Einsamkeit der Macht

VOR-SICHT: "Stunden der Entscheidung. Angela Merkel und die Flüchtlinge", Doku-Drama, Regie: Christian Twente, Buch: Sandra Stöckmann, Marc Brost, Kamera: Martin Christ, Dirk Heuer (ZDF, 4.9.19, 20.15-21.45 Uhr)

Ihren berühmten Satz "Wir schaffen das" spricht die Kanzlerin in diesem Doku-Drama nicht, wie wir es kennen, auf einer Pressekonferenz, sondern sie formuliert ihn in Gedanken, also als inneren Monolog, und zwar komplett: "Deutschland ist ein starkes Land. Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft - wir schaffen das!". Sie sitzt da gerade im Auto und wird zu einem Termin gefahren.

Im Doku-Drama "Stunden der Entscheidung" erzählt Christian Twente von jenem 4. September 2015, an dem Angela Merkel unter dem Druck des Flüchtlingszugs "March of Hope" gemeinsam mit dem damaligen österreichischen Bundeskanzler Werner Faymann die Entscheidung traf, die Flüchtlinge nicht - auf welche gewaltsame Weise auch immer - aufzuhalten, sondern aus humanitären Erwägungen über die offenen Grenzen ins Land zu lassen. Der Satz für diesen Tag ist dieses "Wir schaffen das", das sie allerdings schon Tage zuvor (in der Bundespressekonferenz) ausgesprochen hatte.

Der Film verdichtet die Ereignisse dramaturgisch auf diesen einen Tag und erzählt in einer Parallelführung. Für Merkel herrscht zunächst normaler Kanzlerinnenalltag. Termine in Bayern, eine Unternehmerveranstaltung in Garching, Flug, Wahlkampfveranstaltung in Essen, dann nach Köln, Flug nach Berlin. Zwischendurch schiebt sie sich auch mal eilig ein Brötchen ein. Stets bei ihr ist ihr stellvertretender Büroleiter Bernhard Kotsch, er hat auch was in der Tupperdose. Wie bei Hempels auf dem Sofa.

Parallel die Ereignisse in Ungarn. Seit Tagen lagern schon Flüchtlinge unter unzumutbaren Bedingungen im Budapester Hauptbahnhof. Viktor Orban lässt die Menschen bewusst schlecht behandeln, er will sie schnell wieder loswerden. In dieser Lage gibt es einige Entschlossene, die dafür sorgen, dass die Menschen sich auf den weiten Fußmarsch an die österreichische Grenze und von dort nach Deutschland machen. Ihr Anführer ist Mohammad Zatareih.

Dokumentarisch gestützt wird die Darstellung durch Augen- und Zeitzeugen. Die Journalisten Martin Kaul und Mohamed Amjahid berichteten direkt über die Ereignisse. Als Zeitzeugen aus der Politik fährt der Film jene auf, die sich der Kamera stellen wollten. Der damalige Innenminister Thomas de Maizière ist schwer beeindruckt vom Zug der Flüchtlinge und gelangt zur Erkenntnis, "dass es nicht so leicht ist, Grenzen zu schließen gegen entschlossene Menschen".

Sigmar Gabriel, als Vizekanzler in die Entscheidungsprozesse dieser Nacht eingebunden, bescheinigt der Kanzlerin, sie habe "die Seele Europas gerettet". Der damalige BND-Chef Gerhard Schindler hätte die Grenzen schließen lassen, sagt aber nicht wie.

Peter Tauber, damals CDU-Generalsekretär, fällt mit einer bedenkenswerten Einlassung auf. Politiker, sagte er, hätten an einem solchen Tag viel Routine zu bewältigen, Reden anzuhören und fänden in diesen Routinen auch Zeit, über schwierige Fragen nachzudenken - Profis eben. Zum Personal der Zeitzeugen gehört auch ein österreichischer Gendarmerie-Inspektor, aufgebrezelt in seiner Uniform, dass man denken mag, k.u.k. sei wiederauferstanden.

Andere Protagonisten kommen nur in ihrer fiktionalen Gestalt vor. Allen voran die Kanzlerin, die auch für diesen Film kein Interview gegeben hat. Man sieht sie in den Nachrichtenbildern des Fernsehens bei den diversen öffentlichen Anlässen, und man sieht sie, auch im blauen Blazer, verkörpert von Heike Reichenwallner in Szenen, wo im Normalfall keine Kamera hinkommt.

