Echt jetzt?

VOR-SICHT: „Geliefert“, Fernsehfilm, Regie und Buch: Jan Fehse, Kamera: Michael Wiesweg, Produktion: TV60film (ARD/BR/Arte, 13.10.21, 20.15-21.45 Uhr)

epd Der legendäre britische Sozialfilmer Ken Loach, inzwischen Mitte 80, hat einen Film über einen Paketboten gedreht, der im Mai 2019 bei den internationalen Filmfestspielen in Cannes gezeigt wurde. Er geht für die Hauptfigur und ihre Familie so schlecht aus, dass er einem ob der geschilderten Ausweglosigkeit unter die Haut geht. Der 30 Jahre jüngere Jan Fehse hat für die Münchner Produktionsfirma TV60film einen Fernsehfilm über einen Paketboten geschrieben und gedreht, der im Juli 2021 auf dem Filmfest München Premiere hatte. Hier gibt es am Ende für die Hauptfigur eine richtig schnuckelige Perspektive: selbstständiger Pächter des Fußball-Vereinsheims statt prekär Beschäftigter!

Im Übrigen gilt: Wie sich die Bilder gleichen. Wer selbst vergleichen möchte: „Sorry We Missed You“ gibt es zurzeit beim Streamingportal Mubi. In „Geliefert“ heißt der deutsche Paketbote Volker und wird gespielt von Bjarne Mädel. Wieder ist Mädel in einer seiner grundsympathischen „Schotty-Rollen“ zu sehen. Egal, wie oft der Schauspieler Journalisten in den Block diktiert, dass er gerne mal die Bösen spielen würde, dauernd muss er dann doch wieder ran, wenn es gilt, herzensgute „kleine Männer“ mit inneren Brüchen zu geben. Dabei hat er in dem Schirach-Projekt „Feinde“ doch gezeigt, dass er sogar einen Folterer mimen kann. Nun lasst ihn doch mal was anderes machen!

In England wie in Deutschland gilt: Mit dem Onlinehandel und Corona boomt die Paketzustellung. Die Arbeitsbedingungen in der Branche, in der vor allem Migranten und viele Männer aus dem östlichen europäischen Ausland tätig sind, sind berüchtigt. Das wäre dann auch gleich die erste große Frage an einen Film, der von der Machart her einen sozialkritischen und realistischen Impetus in der Ken-Loach-Tradition hat: Schotty - äh, Volker ist neben seinem fiesen Chef der einzige Deutsche, der überhaupt beim „Paketbotendienst Regensburg“, kurz PBR, arbeitet. Wenn ihr um diese soziale Realität doch so gut wisst, dass ihr sie im Film sogar benennt, warum zeigt ihr sie uns dann nicht? Warum geht es hier nicht um Zlatko, Marian oder Mohammed, sondern um den letzten Volker?

Übrigens sind diese Zusteller in ihrer Heimat mitnichten vor allem Physik- und Mathelehrer wie der einzige Kollege von Volker, den wir hier ein wenig kennenlernen. Zumindest die Benachrichtigungskarten, die ich bekomme, belegen, dass für viele Zusteller bereits das Abschreiben eines kurzen Namens vom Klingelschild ein Problem darstellt. „Geliefert“ ist eine Form des TV-Realismus, die in etwa so realistisch ist, wie die Oberpfalz, in der der Film spielt. Eine Oberpfalz, in der fast niemand Dialekt spricht (und die wenigen Nebenfiguren, die es in diesem Film doch tun, irritieren eher). Wenn Volkers Sohn sagt, dass er nicht möchte, dass sich sein Vater für ihn „krumm macht“, stürzt einen auch das in Nachdenklichkeit. Sagt ein Jugendlicher „sich krumm machen“? Sagt das überhaupt noch wer?

Okay, nehmen wir den Film als das, was er ist: als sozialromantische Erzählung rund um einen alleinerziehenden Supersympathen mit verzeihlichen menschlichen Schwächen, die ihn nur noch sympathischer machen. Als solche funktioniert der Film tadellos. Wir begleiten unseren Gutmenschen Volker in seinen Krisen und seiner Verzweiflung, die ihn (stets aus noblen Motiven, er will ja seinen Sohn fördern) einen verbotenen Nebenjob annehmen und schließlich sogar Geld entwenden lässt - selbstredend auf eine Weise, die im Grunde niemanden schädigt.

Für seine Fehltritte martert sich Volker und übt tätige Reue, denn er ist im Grunde ja ein Guter, der sich läutert. In komplexitätsreduzierenden Filmen wie diesem ist immer völlig klar, wer die Guten sind (die Armen und Paketboten) und wer die Bösen (die Vermieterinnen und Paketbesteller aus Faulheit). Klar ist auch, dass früher alles besser war (der soziale Zusammenhalt im neuerdings schicken Fußballverein) und dass der Gewerkschaftsanwalt immer hilft, selbst wenn man kein Mitglied ist. Echt jetzt, Leute?

Mädel trägt einen durch diesen Film. Er kann das. Und während die Zuschauerin ihr ganzes Herz an Volker, den alleinerziehenden, Menschen und Tiere liebenden Vater eines pubertierenden Sohnes (Nick Julius Schuck) verschenkt, denkt sie besser nicht groß nach. Das Problem von Fernsehkritikern ist, dass sie beim Gucken denken müssen und nicht hemmungslos schwelgen dürfen. Und sobald man vor dem Fernseher denkt, fällt einem so einiges auf. Etwa, dass die Lösungsvorschläge und Perspektiven hier genauso retro sind wie der ganze Film: Für die Migranten, die bei den Paketdiensten keulen, wird das mit dem Fussi-Vereinsheim in Deutschland wohl keine Perspektive sein. Und das mit dem selbstlosen Gewerkschaftsanwalt, der für Volker von der ebenfalls herzensguten besten Freundin herbeiorganisiert wird, erst recht nicht.

Aus epd medien 40/21 vom 8. Oktober 2021

Andrea Kaiser