Fest der Diversität

VOR-SICHT: "24h Europe - The Next Generation", Dokumentation, Regie und Buch: Britt Beyer, Vassili Silovic, Produktion: Zero One 24, Idéale Audience (Arte/RBB/SWR/BR/RTBF/CT/YLE, 4.5.19, 6.00 Uhr bis 5.5.19, 6.00 Uhr)

Eine Vermessung von Europa, eine Vermessung in Europa. Ganz im Osten, in Magnitogorsk am Ural lebt Andrey (28), er ist Stahlarbeiter, arbeitet in einem Kombinat mit 18.000 Mitarbeitern. Seine Wohnung liegt in Europa, das Stahlwerk in Asien. Ganz im Westen liegt Cosquin in Nordirland, hier bewirtschaftet Gordon (23) eine Farm. Falls der Brexit eine Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland zieht, liegen seine Felder und Weiden je zur Hälfte innerhalb und außerhalb der EU.

Weit im Norden, in Finnland, lebt der Fotograf Ville (25), er fotografiert Tiere, ist am Telefon sehr wortkarg und wird seinen Grund haben, warum er lieber Tiere als Menschen fotografiert. Und im Süden liegt die berühmte Außengrenze der EU, das Mittelmeer. Hier kreuzt die "Seawatch 3" und rettet Geflüchtete aus seeuntüchtigen Schlauchbooten. Chloe (25) aus Deutschland organisiert die Betreuung der Menschen auf dem Schiff, sie hat für ihr Engagement ihr Studium unterbrochen.

Vier Himmelsrichtungen, vier Grenzen, vier Menschen. Das TV-Projekt "24h Europe" liefert ein Bild von Europa, wie wir es aus dieser Perspektive sonst kaum einmal sehen, jedenfalls nicht in diesem großen Zugriff. Es zeigt den Kontinent von unten, aus der Sicht derer, die in den kommenden Jahrzehnten Europa prägen und gestalten werden. Ein Blick durch die Augen der Jungen. Keiner der Protagonisten ist über 30, "The Next Generation". Europa wird hier außerdem nicht aus der Perspektive der EU betrachtet, sondern aus der Perspektive des geografischen Europa vom Ural bis an den Atlantik. Die Doku rekonstruiert den Makrokosmos Europa aus dem Mikrokosmos, aus der Perspektive des Alltags. Der ist manchmal banal und manchmal aufregend. Wenn es sich gut trifft, laufen im Kleinen die großen Dramen ab.

"24 h Europa" ist das inzwischen vierte Projekt in diesem Format, das auf der Idee beruht, von gesellschaftlichem und individuellem Leben in Momentaufnahmen zu erzählen. 24 Stunden lang den Menschen beim Leben zuschauen und das dann ein Jahr später in einem Fernsehtag von 24 Stunden parallel filmisch zu erzählen. "24h Berlin" wurde vor zehn Jahren aufgelegt, das Porträt einer Stadt, 20 Jahre nach der Wiedervereinigung. Es folgten "24h Jerusalem" (2013), das Porträt einer Stadt in ihrer konfliktreichen Dynamik, dann "24h Bayern" (2017), erstmals die Sicht auf einen Flächenstaat, und nun mit "24h Europe" der Blick auf einen ganzen Kontinent.

Wie bei allen anderen Projekten waren den Drehs gründliche Studien und Recherchen vorausgegangen: Fakten, Zahlen, Trends. Auf Basis der EBU-Jugendstudie "Generation What?" wurden die zentralen Trends fixiert: Mobilität, Urbanisierung, Jugendarbeitslosigkeit, Krise Europas, Brexit, Aufkommen der Rechten. Dazu suchten dann die Rechercheure in den Ländern die Protagonisten aus. Sie sollten nicht nur für sich stehen, sondern eben auch für bestimmte Trends und Themen.

Das hört sich akademisch und konstruiert an - und ist es in der filmischen Umsetzung keine Sekunde lang. Es ist die Stärke dieses Formats, dass es die Protagonisten in den Mittelpunkt stellt. Ihre Geschichten zählen. Und die erzählt der Film vornehmlich in Gegensätzen, oft hart aneinander geschnitten und einander kommentierend. Die Kosmopolitin aus London und der arme Bauernjunge aus Bulgarien. Hier die Jugendlichen in Polen, die in paramilitärischen Verbänden und mit nationalistischem Auftritt Krieg spielen, da die beiden polnischen Frauen, die mit ihrer Bewegung "Polnischer Frauenstreik" für mehr Frauenrechte im konservativen Polen streiten. In Italien das lebhafte, überbordende Familienleben, dagegen die Einsamkeit des jungen Hummerfischers in Schottland. In München ein Geflüchteter, der eine Spenglerlehre absolviert, und in Berlin der Gründer eines Start-ups, der sich gedanklich nur noch in Digitalien aufhält.

Man begegnet diesen Protagonisten im Lauf der 24 Stunden immer wieder in verschiedenen Situationen, manchmal länger, manchmal nur in einer Momentaufnahme. Die Szenen setzen sich allmählich zu Porträts zusammen. Die Kamera gibt keinen verloren, auch nicht Almerigo, den italienischen Neofaschisten. Sie gibt ihm Raum zur Selbstdarstellung, stellt aber seinen rechtsradikalen Setzungen in der szenischen Montage etwas entgegen, die Szenen auf Seawatch 3 etwa.

