Endlich Freitag auf Arte

VOR-SICHT: "Für immer Eltern", Komödie, Regie: Florian Schwarz, Buch: Peter Probst, Kamera: Philipp Sichler, Produktion: FFP New Media (Arte/ZDF, 19.3.21, 20.15-21.45 Uhr)

Hört man nicht immer wieder, dass Kinder heute später von zu Hause ausziehen als noch vor ein paar Jahrzehnten? Dass ein Vierteljahrhundert bei Mama und Papa längst keine Seltenheit mehr ist? Mal ist der Abnabelungswunsch angesichts kumpelhafter Eltern weniger dringend, mal die berufliche Perspektive unsicher. Und gerade in Großstädten, wo die Mieten für Auszubildende oder Berufseinsteiger kaum mehr zu bezahlen sind, ist der Auszug auch eine Frage des Geldes. "Für immer Eltern", im teuren München angesiedelt, erzählt von einem Rückkehrer ins sogenannte Hotel Mama und will dabei offensichtlich sehr "aus dem Leben gegriffen" wirken.

Anja Schneider und Devid Striesow spielen die Eltern Anja und Michael Wagner, die gerade vom Land zurück in eine Stadtwohnung gezogen sind, was sie einander beim Einzug zuschauerfreundlich noch einmal erzählen: "Keine Kuhglocken mehr, keine Kreissägen morgens um sechs, keine Blasmusik am Sonntag", frohlockt er. "Dafür Kino", streut sie ein, und er wieder: "Freunde um die Ecke. Sex auf'm Teppich." Sie: "Dass die Kinder aus'm Haus sind, tut auch nicht mehr weh." Er: "Absolut nicht."

Gerade als die beiden sich aber tatsächlich zum Sex am Wohnzimmertisch in Stellung bringen, steht Sohn Niklas (Max Schimmelpfennig) in der Tür. Der Referendar an einer Mittelschule ist frisch aus seinem WG-Zimmer geflogen und begehrt wieder Einlass ins elterliche Nest - vorübergehend natürlich, nur ein paar Tage bis zur Prüfung. Ach ja, und sein Hausstand samt Schlagzeug muss auch noch abgeholt werden, sonst bringen seine fiesen Ex-Mitbewohner die Sachen ins Sozialkaufhaus. Der Lebensnähe-Anspruch zeigt sich nun unter anderem in zahlreichen Kühlschrank-, Küchentisch-, Badezimmer-, Putz-, Wasch- und Bügel-Szenen - Familienalltag im ganz Kleinen, heruntergebrochen auf Organisatorisches. Diesem beiläufigen Ansatz steht allerdings eine im Sinne des komödiantischen Effekts zugespitzte Figurenzeichnung entgegen.

Das beginnt bei Niklas selbst: Der junge Mann, der in Schlappen, Shorts und T-Shirt unterrichtet und zu Hause gern halb nackt rumläuft, ist so verpeilt, dass er nicht nur ständig zu spät in der Schule erscheint, nein, ihm fallen auch andauernd Sachen runter, Weinflaschen und Bilderrahmen zum Beispiel. Zwar hat der angehende Pädagoge den coolen Bauwagenfreund Robby (Nils Hohenhövel), bei dem er auf 'ne Bong vorbeischauen kann - aber eben kein WG-taugliches Sozialverhalten. Einmal lässt er sich in der elterlichen Wohnung eine Badewanne ein, ist aber derart grunderschöpft, dass er das laufende Wasser vergisst und einschläft. "Niedrigenergietyp" nennt ihn daher seine Freundin Alina (Anouk Elias), die vorübergehend auch noch einzieht. Immerhin, die Libido ist (auch hier) noch intakt.

Die Szenen mit Alina zählen zu der Handvoll hübscher humoristischer Einlagen, die der Film zu bieten hat: Wie sie, deren Anwesenheit sich die nächtens heimkehrenden Wagners zunächst anhand des lauten Stöhnens aus dem Gästezimmer herleiten können (Vater Michael: "Das ist aber sehr emotional"), am nächsten Morgen in einem Werbe-T-Shirt von Michaels Versicherungsarbeitgeber in der Küche aufscheint, das hat eine fast französische Leichtigkeit. Es bleibt aber leider Episode: Alina verlässt das Haus im Streit und entschwebt zum Erasmus-Stipendium nach Lissabon. Kein Wunder, dass Niklas wenig später seine Lehrprobe verbockt, indem er statt eines Lehrfilms versehentlich Bilder von sich selbst beim Komasaufen an die Wand wirft.

Das Stilmittel der überspitzten Figurenzeichnung findet auch bei Niklas' Schwester Anwendung: Als Anlageberaterin betreut Stella (Pauline Fusban) "Mandate für Beteiligungsgesellschaften und Private Equity", wie Michael nach einem Videocall mit ihr stolz erwähnt - eine Business-Überfliegerin als Gegenpol zum Hänger-Bruder. Wobei sich die Geschwister, wie sich bei einem Besuch Stellas zeigt, bestens verstehen. Das Familienbild des Drehbuchs geht klar in Richtung "Blut ist dicker als Wasser".

Dennoch erfordert es die Dramaturgie, dass beim Problemsohn ein Erkenntnisprozess einsetzt. Nach etwa einer Filmstunde ist ihm klar: "Ich werd kein Lehrer, Papa." Gegenüber Stella formuliert er, was ihn an dem Job so stört: "Warum soll ich 16-Jährige in 'nem Klassenzimmer einsperren, wenn draußen die Sonne scheint?" Und: "Warum darf ich keine Ratten mitnehmen?" Wo die doch so ein interessantes Sozialverhalten haben. Der Junge muss also an die frische Luft, haut erst mal in die Berge ab. Aber auch die besorgten Helikoptereltern haben ihre Lektion zu lernen: wirklich loslassen! Dazu raucht Anja mit Robby einen Joint und klingelt dann bei Dauerflirt Karl (Shenja Lacher). Die vielleicht stärksten - und wirklich lebensechten - Szenen des Films sind jene nach dem Seitensprung, in denen sie mit ihrem Michi nur noch schriftlich, per Zettel auf dem Küchentisch, kommuniziert.

Die Schlusswendungen sollen hier natürlich keinesfalls verraten werden, nur so viel: Es kommen ein Schlagzeug in den Bergen, eine "wegrationalisierte" Erfolgstochter und schon wieder verhinderter Elternsex darin vor. Ein bisschen erinnert das an ein gewisses ARD-Label, das hier abgewandelt "Endlich Freitag auf Arte" lauten könnte.

Aus epd medien 11/21 vom 19. März 2021

Peter Luley