Fiebriges Tempo

VOR-SICHT: "Tatort: In der Familie", zweiteiliger Krimi, Regie: Dominik Graf, Pia Strietmann Buch: Bernd Lange, Kamera: Henrik A. Kley, Florian Emmerich, Produktion: Xfilme Creative Pool (ARD/WDR/BR, 29.11.20, 20.15-21.45 Uhr und 6.12.20, 20.15-21.45 Uhr)

Für den Jubiläums-"Tatort" haben sich WDR und BR zusammengetan, wir sehen dem Dortmunder Team um Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt) und Nora Dalay (Aylin Tezel) ebenso bei der Arbeit zu wie den beiden Münchner Kommissaren Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl). Beide Teams kommen in beiden Filmen vor, es wird also hin- und hergereist, aber Dortmund und München bleiben nicht die einzigen Schauplätze, es geht bis weit in den Süden nach Italien, denn es handelt sich um einen Mafia-Film.

"In der Familie" ist ein anspielungsreicher Titel, nennt sich doch die Mafia selbst "Familie", und diese "Tatort"-Doppelfolge stellt die Frage: Wie kommt eine ganz normale Dortmunder Familie mit Vater, Mutter, Kind, die sich im mafiösen Netz verfangen hat, aus der Nummer wieder raus? Um es vorwegzunehmen: gar nicht. Die beiden Filme erzählen eine Tragödie in mehreren Akten und mit viel action. Spannung und Stimmung sind dem Jubiläum angemessen: atemberaubend.

In einem unscheinbaren Dortmunder Wohnviertel betreibt die Familie Modica ein italienisches Restaurant. Man kann nicht sagen, dass der Laden brummt, aber die Eltern Luca (Beniamino Brogi) und Juliane (Antje Traue) mit herangewachsener Tochter Sofia (Emma Preisendanz) leben auf mittelgroßem Fuß, es ist immer genug Geld da, obwohl der Umsatz nicht stimmt. Und das liegt daran, dass auf dem Hof dieses Betriebs jeden Monat von einem Transporter ziemlich viele Kisten abgeladen werden, die bald darauf von einem anderen Transporter wieder abgeholt werden, dass also der Hof ein Umschlaglatz für Drogen ist und das Restaurant ein Ort für Geldwäsche.

Dahinter steckt die 'Ndrangheta, die kalabrische Filiale der Mafia, der Luca Modica familiär zugehört. Er hat einst in großer finanzieller Bedrängnis mit seiner Frau und der damals zweijährigen Sofia das Angebot der "Familie", ins Geschäft einzusteigen, nicht ablehnen können, und es ist über viele Jahre gutgegangen. Zwar hat sich die Tochter manchmal gefragt, wie es kommt, dass Mutter und Vater sich so manches leisten können, ohne dass ihrer Betrieb floriert, aber egal. Und die Eltern werden sich manchmal gefragt haben, wie lange das noch so weiter gehen kann, dass sie ihre Lebenshaltungskosten als Einbauteil eines Drogenrings bestreiten, aber sie werden sich geantwortet haben: Egal. Geht doch.

Bis eines Tages Pippo (Emiliano de Martino) vor der Tür steht. Und darauf besteht zu bleiben. Und das kam so: Der Film beginnt in München. Wir sehen einen Dealer - er ist schwarz und offenbar in das Revier eines Konkurrenten eingebrochen, sein Leben endet in den ersten Filmminuten. Ein Messer wird ihm in den Bauch gestoßen - der Mörder, der sein Revier mit dieser Tat verteidigt, ist jener Pippo, der zur "Familie" gehört und mit Luca Modica verwandt ist. Die Polizei tritt auf den Plan, Batic und Leitmayr ermitteln, Pippo sieht sich im Fadenkreuz und flüchtet nach Dortmund. Bei seinen Angehörigen, den Modicas, findet er Unterschlupf. Luca nimmt ihn auf, ohne zu fragen, das ziemt sich so in der "Familie". Juliane ist nicht begeistert, zumal Pippo nicht sagen kann, wie lange er bleibt.

Jetzt ist die "Familie" in die Familie Modica eingebrochen, eine Atmosphäre der unausgesprochenen Drohung entsteht. Das Heim wird unheimlich. Auch aufseiten der Polizei gibt es eine Art Familientreffen: Die Münchner Ermittler folgen den Spuren ihres Verdächtigen nach Dortmund und tauchen dort im Revier auf. Man berät gemeinsam die Lage. Die Verdächtigen sind im Visier, der Drogenumschlagplatz auf dem Hof des Restaurants wird ausgespäht, und man überlegt eine Strategie. Könnte nicht Nora Dalay aus dem Dortmunder Team sich an Juliane Modica heranmachen? Ihr Vertrauen erschleichen und diese Frau, die man zu Recht als eine Bedrängnis geratene, verzweifelte und entsprechend auskunftsbereite Person ansieht, zu Aussagen verführen?

