Ein Mann tanzt sich frei

VOR-SICHT: "Tanze Tango mit mir", Fernsehfilm, Regie: Filippos Tsitos, Buch: Peter Güde, Matthias Fischer, Kamera: Ralph Netzer, Produktion: Die Film GmbH (ARD/BR, 10.3.21, 20.15-21.45 Uhr)

Was so ein bisschen Charme doch ausmacht! Wobei es ja nicht nur ein bisschen Charme ist, den der Schauspieler Michael A. Grimm hier verströmt, sondern jede Menge. Mit seinem lieben, runden Gesicht und seinem noch viel runderen Bauch wirkt der Schauspieler in der Rolle des Münchner Bankkaufmanns Frank so niedlich, dass man das ausgewachsene Mannsbild gerne in die Wange kneifen möchte. Und während man das denkt, macht es tatsächlich jemand. Das wirkt natürlich maximal herablassend - und bringt Franks Problem auf den Punkt: Niemand nimmt den gutmütigen Kerl für voll.

Denn Frank ist einer, der seine Schwiegermutter (schön ätzend: Gaby Dohm) zweimal die Woche zum Schwimmen fährt, obwohl sie pausenlos auf ihm rumhackt und meint, er habe ein "Hundehirn". Das letzte bisschen Respekt von Schwiegermutter, Frau (Eva Meckbach) und pubertierender Tochter (Lilith Kampffmeyer) scheint Frank verloren zu haben, als er seinen White-Collar-Job am Bankschalter an einen, wie es im Film heißt, Algorithmus abgeben musste. Seither wird auf ihm rumgehackt, er solle sich eine "richtige" Arbeit besorgen. Nachtwächter an der Theaterpforte lassen die Frauen nicht gelten, obwohl die Gattin doch auch "nur" in der ambulanten Pflege tätig ist.

Als ob das mit dem Finden eines statusgerechten Jobs um die 50 so einfach wäre. Das Rollenbild vom Mann als Ernährer wird hier so wenig infrage gestellt, als schrieben wir das Jahr 1970 in kleinbürgerlichem Milieu.

Der übergewichtige und schwer gestresste Frank erleidet einen Herzinfarkt - und was dann passiert, liest sich auf dem Papier so grauenvoll, dass man sich sicher ist, dass man das Klischee-Loser-Drama mit Happy-End-Garantie lieber nicht mit ansehen möchte. Doch zum Glück kann Charme ganze Drehbücher an die Wand spielen.

Frank, der sein ganzes Leben noch nie einfach getan hat, wozu er Lust hatte, sondern immer nur, was er sollte, entdeckt durch einen Zufall das Tangotanzen für sich. Machismo, Stöckelschuhe und Improvisation faszinieren "el pichón", das Küken, wie ihn seine argentinische Tanzlehrerin (Kara Wenham) wegen seines Bauches und seiner Grünschnabeligkeit tauft. Und was soll man sagen? Der Pummel hat Talent zu führen.

Frank tanzt sich frei zu voller Männlichkeit - das Küken wird zum Franco. Der Weg dahin wird lang und breit mit Rückschlägen, reichlich Längen und vielen Tangoeinlagen geschildert. Eigentlich war Frank Bewegung vom Arzt (erstaunlicherweise) streng verboten worden, weshalb er mit seinem Getanze seine Ehe riskiert. Doch Frank steht zu sich und zieht sein Tango-Ding durch. Am Ende wird alles gut, denn seine Frau hat verstanden, wie glücklich ihn das Tangotanzen macht.

Da bekommt sogar die kritische Zuschauerin ein paar Tränchen in die Augen, denn Geschichten darüber, wie ein Mensch entdeckt, wer er ist und lernt, zu sich zu stehen, sind immer wieder schön. Und Frank ist so ein Netter, dass man ihm den glücklichen Ausgang seiner Midlife-Crisis aus tiefstem Herzen gönnt. Keine Frage, dieser Film, der mit einem anderen Hauptdarsteller auch grauenvoll hätte geraten können, funktioniert.

Es gibt manche lustige und trockene Dialogzeile - und es tut immer gut, wenn ein Fernsehfilm unter normalen Leuten spielt, die normale Jobs und Probleme haben. Besonders Zuschauer in Franks Alter oder auch darüber - also die Zuschauer des Ersten - können die Tragik des Scheiterns des kleinbürgerlichen Bänker-Lebensentwurfs ermessen. Auf Sicherheit bedachte Eltern rieten ihrem Nachwuchs in den 80er, ja noch in den 90er Jahren gern zur Banklehre. Merke: Du sollst nicht auf Deine Eltern hören.

Aus epd medien 9/21 vom 5. März 2021

Andrea Kaiser