Peter Altmaier, mit dem Merkel rege kommuniziert, verspricht, er wisse schon, wen er jetzt wegen erforderlicher Sonderzüge anhauen müsse. Beate Baumann, Merkels Büroleiterin, im realen Leben immer im Hintergrund, bekommt hier eine zentrale Rolle als Ratgeberin: Merkel ruft sie immer wieder mal an und erfragt ihre Meinung. Der einzige, der sowohl in seiner dokumentarischen Gestalt als auch in der fiktionalen Version (Aram Arami) auftaucht, ist der Syrer Mohammad Zatareih, der Anführer des "March of Hope".

Spannung bezieht der Film aus der Parallelführung zweier Aktionen. Das kann beim Aufbruch der Flüchtlinge gut funktionieren, in der Darstellung des Politikeralltags - viel im Auto fahren und viel telefonieren - ist das schon schwieriger. Spannung durch spielfilmtypischen Schnitt/Gegenschnitt versucht der Film zum Beispiel in den Telefondiskussionen zwischen Feymann und Merkel aufzubauen - obwohl wir natürlich wissen, wie es ausgeht.

Ein gewisses Spannungspotenzial entsteht auch, wenn sich die Dramatik erst langsam im Umfeld der Kanzlerin herumspricht ("Nichts Neues aus Ungarn"), während wir als Zuschauer schon längst wissen, was sich da zusammenbraut. Allerdings traut der Film diesen Elementen nicht so ganz und greift tief in den Topf mit dem Erregungssound, damit auch jeder kapiert, wie spannend das alles ist. Mit dem Ergebnis, dass 90 Minuten lang die Nervensäge auf der Tonspur tanzt.

Stellt sich als zentrale Frage, was die Form des Doku-Dramas an Erkenntnis leistet. Vor zwei Jahren hat Torsten Körner in "Drei Tage im September" allein aus dokumentarischem Material eine ähnliche Verdichtung versucht und einige wirkliche Erkenntnisse herausgearbeitet: etwa wie sehr die Politik davon getrieben wurde, dass die Flüchtlinge selbst ihr Schicksal in die Hand nahmen, sich aus der passiven Opferrolle herausarbeiteten. Wichtig ist in Körners Film auch die mediale Reflexion, etwa über die Rolle der Bilder für politische Entscheidungen (Kritik in epd 27/17).

In Twentes Doku-Drama spielt das kaum eine Rolle. Einmal nur scheint der frühere BND-Chef Schindler indirekt darauf zu antworten, als er sagt, Politik müsse unschöne Bilder schon aushalten. Diese Filmerzählung will dagegen etwas vom Innenleben von Politik zeigen - und zwar "so authentisch wie möglich". Ästhetisch setzt sie dafür auf Ähnlichkeit von Darstellern und Dargestellten.

Diese Form der Personalisierung führt freilich auch zur Verspielfilmung. So wird die Erkenntnis, dass die Flüchtlinge ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, sehr verkleinert. Der Film stellt das dar als einen Entschluss von Mohammad Zatareih und einem Freund, dem dann alle Flüchtlinge brav folgen. Niemals aber hätte ein solches Spielfilm-Narrativ dem "March of Hope" eine solche Kraft geben können. Befremdlich auch, wie die beiden Syrer ihren Plan auf Hochdeutsch diskutieren. Das kriegt ja selbst der "Polizeiruf" mit seinem polnisch-deutschen Kommissariat besser hin.

Die Innenwelt des Entscheidungsprozesses will der Film durch den eingangs geschilderten inneren Monolog Merkels darstellen. Auch ein zweites Mal wird der Kanzlerin eine Bildmontage unterlegt: das weinende Mädchen, das die Kanzlerin trösten muss, der Mob in Heidenau, die Bilder des toten Alan Kurdi - diese Bilder sollen nun am inneren Auge der Kanzlerin vorüberziehen. Muss man sich so politisches Denken vorstellen?

Eine fiktionale Szene bleibt jedoch stark in Erinnerung. Am Ende ihrer langen Dienstfahrt kommt die Kanzlerin spät abends nach Hause, keiner da, sie telefoniert mit ihrer Büroleiterin, und die sagt eindringlich: "Sie wissen, dass sie jetzt ganz allein sind, sie allein werden für die Folgen dieser Entscheidung verantwortlich gemacht werden." Da spürt man dann die Einsamkeit der Macht.

Das Bild von Angela Merkel vervollständigt schließlich der in solchen Fällen immer sehr anschauliche Thomas de Maizière: "Ich habe die Kanzlerin in Krisensituationen erlebt. Sie wird dann ganz leise, sehr ruhig und körperlich fast bedächtig. Dahinter steckt dann aber ein sehr scharfer Verstand und die Möglichkeit, alles abzuwägen. (...) Es ist ihre große Stärke, dann die Kraft zu haben, ihre Emotionen zu zügeln und dem Verstand das Prä zu geben."

Aus epd medien 35/19 vom30. August 2019