Ein Bildungsroman

VOR-SICHT: „Alice“, zweiteiliger Fernsehfilm, Regie: Nicole Weegmann, Buch: Daniel Nocke, Silke Steiner, Kamera: Alexander Fischerkoesen, Produktion: Neue Schönhauser Filmproduktion (ARD/RBB/WDR, 30.11.22, 20.15-23.15 Uhr, ab 23.11. in der ARD-Mediathek)

epd Ultimative Lobhudelei oder kritische Würdigung? Beschränkung auf eine kurze Wegmarke oder getreuliches Nachzeichnen eines Lebenswegs? Größtmögliche Ähnlichkeit oder Brecht'sche Aufdeckungs-Distanzierung? Biopics können verschiedene Haltungen einnehmen, verschiedene Arten von Lebens- und Zeitläuften anschaulich machen. Sie können Korrekturen versuchen oder den breiten Pfad des sattsam Bekannten betreten. Gute Biopics entscheiden sich nicht für Entweder-oder, sondern für Mehrdeutigkeiten. Mehrdeutigkeiten, die der Zuschauerin oder dem Zuschauer die bekannt geglaubte Person neu und interessant machen.

Am besten ist es, wenn nicht alles aufgeht, nicht jede Lebensentscheidung rückwärts plausibilisiert wird, nicht jeder Bruch hinlänglich erklärt wird und nicht jedes Scheitern Vorläufigkeitspathos erhält. Eine Biografie ist ein Konstrukt aus dem, was geschah, den entsprechenden Deutungen und mit Imagination gefüllten Leerstellen.

Dem Geburtstags-Zweiteiler „Alice“ von Nicole Weegmann (Regie) und Daniel Nocke und Silke Steiner (Buch) sowie der mal federleicht beim französischen Film borgenden, mal Szenen bewusst mit deutscher Humorlosigkeit ausleuchtenden Bildgestaltung von Alexander Fischerkoesen ist als Biopic vieles gelungen. Eine kritische Abrechnung will dieser Film zu Recht nicht sein. Er mag seinen Gegenstand, bewundert ihn, will vor allem Würdigung einer großen deutschen, umstrittenen Persönlichkeit sein. Und er ist ein Bildungsroman.

Zu Beginn des Films treffen wir „Fräulein“ Alice Schwarzer (Nina Gummich) in den Sechzigern als Au-pair in Paris. Ein Sehnsuchtsort, ein Nachkriegs-Aufbruchsort, hier beginnt Alice Schwarzer zu schreiben. Sie bewundert Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, beim Interview mit dem Meister hat sie ein einschneidendes Bildungserlebnis: Simone de Beauvoir (Sarah Chaumette) schaut missbilligend auf Alices kurzen Rock, der ihre Beine Sartres (Charlie Nelson) Blicken freigibt. Der jungen Autorin, die am liebsten an der Münchner Journalistenschule angenommen werden wollte, ist das peinlich.

Das Private ist politisch, auch mit dem richtigen Bewusstsein kann es Sexismus geben. Später, während der Studentenproteste, findet sie die Antworten im Feminismus, während die Frauenkollektive jede Frage mit dem Klassenbewusstsein lösen wollen. Eigentlich findet sie Simone de Beauvoir auch interessanter als ihren Mann, hätte viel lieber ihre Stimme gehört. Später vergleicht sie die Chuzpe von „Charlie Hebdo“ und „Nouvel Observateur“ mit den Blättern in Deutschland.

Darum, so erfährt man gleich zu Beginn, bei wie hingetupften sommerleichten Szenen am Meer in Frankreich und in Parisbildern mit Musette-Untermalung, will Alice Schwarzer Journalistin werden: um sich mit allen anzulegen. Wozu eine gewisse Monomanie unabdingbar ist. „Feinde in Scharen! Ein wahres Vergnügen dazusein“, so hat es Karl Kraus ausgedrückt. Und eine Unbekümmertheit, die hier in der Beziehung mit dem Philosophiestudenten Bruno (Thomas Guené) Ausdruck findet. Bruno ist in feministischer Hinsicht ein wahrer Wundermann der gerechten Arbeitsteilung, er bleibt aber nach zehn Jahren deutsch-französischer Beziehung mit der „Powerfrau“ Schwarzer auf der Strecke und kann nur noch ihren Trennungswunsch akzeptieren.

