Endzeiterleben

VOR-SICHT: "8 Tage", achtteilige Serie, Regie: Stefan Ruzowitzky, Michael Krummenacher, Buch: Peter Kocyla, Rafael Parente, Benjamin Seiler, Kamera: Benedict Neuenfels, Jakob Wiessner, Produktion: Neuesuper GmbH (Sky1 HD, ab 1.3., 20.15-21.50 Uhr)

Die Welt geht unter. Wieder mal. Um kaputt zu kriegen, was Gott in sieben Tagen schuf, braucht Bezahlsender Sky einen Tag länger - Sendetitel: "8 Tage". Am achten Tag soll ein gewaltiger Asteroid bei La Rochelle einschlagen, ganz Europa sofort auslöschen und den Rest der Welt verdunkeln. Ob der himmlische Brocken seine Flugbahn in letzter Minute ändert oder ihn eine Atomrakete doch noch pulverisiert, wird der geneigte Zuschauer wohl erst in Folge acht erfahren. Häufig ist das bei solchen Filmen ja kurz vor knapp der Fall. Da sich der Zuschauer mit den Hauptfiguren identifiziert, will einem die Unterhaltungsindustrie ihren Tod oft doch nicht antun.

Hier steht die sympathische Familie Steiner im Mittelpunkt: Mutter, Vater und zwei Kinder: Mutter Susanne (Christiane Paul) ist Ärztin, Vater Uli Physiker (Mark Waschke), die Tochter Lenoie (Lena Klenke) in der Pubertät und der kleine Junge, der sein Haustier retten möchte, niedlich. Dass die übrigen, oft ebenfalls mit bekannten und beliebten TV-Schauspielern besetzten Figuren, irgendwie alle mit dieser Familie verwandt, bekannt oder befreundet sind, versteht man erst nach und nach.

Da wären vor allem: Susannes Vater, gespielt von Henry Hübchen. Der Ex-NVA-Soldat ist heimlich schwul und macht sich kurz vor Weltende auf die Suche nach seiner großen männlichen Jugendliebe. Susannes Bruder Herrmann (Fabian Hinrichs) ist Referent bei der Regierung, ein Unsympath mit hochschwangerer Freundin (Nora Waldstätten). Ferner gibt es einen durchgeknallten Privatbunkerbauer (Devid Striesow), dessen Tochter Nora (Luisa-Céline Gaffron) mit Leonie befreundet ist. Und dann ist da noch der gut aussehende, gut gebaute Polizist Deniz (Murathan Muslu), der in so einer Art One-Man-Show versucht, Recht und Ordnung aufrecht zu erhalten, als seine Kollegen längst stiften gegangen sind - ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss! Einen Untergangsapostel beziehungsweise Messias gibt es natürlich auch.

Folge für Folge folgt man diesem Figurenensemble Erzählbröckchen für Erzählbröckchen durchs Endzeiterleben. Wobei: Vom inneren Erleben der Menschen erfährt man eher wenig. Die Serie ist handlungsgetrieben. Und dann und dann und dann. An den Figuren werden die erwartbaren Reaktionsmuster durchdekliniert. Die einen versuchen, sich und die Ihren irgendwie zu retten, wobei der Mensch dann schnell zu des Nächsten Wolf mutiert. Andere versuchen, Versäumtes nachzuholen und verbrennen ihr bisheriges Leben auf dem Scheiterhaufen. Und die Übernächsten machen angesichts der aussichtslosen Lage einfach Party und wollen Sex. Überhaupt: Sex. Homosexuelle Sex-Szenen sieht man im Gegensatz zu heterosexuellen im TV nach wie vor derart selten, das darauf hingewiesen sein soll, dass Folge fünf mit einer sehr "expliziten" Szene beginnt.

Die Fakten - was macht der Himmelskörper? Welche Maßnahmen werden von den Staaten ergriffen? Wie verhalten sich die Menschen? - lässt man hier Radio und Fernsehen erzählen. Der Zuschauer erfährt die Dinge so, wie die Betroffenen sie erfahren. Kein origineller Trick, aber er entlastet die Handlung effektiv von lästigen Erklärsequenzen. Die Idee, einen typischen Weltuntergangsfilm mal einzudeutschen, ist nicht schlecht. Denn der Anblick eines brennenden Bundeskanzleramts berührt unangenehmer als ein Weißes Haus in Schutt und Asche, selbst wenn das Bild ohne Hollywood-Etat technisch weniger beeindruckt. Auch gehen einen Fernsehfilm-Deutsche mehr an als typische US-Filmcharaktere. Mancher Einfall ist originell - nichts wie raus mit der hässlichen Zahnspange, Investitionen in künftige Schönheit lohnen nun nicht mehr. Doch insgesamt bleibt die Serie in den erwartbaren Grenzen des Genres einerseits und der deutschen Fernsehfiktion andererseits.

Um für sein Event zu werben, kaufte Sky acht Tage vor Beginn der Ausstrahlung die Titelseiten von deutschen Boulevardzeitungen und ließ von "Hamburger Morgenpost", "Berliner Kurier", "tz" und "Express" täuschend echte Frontseiten drucken mit apokalyptischen Headlines wie: "Asteroid trifft Erde", "War's das?", "Ende?" oder "8 Tage bis zum Einschlag" nebst einschlägiger Bebilderung. Auf die Idee, solche "Fake News" zu initiieren, war der Sender auch noch stolz und verschickte eine Pressemitteilung über seinen vermeintlichen PR-Coup, dem er den Namen "8-Tage-Titel-Hijack" gab. Ein Weltuntergang ist es zwar nicht, dass so viele deutsche Zeitungen inzwischen nur noch so wenig von sich und ihrer Verpflichtung zur Wahrheit halten, dass sie ihre Titelseiten für derartigen Quatsch verkaufen - Hauptsache, es kommt Geld in die Kasse. Im Gegensatz zu einem Pseudo-Weltuntergang ist das aber ein wirkliches Problem.

Aus epd medien 9/19 vom 1. März 2019

Andrea Kaiser