Fast ein Familienunternehmen

VOR-SICHT: "Grenzland", Fernsehfilm, Regie: Marvin Kren, Buch: Konstanze Breitebner, Kamera: Georg Geutebrück, Produktion: Graf Filmproduktion (ZDF/ORF, 20.5.19, 20.15-21.45 Uhr)

Ins Burgenland, nah an die Grenze zu Ungarn, geht es mit diesem zwölften Film der "Landkrimi"-Reihe aus Österreich. Seit 2015 werden die "Landkrimis" produziert, die in den verschiedenen Bundesländern Österreichs spielen. Die einzelnen Episoden sind in sich abgeschlossen, nicht auf Fortsetzung angelegt, deshalb wechseln mit jedem Film sowohl die Ermittler als auch die Autoren und Regisseure. Alle Filme aber eint dasselbe Konzept: Im Mittelpunkt steht nicht der Kriminalfall, der ist eher dramatischer Anlass, um aus der jeweiligen Region zu erzählen, die Charaktere ihrer Bewohner in den Vordergrund zu rücken und sie, vor allem, in ihrer Mundart sprechen zu lassen.

Im Burgenland ist dieser Kriminalfall der Mord an einem jungen Mädchen, der 18-jährigen, seit ihrer Geburt gehörlosen Renate Horvath (Sophie Stockinger). Und die Frau Chefinspektorin (Brigitte Kren), die eben noch gemütlich mit ihrem Mann (Wolfram Berger) und einer schnurrenden Katze im Bett gelegen hat, wird per Telefon an den "Auffindungsort" der Leiche gerufen. Jeder im Dorf kannte Renate, die zwar weder hören noch sprechen, dafür aber - wie man später erfährt - sehr gut zeichnen konnte. Und fast jeder im Dorf glaubt auch schon zu wissen, wer sie ermordet hat: Achmet (Hassan Akkouch), ein Syrer, mit dem sie befreundet war. Er gehört, wie es aus einem Dorfbewohner herausplatzt, zu den "Tausenden von unbegleiteten Minderjährigen, die 2015 da über die Grenze herein marschiert sind. Und jetzt bringen's unsere Madln um". Für die meisten im Dorf spricht alles gegen diesen Syrer: Er hat einen negativen Asylbescheid bekommen, ist auch mal jähzornig auf einen vermeintlichen Rivalen losgegangen und jetzt spurlos verschwunden.

Es sind aber nicht alle so feindselig in diesem Dorf: Die Asylbewerber sind in einem zum Flüchtlingsheim umgewandelten Hotel untergebracht, in dem auch die Frau Chefinspektorin übernachten muss. Und wie sie sich angezogen, mit ihren Stiefeln, aufs Bett legt, misstrauisch die Tür abschließt und das freundlich angebotene Abendessen des Heimleiters - "Couscous mit Hendl" - ablehnt ("Danke, des mog i net. I hab's net so mit Multikultiküche"), ist von boshafter Komik: Diese Frau ist nicht als sympathische oder gar mitfühlende Figur angelegt: Sie ist barsch und skeptisch, kein "Gutmensch", der aus Prinzip Partei für Underdogs ergreift. Zumal sie auch noch von Achmet, der sich beim Dolmetscher (Sami Nasser) versteckt hat, niedergeschlagen wird. Der dicke Revierinspektor Boandl (Christoph F. Krutzler) verfolgt den Flüchtigen. Und als er ihn zum Verhör aufs Revier bringt, schaltet die Frau Chefinspektorin erst die Kamera aus, dann ohrfeigt sie Achmet zweimal kräftig und sagt: "So. Jetzt samma quitt."

Weil aber Achmet nicht "kooperiert" und überdies "Widerstand gegen die Staatsgewalt" geleistet hat, wird er in die Arrestzelle in Boandls Revier gesperrt. In seiner naiven Wichtigtuerei berichtet Boandl beim Bier im Wirtshaus, dass Achmet "bis morgen früh" in der Zelle sitzt. Und es kommt, wie es kommen muss, wie man es auch aus vielen Filmen kennt: der Lynchmob aus dem Dorf rottet sich zusammen und wirft Brandflaschen ins Revier. Achmet kann aber im allgemeinen Durcheinander fliehen, der Lynchmob ist hinter ihm her - und der zuvor so unaufgeregte, stimmungsvoll inszenierte Krimi wird unversehens zu einem Western: Jagdszenen im Burgenland, die für einen der Beteiligten tödlich enden.

"Grenzland" könnte man fast ein Familienunternehmen nennen. Denn Marvin Kren, der Regisseur, bestens bekannt als einer der Regisseure von "4 Blocks", "Berlin 1", drei "Tatort"-Episoden ("Kaltstart", "Die Feigheit des Löwen" und "Die letzte Wiesn"), inszeniert in der Figur der Chefinspektorin seine Mutter. Die wiederum kennt man, unter anderem, aus "Vier Frauen und ein Todesfall". Aber wie hier Mutter und Sohn zusammenarbeiten, ist ganz besonders sehenswert. Die Mischung aus Zärtlichkeit in den harmonisch humorvollen Szenen einer Ehe, und der im Beruf der Polizistin erworbene Pragmatismus, die notwendige Härte im Umgang mit Verdächtigen und Schuldigen, findet in diesem Landkrimi ein gut austariertes Gleichgewicht. Schade, dass im Konzept der Landkrimis nicht vorgesehen ist, dieselben Figuren mehrmals zu beschäftigen. Könnte man mit Brigitte und Marvin Kren nicht eine Ausnahme machen?

Aus epd medien 20/19 vom 17. Mai 2019

Sybille Simon-Zülch