Fremdenverkehrs-Fernsehen

VOR-SICHT: "Wolfsland: Heimsuchung", Regie: Francis Meletzky, Buch: Sönke Lars Neuwöhner, Sven S. Poser, Kamera: Eeva Fleig, Carlo Jelavic, Produktion: Molina Film (ARD/MDR/Degeto, 5.12.19, 20.15-21.45 Uhr)

Man kommt als Zuschauer im Ersten viel herum. 40 Folgen aus 14 verschiedenen Krimireihen hat die ARD in diesem Jahr jeweils am Donnerstagabend ausgestrahlt. Der Trip begann in Schwanitz ("Nord bei Nordwest") und führte dann kreuz und quer durch Europa: über Bozen, Usedom, Zürich, Kroatien, Lissabon, die Bretagne ("Kommissar Dupin"), Venedig ("Donna Leon"), Istanbul, Barcelona, Kehl ("Über die Grenze"), Düsseldorf ("Die Füchsin") und Irland bis in die östlichste Stadt Deutschlands, nach Görlitz in Sachsen, wo die "Wolfsland"-Reihe spielt.

Bis zum Jahresende folgen noch Filme aus der Steiermark ("Steirerkreuz") und aus dem Harz ("Harter Brocken"). Die ARD ist damit dem Trend auf dem Buchmarkt gefolgt, der von einer Flut von Regionalkrimis überschwemmt wurde, was wiederum eine Reaktion auf das erfolgreiche "Tatort"-Prinzip gewesen sein dürfte.

Görlitz, dessen historische Altstadt gerne als Filmkulisse genutzt wird, ist für diese Art von Fremdenverkehrs-Fernsehen natürlich ein naheliegender Schauplatz. "Wolfsland" ist allerdings ist keine Romanverfilmung, sondern beruht auf einem rein fürs Fernsehen erdachten Konzept der Drehbuchautoren Sönke Lars Neuwöhner und Sven S. Poser. In der sechsten Folge "Heimsuchung" wird das abendliche Görlitz von Regisseurin Francis Meletzky wieder schön schummrig und meist menschenleer in Szene gesetzt. Beinahe wie eine Geisterstadt, in der nur ein Trompeter einsam in sein Instrument bläst.

Märchenhaft mutet auch der Einstieg an: Ein kleines Mädchen wartet im finsteren Wald vergeblich auf ihren Vater. Sie habe Angst vor dem Wolf, erklärte sie beim Abschied, doch der Vater, der leider nie mehr zurückkehren wird, versuchte sie zu beruhigen: "Aber es gibt doch bei uns keine Wölfe." Womit geklärt wäre, dass die Szene in der Vergangenheit spielt. In der Gegenwart wird ein Auto mit Blutspuren im Innenraum gefunden, dessen Halterin seit Tagen verschwunden ist, ohne dass dies ihren Mann Bodo Tauchert (Christian Kuchenbuch) groß gekümmert hätte.

Passend zum stimmungsvollen Stadtbild und der meist düster in Szene gesetzten Landschaftskulisse, haben sich die Autoren zwei brüchige Charaktere ausgedacht, einen Kommissar aus der Kategorie "wortkarg" und "sonderbar" sowie eine von ihrem Ehemann brutal gestalkte Kollegin - ungewöhnlich für die überwiegend harmlosen Donnerstagskrimis.

Götz Schubert spielt Burkhard "Butsch" Schulz, den ruppigen Einzelgänger, der ausnahmslos alle Menschen duzt, weil ohnehin "alle dieselben Arschgeigen sind". Yvonne Catterfeld verkörpert seine jüngere Kollegin Viola Delbrück. Nach der Trennung von ihrem Ehemann Björn (Johannes Zirner) war sie nach Görlitz geflohen. Der bösartige Gatte hatte sie dort gefunden und schließlich entführt. Nur knapp scheiterte er beim Versuch, sie zu vergewaltigen und zu töten. In "Heimsuchung" steht er nun vor Gericht, wo er in einer perfiden Rede zwar für sich selbst die Höchststrafe fordert, zugleich aber Viola weiter bedroht und behauptet, sie hätten beide gegenseitig das Schlechteste in sich geweckt. Seine Frau sei "ein Killer wie ich".

Die Polizistin, die Gute also, eine Psychopathin wie der Ehemann? Das wäre mal eine schön garstige Idee, aber eine solche Wendung geben wohl weder die Figur der Kommissarin noch ihre Darstellerin her, auch wenn Yvonne Catterfeld in "Heimsuchung" einige Male geradezu wolfsartig zähnefletschend auf den Verdächtigen Bodo Tauchert losgeht, als wolle sich Viola Delbrück an einem anderen Mann für ihr erlittenes Trauma rächen. Immerhin wird die Kommissarin nicht auf die Opferrolle reduziert. Und dass Violas Ehemann in Haft sitzt, ist nur deshalb bedauerlich, weil Johannes Zirner den besessenen Typen großartig spielen kann. Doch alles in allem ist es ein zweifelhaftes Stilmittel, Stalking und männliche Gewalt als Gruselfaktor in einer mit märchenhaft-mystischer Atmosphäre aufgeladenen Krimireihe einzusetzen.

Dagegen war der religiöse Wahn des von Peter Schneider dargestellten Täters in der fünften, eine Woche zuvor ausgestrahlten Folge "Das heilige Grab" so absonderlich, dass der Film trotz der Entführung von zwei jungen Frauen, darunter Schulz' Tochter, weniger spannend als unfreiwillig komisch wurde. "Heimsuchung" dagegen hat immerhin einige pointiert geschriebene Dialoge zu bieten, endet aber ebenfalls mit einer kaum glaubhaften, buchstäblich irren Wendung.

Diesmal geht es um Liebe und die DDR-Vergangenheit. Bodo Tauchert war einst Fluchthelfer, seine vermisste Frau hatte eine Affäre mit einem Kollegen und wird schließlich tot aufgefunden. Das allein gelassene Kind im Wald taucht dagegen in der Gegenwart wieder auf. In der entlegenen Grenzstadt Görlitz hat das Personal der "Wolfsland"-Reihe häufig "einen an der Waffel", wie "Butsch" sagen würde. Oder pflegt zumindest skurrile Vorlieben wie Ameisenfreund Grimm (Stephan Grossmann), Dienststellenleiter der Polizei.

Das hat den Vorteil, dass man sich als Zuschauer über überraschende Entwicklungen nicht allzu sehr wundert. Kommissar Schulz zum Beispiel, der bisher als stammelnder Soziopath durch die Reihe stolperte, verwandelt sich diesmal in einen sanften, nahezu redseligen, charmanten Liebhaber. Das erfüllt auch dramaturgische Zwecke: Im Bett mit seiner Zahnärztin, die früher seine "allerallererste Liebe" war, fällt endlich der Groschen.

Aus epd medien 48/19 vom 29. November 2019

Thomas Gehringer