Einsame Wölfin

VOR-SICHT: "Sarah Kohr - Schutzbefohlen", Fernsehfilm, Regie: Bruno Grass, Buch: Timo Berndt, Kamera: Tobias Schmidt, Produktion: Die Film GmbH (ZDF, 1.2.21, 20.15-21.45 Uhr)

Personenschutz ist ihre Spezialität - und gleichzeitig ihre größte Schwäche. Sarah Kohr (Lisa Maria Potthoff), die schlagkräftigste Polizistin im deutschen Fernsehen, tritt mit ihrem fünften Fall, "Schutzbefohlen", wieder einmal eine Mission mit vielen Unbekannten an, glänzt im Nahkampf, stürzt vom Dach, handelt sich in mehrfacher Hinsicht erhebliche Blessuren ein, misstraut jedem, nur nicht ihrem eigenen Gespür für Bullshit, entwirrt ein perfides Netz aus Geschäfts- und Politikinteressen. Die Gegner lässt sie dabei reihenweise alt aussehen.

Geplant war 2014 ursprünglich ein Soloauftritt der LKA-Ermittlerin. In Urs Eggers Thriller "Der letzte Kronzeuge - Flucht in die Alpen" rettete sie, nach einem Einsatz mit Todesfolge selbst traumatisiert, ein Kind vor den Mördern seines Vaters. Schon in diesem ersten Einsatz lief dramaturgisch alles auf den großen Showdown hin. Die Bösen gegen die austrainierte, durchdefinierte Frau im Vollbesitz ihrer Krav-Maga-Kräfte und ihrer Waffe.

Inzwischen schreibt Timo Berndt die Bücher, nicht mehr Stefan Rogall, aber die Grundmotivation der zentralen Heldin ist gleich geblieben: Wer an Sarah Kohr vorbei und vor allem, wer an ein Kind will, der stelle sich besser auf die Unerschrockenheit einer einsamen Wölfin ein, die ihr Leben für das der Kleinen geben würde. Der einsame Wolf rettet sich vor allem selbst, die Wölfin aber ist dem Nachwuchs, mithin dem Fortbestand der Gemeinschaft in unmittelbarer Weise verpflichtet. Jedenfalls zeigt sich so die treibende, "weibliche" Motivation der meist rasant in Szene gesetzten Fälle. Sarah Kohr setzt ihre Prioritäten eindeutig. Sie hat keinen, sie ist der moralische Kompass. Mit einer gewissen, klischeehaft "männlich" genannten, "Der Zweck heiligt die Mittel"-Lässigkeit.

"Wonder Woman" Sarah Kohr mag prügeln, gewitzt sein, Verbindungen sehen, die anderen verborgen bleiben, ihre Signaturkluft aus dunkler Skinny-Jeans und Lederjacke, ihre Pferdeschwanzfrisur und zerschrammte Haut für zahlreiche körperbetont gefilmte Szenen hinhalten - zuallererst ist sie Beschützerin von Witwen und Waisen.

In "Schutzbefohlen" ist es ein chinesischer Witwer mit (Halb-)Waisin. Dieser will mit seiner Übersetzerin und heimlichen Lebensgefährtin Marie (Anna Unterberger) und Töchterchen Vergissmeinichtblumen für den am Hamburger Hafen vor einiger Zeit tödlich verunglückten Vater ablegen. Mian Chen (Vu Dinh) führt das umstrittene Investment-Projekt seines Vaters fort. Der vom chinesischen Unternehmen geplante Ausbau des Hafens ist freilich schwer umstritten. Sowohl Umweltschützer als auch lokale Unternehmer wehren sich, die zuständige Politikerin Broschke (Julika Jenkins) fiebert der Unterzeichnung der Verträge zur Elbvertiefung entgegen.

Obwohl durch den Security-Mann Stölzer (Max Simonischek) und seine Mitarbeiterin gesichert, wird auf Chen ein Anschlag verübt. Die Explosion eines ferngesteuerten Spielzeugboots ruft Kohr auf den Plan. Der Täter, offen geführt, ist Kohrs Ex-Kollege Henning Lanz (Sebastian Blomberg). Mithilfe von Staatsanwalt Anton Mehringer (Herbert Knaup) gelingt es Kohr, in Chens Villa zum Schutz von Vater und Tochter aufgenommen zu werden.

Es ist Kohrs Abbitte. Sie, Lanz und eine andere LKA-Kollegin waren damals für die Sicherheit von Chens Vater verantwortlich. Die Kollegin, jetzt im Koma, verursachte unter Drogen den Unfall, bei dem der Senior im Hafenbecken starb. Lanz und Kohr wurden degradiert. Die Nahkämpferin kommt darauf, dass sie in Lanz' geheimem Plan die zentrale Rolle spielt. Trotz Verfolgung und Schlagabtausch lässt er sie im entscheidenden Moment nicht fallen, sondern rettet ihr Leben. Nach und nach kommt Kohr einem Komplott auf die Spur, das die Verteilung der Rollen auf den Kopf stellt.

Der Fall ist dieses Mal erstaunlich nachvollziehbar konstruiert; die nicht nur kollegiale Anziehung zwischen Stölzer und Kohr macht durchaus Sinn und die Szenen mit Lanz sind vielversprechend mehrdeutig und visuell gelungen. Insgesamt hält "Schutzbefohlen" die Spannung aber nicht durchgehend. Wenn Kohr Vater, Tochter und Übersetzerin mit zum gemütlichen Kaffeeplausch und Kirschkuchenbacken zu ihrer eigenen Mutter (Corinna Kirchhoff) fährt, während Stölzers Security ausrastet und Lanz schon in Gärtnerverkleidung ums Haus schleicht, wirkt das zwar gewollt eigenwillig, aber mehr noch wie aus dem Grundkurs Spannungsdramaturgie entlehnt.

Lisa Maria Potthoff spielt ihre durch die früher gescheiterte Mission umso entschlossenere Superfigur allerdings glaubwürdig fokussiert, insbesondere die Szenen mit Sebastian Blomberg haben ihre auch dunkleren Momente. Als Thriller, indem man keine elaborierten Charakterstudien erwartet, funktioniert die Folge gut, und wer physische Präsenz mehr schätzt als subtiles Spiel, der kommt auf seine Kosten.

Aus epd medien 4/21 vom 29. Januar 2021

Heike Hupertz