Bloß den Vorwurf der Sauertöpfigkeit des Feminismus unterlaufen! So scheint es sich die Inszenierung vorgenommen zu haben, und so hat es Alice Schwarzer ja auch immer gehalten. Der Weg der Einfluss und Aufmerksamkeit, ja, Größe suchenden Autodidaktin Alice führt von der Ablehnung an der Münchner Journalistenschule über die „Düsseldorfer Nachrichten“ mit einem Abstecher nach Wuppertal zum Lebensmenschen, dem Großvater (Rainer Bock), zum Frankfurter Satiremagazin „Pardon“.

Eine Riege herablassender Redakteure und Verleger tritt auf, aus der besonders Henri Nannen (Sven-Eric Bechtolf) und Rudolf Augstein (David Rott) herausragen. Bei „Pardon“ ist es der Redakteur Wilhelm Genazino, mit dem die Unerschrockene Interviews mit Frauenhassern übersteht, während er sich wegduckt, aber später in der Apfelweinkneipe das Wort führt. Im zweiten Teil ragt das historische TV-Duell beim WDR mit der Anti-Feministin Esther Vilar (Katharina Schüttler mit nöliger Stimme) über ihr Buch „Der dressierte Mann“ heraus.

Weitere Stationen folgen. Nun geht es vor allem um Schwarzers Stellung innerhalb der Frauenbewegung. Ihr wird mangelnde Teamfähigkeit, Interesse an Oberflächlichkeiten wie schicke Kleidung vorgeworfen. Die Konflikte werden dargestellt, nicht zugespitzt. Dann die Kampagnen und der Erfolg. Paragraf 218, der „Stern“-Titel „Wir haben abgetrieben“, das Buch „Der kleine Unterschied“, die Etikettierung als „meistgehasste Frau Deutschlands“.

Dazwischen gibt es immer wieder ruhige Momente und Szenen, in denen die öffentliche Person als Mensch sichtbar wird. Dass dies geschehen kann, dass eine Frau, die wohl fast jeder hierzulande in gewissem Maß zu kennen glaubt, wirklich sichtbar wird, liegt vor allem an Nina Gummich. Ihre Anverwandlung, auch in Mimik und Gestik, ist gelegentlich geradezu unheimlich, und doch spielt sie Alice Schwarzer nicht als Ähnlichkeitsaufgabe. In stillen Szenen sieht man ihr Angefasstsein, etwa, als Verrisse in der Presse auch ihr Aussehen schmähen, sie als „Brillenschlange“ verunglimpft wird. Sie kämpft vor dem Spiegel mit Kontaktlinsen, spürt die Unbequemlichkeit, betrachtet sich ernst, man sieht sie beim Denken, dann pult sie die mutmaßlichen Verschönerungsinstrumente wieder heraus und setzt die Brille auf - wie das Visier einer Kampfmontur. Gummich macht Schwarzer sichtbar, es stellt sich der Eindruck ein, als wäre ihre Darstellung mehr die wahre Alice Schwarzer als die echte, die Medienpersönlichkeit.

„Alice“ ist natürlich auch mediengeschichtlicher Diskurs, der Film erhellt zeithistorisch die Männermacht im Journalismus, zeigt das Diskussionsfernsehen der Siebziger und setzt, an den richtigen Stellen und in sehr nachvollziehbarem Umfang, auf Dokumentarmaterial. Es ist ein Jubiläumsfilm, keine Frage, und als solcher eine Verbeugung vor der Lebensleistung von Alice Schwarzer. Er endet mit dem Druck der allerersten Ausgabe von „Emma“. Die Redakteurinnen feiern mit Hummer und Champagner. Sie haben es geschafft. Es ist das Jahr 1976. Dass die Gleichstellung auch 50 Jahre später noch nicht erreicht ist, auch davon erzählt dieser Bildungsroman.

Aus epd medien 46/22 vom 18. November 2022

Heike Hupertz