Das Polizeirevier als Umschlagplatz für soziale, rechtliche und kompetenzmäßige Konflikte rückt jetzt in den Mittelpunkt, und dieser Kampf um Möglichkeiten und Grenzen der verdeckten Ermittlung, ergänzt um den Hickhack zwischen Dortmundern und Bayern - die Münchner werden von den Westfalen "Kasper und Seppl" genannt - ist das Herz des ersten Teils des Doppel-"Tatorts". Es ist ein klassischer Polizeifilm nach Grafscher Manier mit viel schönem Pathos, aber auch Augenzwinkern, dominiert von jener Melancholie, die entsteht, wenn die Cops mit ihren beschränkten Mitteln und ihren stetigen Rücksichten auf Regularien dem großen internationalen Verbrechen gegenüberstehen.

Regisseur Dominik Graf sagte in einem Interview zu seinem Film, die "Krake" der Mafia treffe hier auf das "Klein-Klein" des normalen, seinen Normen unterworfenen Polizeiapparates, und darin liege die Dramatik. Die hat er nach den Regeln der Kunst meisterhaft ins Film-Leben gebracht, wozu das ausgezeichnete Drehbuch von Bernd Lange das Seine beigetragen hat.

Der Jubiläums-"Tatort" musste natürlich ein möglichst großes Feld der Tatort-Regionen umfassen, konnte nicht in nur einer Stadt oder an nur einem Revier spielen, und das wurde hier durch die erzwungene Kooperation der Münchner mit den Dortmundern umgesetzt. Zugleich musste der Film irgendwie die Reichweite und den Stil der Grundidee des "Tatort" beibehalten, also realistisch, regional und aktuell sein, und auch diese Aufgabe wurde erfüllt. Darüber hinaus aber zeigt der erste Teil den wohl grausamsten Mord der gesamten "Tatort"-Geschichte und setzt damit einen neuen Höhepunkt.

Der Mord schockiert auch die Polizei. Luca Modica flieht mit Pippo und Tochter Sofia nach München. Die Tochter wähnt die Mutter untergetaucht und versucht ständig, mit ihr per Smartphone in Kontakt zu treten, was sie aber natürlich nicht darf, denn es gilt, alle Spuren zu verwischen.

An der Isar tritt der Pate Palladio (Paolo Sassanelli) in Aktion, er hat andere Sorgen, als sich um die Flüchtigen zu kümmern, muss er doch eine Meng Drogengeld in der Bauwirtschaft waschen. Dafür braucht er Fußvolk, und er setzt die Modicas entsprechend ein. Das Mädchen soll, so wird es angedeutet, für die Prostitution klar gemacht werden. Aber das klappt nicht. Sofia nämlich kann schießen.

Batic und Leitmayr sind jetzt wieder im heimischen Umfeld tätig, wo sie ihre natürliche Würde ausstrahlen und nicht mehr "Kasper und Seppl" genannt werden. Dieser zweite Teil gehört ganz der Figur Sofia und der Schauspielerin Emma Preisendanz, die eine reife Leistung abliefert. Pia Strietmann hat den Film nach Art eines klassischen Mafia-Thrillers mit intensiven Charakterstudien (Sofia, Pate Palladio) grandios inszeniert, das Drehbuch stammt wieder von Bernd Lange.

Der Film hat ein fiebriges Tempo, passend zur inneren Befindlichkeit der Hauptfigur, er zeigt brutale Gewaltszenen, ohne die ein Mafia-Film nicht auskommt, schafft jedoch auch Zonen der zwanghaften Stille und Atemlosigkeit, in denen das Unheil brütet. Der Hommage an den "Tatort", den ja beide Teile feiern sollen, wird dadurch entsprochen, dass die Dortmunder Kommissare dramaturgisch auch in diesen Münchner Teil eingebunden sind, sie also diesmal als Gäste in einer fremden Umgebung ihre Aufgabe erfüllen müssen.

Das Pathos des "Tatorts", wenn man sich denn darauf einigen kann, dass es existiert, liegt darin, dass die Filme dieser Reihe in den meisten Fällen ein Ende nehmen, in denen die Macht von Recht und Gesetz mit all dem polizeilichen "Klein-Klein" über die anarchische Gewalt des Verbrechens, über die "Krake" des kriminellen Untergrunds, triumphiert. Darin liegt letzten Endes auch die Faszination dieser gelungenen Doppelfolge.

Aus epd medien 48/20 vom 27. November 2020

Barbara Sichtermann