VOR-SICHT:„Lost in Fuseta - Ein Krimi aus Portugal“, zweiteiliger Krimi, Regie: Florian Baxmeyer, Buch: Holger Karsten Schmidt, Kamera: Michal Grabowski, Produktion: FFP New Media (ARD/Degeto, 10.9.22, 20.15-23.30 Uhr)

epd Holger Karsten Schmidt hat seit 1995 - wenn die Liste der Internet Movie Database vollständig ist - knapp 100 Drehbücher zu Fernsehproduktionen geschrieben. Wie „Isenhart“ (2011), „Auf kurze Distanz“ (2015) und die Serie „Die Toten von Marnow“ (2021) beruht auch der Zweiteiler „Lost in Fuseta“ auf seinem eigenen Roman: Unter dem Pseudonym Gil Ribeiro schreibt Schmidt an einer mittlerweile fünf Bände umfassenden Krimireihe über einen deutschen Kommissar namens Leander Lost an der portugiesischen Algarve-Küste. Die starke Stellung, die Schmidt als Urheber der Romanfigur besitzt, wusste er offenbar zu nutzen. Einer Verfilmung habe er nur unter der Voraussetzung zugestimmt, „dass dafür 180 Minuten zur Verfügung gestellt werden“, schreibt die ARD.

Eigentlich ist Schmidt Spezialist für deutsche Krimilandschaften, man denke nur an die wunderbare Harz-Reihe „Harter Brocken“ mit Aljoscha Stadelmann oder an die an der Ostseeküste spielenden „Nord bei Nordwest“-Filme mit Hinnerk Schönemann. Zwei seiner drei Grimme-Preise erhielt Schmidt für „Mörder auf Amrum“ und „Mord in Eberswalde“.

Warum jetzt also Portugal? Portugal und die Algarve habe er 1988 während einer Interrail-Reise das erste Mal besucht, sagt Schmidt. Seither sei er „immer wieder zurückgekehrt“. Eine Urlaubsliebe also, und das spiegelt sich auch in der Verfilmung durch Florian Baxmeyer. Man spürt die Zuneigung in den Figuren und den Bildern, die portugiesische Sonne und viel Licht, doch erfreulich wenige Postkartenperspektiven ins Wohnzimmer gießen.

Kameramann Michal Grabowski darf sich, verglichen mit anderen Krimireihen, austoben und das Publikum visuell beeindrucken. Schwindelerregende Kameraflüge, Action an der Staumauer, auch mal ein Spezialeffekt wie in einem Horrorfilm. Die Algarve wird hier zu einer Kulisse der Gegensätze: staubige Straßen, armselige Hütten, aber auch romantische und sogar luxuriöse Anwesen mit Garten und Pool. Mal wähnt man sich irgendwo im heißen Western-Niemandsland, mal im Paradies. Das allerdings von einem Konzern bedroht wird, der zweifelhafte Geschäfte mit dem Trinkwasser betreibt. Damit greift Schmidt ein hochaktuelles Thema auf, ohne seinen Figuren didaktische Vorträge in den Mund zu legen.

Beim Schreiben der klassischen Geschichte vom Kampf Gut gegen Böse scheint der Autor allerdings in den Topf mit dem Namens- und Wortspiel-Zaubertrank gefallen zu sein. Insbesondere an religiösen Bezügen mangelt es nicht. Der Konzernmanager ist ein unscheinbar wirkender Schweizer namens Benedict (Philippe Graber), dessen Tochter Eva (Laura Dutra) ausschließlich und umso auffälliger als Sinnbild der Verführung durchs Bild läuft. Der Mann fürs Grobe, Abel Peres (José Fidalgo), ist ebenfalls eine Mischung aus religiösem Zitat und Karikatur. Zum einen ist Abel der zweite Sohn von Adam und Eva, zum anderen entspricht der Abel hier äußerlich der ikonischen Jesusdarstellung, weiß aber diabolisch zu lächeln. Dass der Name seines Auftraggebers an den letzten Papst aus Deutschland erinnert, wird dann wohl ebenfalls kein Zufall sein.

Auch die Hauptfigur bleibt nicht vom Schmidt'schen Namensspiel-Furor verschont. Kommissar Lost (Jan Krauter) aus Hamburg, der im Rahmen eines Europol-Austauschprogramms seinen Dienst in Portugal antritt, ist tatsächlich eine Art „Verlorener“, jedenfalls in der zwischenmenschlichen Kommunikation. Als Asperger-Autist kann er den Gesichtsausdruck seines Gegenübers nur mühsam entschlüsseln. Er versteht keine Ironie, nimmt alles wörtlich und ist unfähig zu lügen. Das lässt ihn gleich am ersten Tag wegen eines Geheimnisverrats zum unbeliebten Außenseiter in seinem neuen Team werden. Andererseits verfügt Lost über ein fotografisches Gedächtnis und eine blitzschnelle Kombinationsgabe, was ihn wiederum bei den Ermittlungen nach einem Mord an einem Privatdetektiv unverzichtbar macht.

Autistische Protagonisten sind in Filmen und Serien längst keine Ausnahmeerscheinungen mehr. Dass man einen Charakter mit Entwicklungsstörung behutsam und nicht eindimensional zeichnen sollte, versteht sich von selbst. Der Film hält die Balance. Das Asperger-Syndrom wird einerseits nicht verharmlost - Leander Losts Welt gerät buchstäblich aus den Fugen, wenn die „Wächter“, sieben von ihm sorgfältig im Zimmer verteilte Steinfiguren, nicht mehr an ihrem Platz sind. Andererseits fehlen auch Humor und eine gewisse Leichtigkeit nicht. Hauptdarsteller Jan Krauter gibt eine sehenswerte Vorstellung als Außenseiter, der in Anzug und Krawatte seiner Umgebung mit deutscher Besserwisserei auf die Nerven geht und sich zu einem Undercovereinsatz überreden lässt, weil er mal wieder den Subtext nicht versteht.

Auch die Zuneigung von Soraia Rosada (Filipa Areosa), der Schwester der Kommissarin, bekommt er nicht so recht mit. So bleibt es bei einer moderaten Dosis Romantik.

Filmsprache ist ein Deutsch, das eigentlich Portugiesisch sein soll. Eva Meckbach ist Kommissarin Graciana Rosada, Daniel Christensen spielt als Dritten im Ermittlerbund den Kollegen Carlos Esteves. Die portugiesischen Nebendarsteller wurden synchronisiert. Lost beherrscht angeblich akzentfrei die Sprache seines Gastlandes, davon ist allerdings nichts zu hören.

Die Geschichte hält über 180 Minuten die Spannung, auch weil der zweite Teil praktisch ein neuer Film ist. Eine bei einem Autounfall getötete Umweltaktivistin hinterlässt eine punkige Tochter: Zara (Bianca Nawrath) könnte eine wichtige Zeugin sein, macht aber vorerst dicht. In der Hoffnung, dass Lost das Vertrauen des kratzbürstigen Teenagers gewinnt, wird sie aus dem Waisenheim geholt und bei ihm einquartiert. Der Gast aus Deutschland wurde in einer reizenden Finca einquartiert, die man am liebsten gleich für den nächsten Portugalurlaub buchen möchte. Dort kommt es zu dem vorhersehbaren Showdown. „Lost in Fuseta“ ist kein raffinierter Krimistoff, aber für Unterhaltung ist gesorgt.

Aus epd medien 36/22 vom 9. September 2022

Thomas Gehringer