In den Episoden, die sich in der Montage gegenseitig kommentierten, müssen wir Zuschauer uns das Urteil selbst bilden. Nicht immer geht der Transfer vom Kleinen ins Große auf, nicht alles verweist unmittelbar auf das Zentralthema Europa. Es werden aber doch überraschend oft und überraschend direkt auch politische Fragen aufgeworfen. Hier Ibrahim (30) in Südfrankreich, der Medikamente ausfährt und sich selbst als Salafisten bezeichnet. Er beruft sich auf die französische "Liberté", interpretiert sie aber so, dass er als Mann bestimmt, wann und wem sich die Frauen in seiner Familie zeigen dürfen. Dort Astrid (25) aus Norwegen, die das Massaker auf Utoya überlebte und sich weiter politisch engagiert - eine wirklich eindrucksvolle Persönlichkeit. Was man auch von Sandor (25) sagen muss, dem jungen Roma aus einem Dorf im Norden Ungarns, der unter ärmlichsten Verhältnissen lebt, aber studiert, um als Lehrer seinen jungen Landsleuten ein Vorbild sein zu können.

"Multipolares Netzwerk" nennt die Produktionsfirma Zero One die dramaturgische Struktur dieses Fernsehtages. Zentrum des Multipolaren ist der Dreh in Echtzeit. Was auch bedeutet, dass viele filmische Erzählmittel ausfallen: Zeitraffer, Zeitlupe, Rückblick, Vorschau. Beobachten ist die Hauptaufgabe. Ein paar Regeln galten für alle 45 Teams: kein künstliches Licht, Handkamera, keine Inszenierungen.

Bei aller Planung und Konstruktion ist "24 h Europa" ganz dem Augenblick verpflichtet und dem Individuellen. Das erlaubt immer wieder auch Seitenblicke. So etwa eine Priesterweihe im belgischen Naumur, wo der Kandidat bei der Probe des Rituals gefilmt wird, was aufschlussreicher ist als das Ritual selbst.

Im Vergleich zu "Berlin 24h" etwa ist dieses Format bei aller Kleinteiligkeit schlanker und kompakter, es verzichtet auf erzählerische Mätzchen und bleibt für den Zuschauer sehr übersichtlich. Wo die Originalszenen der Erklärung und Einordnung bedürfen, hilft ein unaufdringlicher Kommentartext weiter. Auch im Rhythmus hält der Film den Zuschauer aufmerksam. Die einzige wirkliche Schwachstelle ist die Musik - ein weitgehend uninspirierter Sound legt sich vor allem über die Landschaftspassagen und nervt, jedenfalls gilt das für die gesichteten Programmstunden. Der Sound ist weder regional noch irgendwie sonst zuzuordnen, mit Jugend hat das auch nicht viel zu tun, hört sich meist an wie Kaufhausmusik. Schade.

Das schmälert den Gewinn freilich nur in Maßen. Man muss sich aber auf das Format einlassen, auf dieses große Puzzle, darf kein glattes Bild erwarten und keine fertigen Ansichten. Man muss den Menschen und ihren Lebensverhältnissen schon folgen wollen. Sich mit der Aussteigerin Domenika (27) in Ungarn und ihrer Lebensweise befassen ebenso wie mit Joana (27) in Lissabon, die keine vernünftige Arbeit findet und sich als Tuk-Tuk-Fahrerin für Touristen über Wasser hält. Und wieder erzählt dann die Montage die Zusammenhänge. Vielleicht wird Joana einmal aus ihrem Land weggehen wie Verica (26) aus Belgrad. Die konnte in Serbien keinen vernünftigen Job im Krankenhaus finden und geht nun als Chirurgin in die bayrische Provinz.

"24h Europe" ist ein Programm der Gegensätze und Bruchlinien, zugleich ein Fest der Diversität, ein Lob der Vielfalt. Vor allem aber eines über die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, die einen immer wieder staunen lässt. Man wundert sich, wie so gegensätzliche Lebensverhältnisse zueinander passen sollen. Wir sehen eine Generation, für die ein Europa der offenen Grenzen etwas Selbstverständliches ist, die sich aber auch darin eingerichtet hat (das sind nicht die Kinder von Fridays for Future). "24h Europe" hilft, ein wenig von außen auf die europäische Gegenwart zu schauen, auf ein sehr heterogenes Europa, in dem immer wieder die soziale Frage durchkommt, ein Europa, das erkämpft werden muss. Mit hoffnungsvollen Geschichten - aber auch solchen, die befürchten lassen, dieses Europa könnte an seinen Widersprüchen scheitern.

Dass Europa nicht scheitern möge, das freilich ist das Anliegen dieses großen Fernsehprojekts. Es wird am 4. Mai ganztägig bei Arte ausgestrahlt, auch Dritte Programme der ARD zeigen das ganze Programm oder später Teile daraus. Der Sendetag wird 60 Tage lang in den Mediatheken stehen, die Filme werden in sechs verschiedenen Sprachen im Netz zugänglich gemacht. Ein wahrhaft europäisches Projekt. Und ein Highlight des Mediums Fernsehens.

Aus epd medien 18/19 vom 3. Mai 2019

Fritz Wolf