Fiktion erobert Realität

VOR-SICHT: „Electric Girl“, Fernsehfilm, Regie: Ziska Riemann, Buch: Ziska Riemann, Dagmar Gabler, Angela Christlieb, Luci van Org, Kamera: Hannes Hubach, Produktion: NiKo Film (Arte/WDR, 17.6.21, 22.40-0.05 Uhr)

epd Seit einigen Jahren werden die Kinohitlisten von Superhelden beherrscht. Allein die Action-Spektakel aus dem Marvel-Universum mit Heroen wie Spider-Man, Captain America oder Iron Man haben weltweit die enorme Summe von über 22 Milliarden Doller eingespielt. Gut möglich, dass sich angesichts des Titels „Electric Girl“ manch ein Zuschauer wundern wird, weshalb ausgerechnet Arte so einen Film zeigt. Wer in der Hoffnung auf eine Comic-Adaption einschaltet, wird jedoch eine Überraschung erleben - denn die Superkräfte der Hauptfigur sind bloß Einbildung.

Im Grunde erzählt Regisseurin Ziska Riemann die Geschichte einer psychischen Erkrankung: Die Hamburger Studentin Mia (Victoria Schulz) bekommt einen Job als Synchronsprecherin einer japanischen Zeichentrick-Serie, in der sich die Heldin Kimiko mit mächtigen Dämonen anlegt, die ihre Heimatstadt Tokio angreifen. Je intensiver sich Mia auf die Serie einlässt, desto mehr ergreift die Anime-Welt Besitz von ihr. Sie beginnt, sich wie Kimiko zu bewegen, legt sich eine ähnliche knallgelbe Jacke und eine blaue Perücke zu, benimmt sich immer seltsamer - und ist schließlich überzeugt, dass sie die Welt retten muss.

Der spezielle Reiz dieses Stoffes liegt in seinem Genre-Potenzial. Disney hätte aus der Handlung entweder eine „Avengers“-Variation oder eine Komödie gemacht; auf jeden Fall aber einen Film mit vielen Actionszenen. Die typisch deutsche Version wäre ein komplexes Psychodrama: Die Heldin verliert nach und nach jeden Bezug zur Realität und landet am Ende in einer geschlossenen Anstalt. Die besondere Qualität des Drehbuchs, das Riemann gemeinsam mit Dagmar Gabler, Angela Christlieb und Luci van Org geschrieben hat, resultiert aus der frechen Idee, eine Entscheidung zwischen den genannten Varianten zu verweigern und stattdessen alle zu wählen: „Electric Girl“ bietet gleichermaßen Action, Komödie und Drama. Außerdem fügt die Regisseurin immer wieder Ausschnitte aus der japanischen Serie ein.

Das hätte natürlich auch eine völlig überfrachtete Mischung ergeben können, aber der Film kriegt regelmäßig rechtzeitig die Kurve. Victoria Schulz, bereits für ihre ersten Hauptrollen in den Dramen „Von jetzt an kein Zurück“ und „Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ mit mehreren Nachwuchspreisen ausgezeichnet, verkörpert Mias Metamorphose zudem sehr nachvollziehbar. Die Verwandlung erfolgt auch nicht mit einem Knall: die Fiktion erobert die Realität schleichend. Mia ist eine ganz normale junge Frau, die sich ein bisschen in den Toningenieur (Björn von der Wellen) verliebt und Ärger mit ihrer sehr erwachsenen älteren Schwester (Oona von Maydell) hat. Weil sie wegen der Weltrettung notgedrungen ihre Pflichten vernachlässigt, verliert sie erst den Synchronjob und verscherzt es sich dann auch noch mit ihrer Freundin und Barkollegin Lissy (Svenja Jung).

Da der Film seine Hauptfigur absolut ernst nimmt und den Prozess konsequent aus ihrer Sicht schildert, stellt er zunächst weder die Superkräfte noch das Szenario infrage: Außer Mia sind alle anderen offenkundig blind für die Bedrohung - oder womöglich selbst Teil der Verschwörung. Mia steigert sich in einen regelrechten manischen Rausch und scheint tatsächlich übermenschliche Fähigkeiten zu entwickeln. Erst beim Finale, als sie sich in einem stillgelegten Kraftwerk den bösen Mächten entgegenstellt, drohen die Fiktion und somit auch die Heldin an der Realität zu zerschellen.

Selbst wenn die Geschichte nicht so ungewöhnlich wäre: Allein die Bildgestaltung durch Hannes Hubach ist preiswürdig. Der Kameramann, ohnehin einer der Besten seines Fachs, hat die Bar, in der Mia abends hinter der Theke steht, in ein farbenfrohes Licht getaucht, und auch ihre etwas chaotische Wohnung wirkt dank Einrichtung und Wandfarben sehr lebendig. Ähnliches Renommee wie Hubach genießt Ingo Ludwig Frenzel, der für den Film eine oft an Tangerine Dream erinnernde und perfekt passende Musik komponiert hat. Gegenentwurf zu Mias kunterbunter Fröhlichkeit ist das Dasein ihres versumpften Nachbarn Kristof (Hans-Jochen Wagner), der seine Tage rauchend und in offenbar stets demselben Unterhemd am Fenster verbringt und unfreiwillig zu Mias Helfer im Kampf gegen die Dämonen wird.

Die Zeichentrickelemente sind dem typischen Anime-Stil nachempfunden und nahtlos in die Realfilmszenen integriert. Eindrucksvoll sind vor allem die nahtlosen Übergänge, wenn die Bilder aus dem Manga zur Serie lebendig werden oder die tanzende Mia zur Anime-Figur Kimiko wird. Optisch wie akustisch arbeitet der Film zudem mehrfach mit Verfremdungen, die verdeutlichen, wie Mia immer mehr aus der Spur gerät. Diese Effekte haben mitunter eine verblüffende Wirkung, wenn sie etwa beim Blick in den Spiegel feststellt, dass sich die Asynchronität ihrer Psyche in asynchronen Lippenbewegungen äußert. Krönung des Films aber ist die Hauptdarstellerin Victoria Schulz, die buchstäblich energiegeladen agiert.

Aus epd medien 23/21 vom 11. Juni 2021

Tilmann Gangloff