebiet, und die Ansiedlung eines Call-Centers war damals noch der letzte Schrei. Hajo Eichwalds (Bernhard Schütz) drei Jahrzehnte gehaltenen Bochumer Wahlkreis, in der ersten Staffel der Politcomedy "Eichwald, MdB" allein vom alerten Kollegen Uwe Bornsen (Robert Schupp) gefährdet, mischen in der zweiten Staffel neue Mitspieler im politischen Geschäft auf.

Eine vorbestrafte Frau mit dem einzigen Thema "Pro Bochum" konnte ihm sein Mandat nicht abnehmen. Puh. Aber da ist jetzt auch "The Flow". Und der geht nicht mehr weg. Und könnte zur echten Gefahr werden für Eichwald, dessen Slogans "Unser Kumpel im Bundestag" oder "Für den Pott" so überlebt wirken wie der von einem Fettnapf des Betriebs in den nächsten springende Bundestagsabgeordnete selbst. Fossil oder Hinterbänkler - wie soll man den Bundestagsabgeordneten Eichwald nennen? Denkfaul, aber mit einem guten Riecher für die Intrige ausgestattet? Einer, der es sich immer irgendwie richtet? Ein Repräsentant der öffentlich gesichtslosen Menge der wenig bekannten Volksvertreter? Jedenfalls ist es gut, dass der Mann wieder da ist.

2015, als "Eichwald, MdB" zunächst bei ZDFneo und später auch im ZDF nach der "Heute Show" gezeigt wurde, fielen die Kritiken eher gemischt aus. Das war zwar ungerecht, passte aber zu der Politsatire um einen Protagonisten, der sich am Ende immer irgendwie unter Wert verkauft, und dem das Scheinen jederzeit über das Sein geht. Erkennbar nach dem britischen Vorbild "The Thick of It" gestaltet, ist sie ein rares Beispiel echter - und funktionierender - Sitcom im deutschen Fernsehen. Dass sie sich den Berliner Bundestagsbüroalltag jenseits des in Deutschland auch wenig glamourösen Plenarsaals vornimmt, ist verdienstvoll. Dass sie das auf vorgelegte gänzlich situations- und dialoggetriebene Weise tut, macht sie besser. Dass schließlich Bernhard Schütz diesen Volksvertreter mit ebenso viel Lustlosigkeit wie zähem Überlebenswillen und im Grunde gänzlich überzeugungslos gibt, ist noch besser.

Die Handlung ist, obwohl aktuelle Themen aufgegriffen werden, eher zweitrangig. Ob Untersuchungsausschuss zum, Steigerung der Einstellungsquote von Menschen mit Behinderung oder medienwirksam inszeniertes Fußballspielen mit syrischen Flüchtlingen, alles ist schnell durcherzählt, wird filmisch atemlos abgehandelt. Themen werden gesetzt, bespielt, über Bande wieder aufgenommen, verworfen, zurückgeholt, je nach Fieberkurve der populistischen Erfolgsaussicht. Dass mancher die großen Handlungsstränge in "Eichwald, MdB" vermisst, ist folgerichtig.

In Eichwalds Büro spiegelt sich in nickliger Form die Intrigenkultur der Großkopferten. Ihre Meisterin ist Fraktionsvorsitzende Birgit Hanke (Maren Kroymann), eine begnadete Manipulatorin, die Hajo in der Regel entweder abkanzelt oder auflaufen lässt, wenn er mit Aktionismus wieder einmal versucht, seinen Bekanntheitsgrad zu steigern. Aus der vergangenen Staffel hat man sein wetterwendisches Engagement bei der - natürlich gescheiterten - Einführung der "Lebensmittelampel" noch in lebhafter Erinnerung.

In Eichwalds Büro arbeiten zwei Mitarbeiter, der alte Weggefährte und Polithaudegen Berndt Engemann (Rainer Reiners) und der "Social-Media-Experte" Sebastian Grube (Leon Ullrich), die Arbeit erledigt Büroleiterin Julia Schleicher (Lucie Heinze). Dieses Mal ist sie hochschwanger, schleppt andauernd schwer, was von ihren Kollegen erfolgreich ignoriert wird, und muss sich zu Beginn der Staffel um eine Vertretung kümmern. Für das Büro Eichwald Gelegenheit zur Profilierung. Wenn bei Bornsen, der schwer unter dem Tod seiner Frau leidet, ein dunkelhäutiger Rollstuhlfahrer arbeitet, muss es für die Losertruppe unter Hajo schon mindestens eine maximal pigmentierte rollstuhlfahrende Einarmige sein.

Zum größten Problem für Hajo aber entwickelt sich "The Flow". Prophetisch. Hier legt die Sitcom, die sich auch für manche Albernheit hergibt, tatsächlich den Finger in die Wunde des Wandels in der Kommunikationsgesellschaft. Wie soll ein Hajo Eichwald auf einen rechtsradikalen Influencer, Youtuber mit Traumreichweite, der vor Deutschlandflagge und flüchtlingsfeindlicher Wohnzimmerdeko eine Unverschämtheit nach der anderen raushaut und damit einen Riesenerfolg hat, reagieren? Hajo "Hanswurst" ist zudem sein Lieblingsgegner.

Außerdem gilt es, beim Thema Dopingenthüllung im Spitzenfußball geschickt zu agieren, sich endlich einmal medienwirksam in der "Mainstream"-Presse zu platzieren, das Thema Flüchtlinge nach der neuesten Fraktionsrichtlinie am Köcheln zu halten und endlich den rückenfreundlichsten Bürostuhl aller Zeiten zu finden. Nichts bleibt gleich und alles doch wie immer in diesem fiktiven Bundestag, den die zweite Staffel noch pointierter aufs Korn nimmt als die erste. Schon aus Gründen des Artenschutzes wünscht man der Serie ein langes Leben. Das Genre Politcomedy vertritt sie hierzulande bis auf weiteres allein.

Aus epd medien 24/19 vom 14. Juni 2019

Heike Hupertz