Ein Märchen von Schuld und Liebe

VOR-SICHT: "Das Tal der Mörder", Fernsehfilm, Regie: Peter Keglevic, Buch: Dominique Lorenz, Kamera: Emre Erkmen, Produktion: Neue Bioskop Television (ZDF, 26.10.20, 20.15-21.45 Uhr)

Es war einmal eine junge, fesche Prinzessin, die in das verfluchte Tal ihrer Eltern reiste. Dort trug sie immerzu Zöpfe und schlich im kurzen Hemd nachts durchs Gemäuer, um dem schrecklichen Geheimnis hinter dem Tod ihres Vaters auf die Spur zu kommen. Ihr Vater war nämlich der Kronprinz gewesen, wie ein Bruder zugeneigt dem Herrscher des Tals, bevor beide in Liebe zur Prinzessinnenmutter entbrannten, die, zuvor mit dem Herrscher verlobt, nun nur noch Augen für den anderen hatte. Als ihr Geliebter im Marmorsteinbruch zu Tode stürzte, verschwand die Prinzessinnenmutter mit ihrer Leibesfrucht ins ferne Frankfurt, wo auch schon Johanna Spyris Heidi nicht glücklich wurde. Auch die Mutter starb vor Gram (manche nennen es Krebs), lange, bevor sie das sechzigste Jahr erreichte. Und ließ das Kind schwören, den Herrscher als Mörder zu überführen.

Die Prinzessin, zart von Angesicht und Studentin des Strafrechts, schnürte den Wanderrucksack und die Haferlschuhe und fuhr mit der Bahn ins verfluchte Tal, eigentlich aber in ein anderes Zeitalter und in ein Märchenland, in dem die Gesetze der Logik durch die der Schauerromantik aufgehoben waren. Vom dunklen Herrscher ging eine furchtbare Anziehungskraft aus, er war ein Tyrann der Liebe und der Prinzessin wurde gleich sinnenverwirrend verliebt ums Herz. So war die Geschichte bald keine psychologische mehr und auch kein Thrillergeschehen, sondern ein veritables Märchen, das sich Motive in der Literaturgeschichte zusammengeklaubt hatte wie ein armes Kind die Brotkrumen vom schmalen Weg, der den Erzählfaden bilden sollte.

"Das Tal der Mörder", ZDF-Fernsehfilm der Woche, hat ein spektakuläres Setting im Salzburger Land (jedenfalls tragen die Autos diese Nummernschilder). Der Film ist voller tödlicher Familiengeheimnisse, Liebe, Wut, Ekstase, Untergang und Verzweiflung. Die Prinzessin Eva Kufner spielt Anna Unterberger, Fritz Karl den dunklen Herrscher Toni Gasser. Weitere Hauptrollen: eine weibliche Marmorfigur, die Anlass zu entrückter Betrachtung gibt, und die Landschaft in melancholischen herbstlichen Farbtönen. Hinzu kommen Interieurs des weitläufigen Gasserschen Hofes mit den gescheuerten Kupferkesseln hoch über dem Dorf.

In diesem Hof fühlen sich die Gassers der männlichen Linie seit Jahrhunderten erhaben und sind, wie im Märchen üblich, gleichzeitig an den Ort gebannt. Von ihren Frauen erwarten sie eine Art Dienerschaft. Für die Aufwartung sorgt das alte, knorrig sorgenzerfurchte Ehepaar Karl (Franz Buchrieser) und Thea (Gertrud Roll). Thea, Köchin, betet vor ihrem Schrein mit Gasserfotos in Familienaufstellung unablässig das "Gegrüßet seist Du, Maria", Kurt hat sich mit Pech und Schwefel dem Toni verschworen und einen Eid für ihn abgelegt.

Als die junge Eva nach dem frühen Tod ihrer Mutter anreist, um Toni nach 30 Jahren als Mörder ihres Vaters zu überführen, führt ihr erster Weg sie zum Postenkommandanten Peter Colb (Robert Seethaler), der zweite in den Gasthof, wo die junge verstoßene Katrin (Katharina Leonore Goebel) arbeitet und misstrauisch schaut und der dritte direkt zum Gasserhof, wo gerade Tonis Frau betrauert wird. Auch sie kam im Marmorsteinbruch ums Leben, an derselben Stelle wie Evas Vater. Wieder ein Unfall, befindet die Polizei. Dabei verspeisen die Gassers blonde Frauen gewohnheitsmäßig zum Frühstück. Und gleich wird Eva ganz seltsam zumute. Während Tonis Sohn Jakob (Franz Dinda mit wildem, schmerzerfüllten Dauerstarren) in ihr eine Erbschleicherin vermutet, fasst der jüngere Sohn Florian (Gerrit Klein) gleich eine tiefe Zuneigung zu ihr.

Der Vater ist ein Kraft- und Tatmensch, hämmert nachts seine Wunschfrau aus einem am Ende zärtlich seidenglatt geschliffenen Marmorblock, verbrennt Andenken an seine Frau und verliebt sich Hals über Kopf in die junge Frau. Halb zog er sie, halb sank sie hin. Während sie im Kirchenchor recherchiert, denn die neue Tote verstand sich gut mit dem Organisten Martin (Felix Eitner) - und auch singt, rückt ihre wachsende Verliebtheit in den Fokus des Films, bleibt aber für eine amour fou zu sehr von Bestürztheit durchtränkt. Will sie den Tyrann überhaupt noch überführen? Was hat es zu bedeuten, dass er auf dem schmalen Höhenpass mit ihr durch einen stockdunklen Tunnel fährt? Ein tiefenpsychologisches Symbol, eine sexuelle Initiation?

Hält man Märchen für poetischen Unsinn, dann wird man wahrscheinlich geneigt sein, "Das Tal der Mörder" auf halber Strecke auszuschalten. Regisseur Peter Keglevic und Autor Dominique Lorenz haben zudem für das Unheimliche nicht allzu viel übrig, was schade ist. Zumal Fritz Karl solchen Rollen ein rustikales dämonisches Flair zu geben versteht. In "Tal der Mörder" versucht man dagegen, die sagenhaft zusammengeborgte Geschichte zwar in düsteren, aber eher einfallslosen Bildern zu erzählen. Die Liebe kommt aus dem Blauen und muss allein durch Großaufnahmen der Beteiligten Karl und Unterberger beglaubigt werden. Das führt dazu, dass man keine Sekunde um die Prinzessin zittert, was in solcher Erzählung das mindeste wäre.

Der Verzicht auf das mystische Element, magische Stimmung und Alchemie hier und da nimmt dem Film poetische Glaubwürdigkeit, die die hier verhandelten Unwahrscheinlichkeiten zusammenhalten könnte. Geborgt hat das Drehbuch - von Inspiration mag man nicht reden - bei Eichendorffs christlich grundierter Erzählung "Das Marmorbild", bei Samuel Richardsons empfindsamem Roman "Clarissa Harlowe oder die verfolgte Unschuld", bei Emily Brontës "Wuthering Heights", bei Daphne Du Mauriers "Rebecca" und ein bisschen auch bei Mary Shelleys "Frankenstein". Bei diesen Vorbildern ist in einem Schuld-Sühne-Liebe-Film vor allem eins zu erwarten: verunsichernde Stimmung. Aber genau daran mangelt es in "Tal der Mörder".

Aus epd medien 43/20 vom 23. Oktober 2020

Heike Hupertz