Elterlicher Alptraum

VOR-SICHT: "Totgeschwiegen", Fernsehfilm, Regie: Franziska Schlotterer, Buch: Gwendolyn Bellmann, Franziska Schlotterer, Kamera: Bernd Fischer, Produktion: Studio.TV.Film (ZDF, 21.9.20, 20.15-21.45 Uhr)

Drei Jugendliche sind spät abends auf einer Bank im U-Bahnhof Innsbrucker Platz in Berlin in ihre Smartphones vertieft. Ein Mann, augenscheinlich ein Obdachloser, stellt sich neben dem Trio auf und beginnt zu urinieren. Von seinem Strahl getroffen wird auch Mira (Flora Li Thiemann), die verständlicherweise empört reagiert. Es beginnt eine Auseinandersetzung, deren Verlauf den Zuschauern zunächst verborgen bleibt.

Am nächsten Abend wird in den Fernsehnachrichten verkündet, erneut sei ein Obdachloser in einem U-Bahnhof "gewaltsam zu Tode gekommen". Dazu wird ein Standbild aus dem Überwachungsvideo eingeblendet, das drei Personen von hinten zeigt. Es sind zweifellos Mira und ihre beiden Freunde Fabian (Lenius Jung) und Jakob (David Ali Rashed). Und weil Fabians Jacke ein auffälliges Muster und seine Mutter Brigitte (Katharina Marie Schubert) die blutverschmierte Jacke zuvor im Mülleimer gefunden hatte, weil außerdem Miras Mutter Esther (Claudia Michelsen) den Chat-Dialog der drei Teenager auf dem Smartphone ihrer Tochter liest (während die in der Badewanne liegt), bleibt das schreckliche Ende des U-Bahn-Streits auch den Eltern nicht lange verborgen.

Auf einem sonst komplett leeren U-Bahnhof pinkelt ein Obdachloser ausgerechnet direkt neben den drei friedlichen Jugendlichen? Der Grund für diese anlasslose Provokation bleibt ebenso rätselhaft wie die eskalierende Gewalt der Jugendlichen. Wäre "Totgeschwiegen" ein Krimi, könnte man einwenden, dass die Teenager Verräterisches an Orten verschwinden lassen, an denen die Dinge garantiert gefunden werden. Und dass Überwachungskameras doch wohl mehr verwendbares Bildmaterial aufnehmen dürften. Aber der Film von Franziska Schlotterer und ihrer Co-Autorin Gwendolyn Bellmann ist - Hallelujah! - ausnahmsweise mal kein Krimi, sondern ein "Fernsehfilm der Woche", der diesem Etikett tatsächlich gerecht wird.

Die Polizeiermittlung kommt praktisch nicht vor, auch andere mögliche Aspekte wie der öffentliche Druck durch mediales Schlagzeilensperrfeuer oder die Auswirkungen auf das soziale Umfeld der jungen Täter in der Schule und im Freundeskreis werden nahezu komplett ignoriert. Dass Jakob einmal unkonzentriert beim Training im Fußballverein zu sehen ist, bleibt die Ausnahme.

Die Konsequenz, mit der sich Drehbuch und Inszenierung ganz auf die Familien und ihr Ringen mit der Schuld konzentrieren, ist die besondere Stärke des Films. Sieht man vom Alkohol ab, der enthemmend gewirkt haben dürfte, wird auch den Ursachen des Unerklärlichen nicht wie sonst im deutschen Fernsehfilm akribisch nachgespürt. Esther drängt zum Beispiel ihre Tochter dazu, einen Therapeuten aufzusuchen, aber bei der Therapiestunde - oder der Beichte? - ist das Publikum nicht dabei (was gewiss auch die Spannung aufrechterhalten soll).

Man könnte beklagen, dass sich hier mal wieder alles um Mittelschichtsfamilien dreht, in der Kinder nicht nur Fußball spielen, sondern auch wie Fabian Cello lernen. Dass die Täter vermeintlich "wohlbehütete" Kinder sind, soll wohl die Fallhöhe steigern und die Tat für die Eltern (und das Publikum) noch unbegreiflicher machen. Allerdings gibt es innerhalb der drei Familien durchaus ein erhebliches soziales Gefälle, mit Nele (Laura Tonke), der alleinerziehenden Mutter mit zwei Kindern und zwei Jobs, am Ende der Skala.

In einer schicken Wohnung, die ebenso kühl wirkt wie die Beziehung der dort hausenden Eltern, leben dagegen Patentanwalt Volker (Godehard Giese) und Brigitte als klassische Hausfrau mit ihren beiden Söhnen. Esther führt eine Praxis als Kinderärztin. Ihr Lebensgefährte Jean (Mehdi Nebbou) kann zwar lecker kochen, trägt aber zur materiellen Versorgung wenig bei. Er träumt davon, einen Online-Weinhandel zu gründen. Wohl auch deshalb hat er vor der Tat die drei Jugendlichen vom Rotwein kosten lassen.

Während die Persönlichkeiten der Jugendlichen - sowie auch des Opfers, das somit immerhin kein Klischee-"Penner" bleibt - im Grunde nur skizziert werden, entwickeln Schlotterer und Bellmann ein fein gesponnenes Ensemblestück über Eltern im Ausnahmezustand. Aus dem Dilemma, sich immer schützend vor ihre Kinder stellen zu wollen und ihnen zugleich ein Vorbild an Verantwortungsbewusstsein und Rechtschaffenheit zu sein, gibt es keinen Ausweg.

Der tonangebende Jurist Volker schwört alle darauf ein, nicht zur Polizei zu gehen. Jean hat vernünftige Einwände, findet damit aber kein Gehör. Doch die Schuld der eigenen Kinder einfach totzuschweigen, das funktioniert natürlich nicht. Während die drei Jugendlichen zu erstarren scheinen, gerät in ihrem Elternhaus alles in Bewegung und bricht einiges auf. Die Eltern suchen nach Wegen, wieder zu den ihnen fremd gewordenen Kindern vorzudringen, zugleich verschärfen sich die Konflikte in den Beziehungen.

"Totgeschwiegen" bietet paradoxerweise reichlich Anlass für grundsätzliche und intensive Dialoge. Dennoch wird hier dank der Inszenierung von Franziska Schlotterer viel "gespielt", dürfen Schauspielerinnen und Schauspieler mit Blicken, Gesten und Körperhaltung Akzente setzen, gibt es Raum für Zwischentöne. Angenehm ist auch, dass ab und zu Erwartungen unterlaufen werden: Die angedeutete Sympathie zwischen Volker und Esther wächst sich doch nicht zu einer Affäre aus, und die (fast) immer freundliche Alleinerziehende ist nicht diejenige, die besonders überfordert ist, sondern sie handelt besonders klug und geradlinig.

Aber auch die von Laura Tonke so angenehm unaufgeregt gespielte Übersetzerin Nele, die nebenbei im Café arbeitet, ist erst einmal hin und her gerissen. Irgendwann entschließt sie sich, doch zur Polizei zu gehen, aber als man sie dort warten lässt, überlegt sie es sich wieder anders. Die Hoffnung auf ein nicht ganz so schlimmes Ende dieses elterlichen Alptraums stirbt spätestens, nachdem sich herausstellt, dass der obdachlose Johnny Börschel erstochen wurde. Nun stellt sich die konkrete Frage: Wer war's? Und so wird auch "Totgeschwiegen" doch noch zu einer Art Krimi, allerdings ohne Polizei.
Aus epd medien 38/20 vom 18. September 2020

Thomas Gehringer