Einsame Wölfin

VOR-SICHT: "Tatort - Das verschwundene Kind", Krimi, Regie: Franziska Buch, Buch: Jan Braren, Stefan Dähnert, Franziska Buch, Kamera: Konstantin Kröning, Produktion: Filmpool Fiction (ARD/NDR, 3.2.19, 20.15-21.45 Uhr)

Eine Kommissarinnenfigur wie Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) lässt man nicht einfach sterben. Erstens ist sie ein Publikumsliebling. Zweitens, und das hat sich deutlich in ihrem letzten "Tatort: Der Fall Holdt" gezeigt, kann diese Figur immer noch mit Gewinn weiter erzählt werden. In ihrem 25. "Tatort" erlebte Lindholm, oft unnahbar, überheblich, einzelgängerisch, einen Alptraum: erst eine schlimme persönliche Erniedrigung, dann der Verlust von Kontrolle und professioneller Selbstbeherrschung, schließlich Fehler und Grenzüberschreitungen, die den undurchsichtigen Verdächtigen Frank Holdt (grandios: Aljoscha Stadelmann) in den Selbstmord trieben. Düster und trostlos inszeniert, führte das überzeugende Buch von Anne Zohra Berrached Lindholm einmal tief hinunter in die persönliche Hölle - und nicht mehr zurück.

Aus Frustration über Ermittlungspannen wurde Demontage und schließlich (Selbst-)Erniedrigung, die nun in "Das verschwundene Kind" fortgeschrieben wird. Das Buch von Jan Braren, Stefan Dähnert und Franziska Buch (auch Regie) zeigt aber leider wenig von der Komplexität des Vorgängers. Was in "Der Fall Holdt" vage war und moralisch fraglich blieb, wird nun überdeutlich. Wieder wird ein Grund gefunden, der plausibel macht, warum dieser Fall die einstmals so analytische, über den Dingen stehende Kommissarin im Innern anfasst. Bei "Der Fall Holdt" war es die erniedrigende Erfahrung, beim Pinkeln vor einem Club von Männern gefilmt und gewaltsam angegriffen zu werden. Gewalt gegen Frauen bleibt auch in "Das verschwundene Kind" ein Thema, persönlich berührt aber wird Lindholm als Mutter.

Wieder bekommt sie, die einsame Wölfin, eine neue Partnerin. In "Der Fall Holdt" sah ihr Vorgesetzter sie überfordert und schickte ihr eine forsche Assistentin, die ihr, filmästhetisch reizvoll, als ihr jüngeres, fitteres, karrierehungriges Spiegelbild begegnete. Beim ersten Aufeinandertreffen trug Frauke Schäfer (Susanne Bormann) die nahezu gleiche Bluse, war ähnlich frisiert, erschien dem "gerupften Huhn" Lindholm (ihr Vorgesetzter) wie ein Déjà vu. Dieses Motiv schreibt "Das verschwundene Kind" in plakativerer Weise fort. Nun heißt der Gegensatz der Ermittlerinnen nicht älter - jünger beziehungsweise "innerlich fast zerbrochen" versus "vom Beruf noch unbeeindruckt", sondern Eisprinzessin versus temperamentvolle (eher unbeherrschte) dunkle Schönheit.

Das Aggressionspotenzial zweier Ermittlerinnenfiguren, die einander als Konkurrentinnen begreifen, bleibt erhalten, das ist reizvoll und verspricht eine interessante Fallhöhe. Teamarbeit bleibt schwierig, Kontrollverlust ein Thema. Die düsteren Charakterfarben aber sind in dieser Folge kaum noch gefragt. Am Ende steht zu vermuten, dass Lindholms Degradierung und Strafversetzung nach Göttingen zu Anais Schmitz (Florence Kasumba) der Beginn einer wunderbaren Frauenfreundschaft ist.

Es beginnt mit einer Konfrontationsszene. In der verlassenen, verdreckten Umkleidekabine einer Göttinger Schule hält Lindholm, gerade aus Hannover eingetroffen, die dunkelhäutige Hauptkommissarin Schmitz für die Putzfrau und herrscht sie an, dass sie den Tatort kontaminiere. Dass Florence Kasumba hier weißen Kittel, Gummihandschuhe und Toilettenpömpel trägt, wirkt wie ein ziemlich gewolltes Missverständnis. Jedenfalls ist der Ton gesetzt, die gegenseitige Abneigung zunächst gegeben, bis zur Konfrontation auf einer Brücke, in der Schmitz Lindholm vor dem Team ohrfeigt und der Fassungslosen dann offenbart, dass auch sie keineswegs eine makellose Frau Perfekt ist, sondern mehrfach wegen Aggressionsproblemen und Handgreiflichkeiten angezeigt wurde. Die Kamera von Konstantin Kröning filmt diese Szene wie ein Duell. Dass es nach dieser Eruption auf gegenseitiges Verständnis zulaufen muss, wird sehr deutlich.

Gerichtsmediziner und Charmebolzen Nick Schmitz (Daniel Donskoy) wird als "love interest" ins Spiel gebracht, zumal er Lindholm, die offenbar wieder Single ist, eine Schlafcoach - in seinem ungenutzten Wohnwagen - anbietet. Wenig später entpuppt er sich überraschend als Anais Schmitz' Ehemann. Auch hier hält es Franziska Buch mit dem Übersichtlichen: Hüben analytisch, drüben emotional, hüben attraktive Einsame, drüben attraktive Ehefrau und so weiter. Mag sein, um dem eigentlichen Fall mehr Raum und Gewicht zu geben.

Die fünfzehnjährige Julija Petkow (Lilly Barshy), die ihre Teenagerschwangerschaft komplett verdrängt hat, gebiert ohne fremde Hilfe ein Kind in der Schulumkleide. Ihre Qualen werden drastisch in Szene gesetzt. Verzweifelt ruft sie ihren Halbbruder Nino (Emilio Sakraya) an, der strenge alleinerziehende Vater (Merab Ninidze) darf nichts wissen. Als die Ermittler durch den Schulhausmeister gerufen in die Schule kommen, gleicht die dreckige Umkleide einem Schlachthaus. Blut auf dem Boden. Lindholm, Unerschrockenheit hat sie sich bewahrt, zieht Plazenta und Nabelschnur aus der verstopften Toilette.

Ungewollte Teenagerschwangerschaft, Verdacht des Kindesmissbrauchs, möglicher Inzest und Vergewaltigung stehen zur Debatte. Mutter und Kind sind zunächst verschwunden, das Auffinden des Babys ist womöglich eine Frage von Leben und Tod. Die beiden maximal ungleichen Frauenfiguren haben aus unterschiedlichen Gründen starke mütterliche Gefühle. "Das verschwundene Kind" ist zwar dramaturgisch überzeugend, die Komplexität ist aber im Vergleich zu "Der Fall Holdt" deutlich reduziert. Wenn in Göttingen künftig nicht nur hie und da aufflammende Konkurrenz und sonst geballte Frauenpower eine Rolle spielen sollen, sondern lebensechtere Probleme von Frauen im Beruf, dann wünschte man sich mehr Zwiespältiges und Zweifelhaftes.

Aus epd medien Nr. 5 vom 1. Februar 2019

Heike Hupertz